09.05.2011 - Mit großem Interesse habe ich mir die 13 Tafeln der Ausstellung über die Vertreibung der Palästinenser angeschaut. Seit mehr als 30 Jahre interessiere ich mich sehr intensiv für die äußerst komplexe und widersprüchliche Geschichte des Nahost-Konflikts. Für mich ist die historische Darstellung der Ausstellung in Ordnung. Sie regt zum Nachdenken und zur Diskussion an. Das ist wichtig.
Natürlich gäbe es viele Aspekte, die sich hinzufügen ließen, bzw. deren Fehlen man bemängeln kann, Aspekte mit Kritik an allen unterschiedlichen Konfliktparteien! Natürlich könnte man 13 weitere Tafeln hinzufügen und 13 mal 13 und selbst dann gäbe es noch fehlende Aspekte.
Ich freue mich sehr, dass in Aachen eine solch kritische Ausstellung gezeigt werden kann und dass darüber sachlich-kritisch gestritten wird. Das ist notwendig, aber leider nicht selbstverständlich.
Was mich dennoch ein wenig stört an der Aachener Debatte um die Naqba-Ausstellung ist, dass mir angesichts des notwendigen Blicks zurück zuwenig Wert dem Blick nach vorn, auf eine Lösung durch Verständigung, beigemessen wird. Als Historiker weiß ich um den Wert und die Notwendigkeit historischer Debatten. Als Friedensaktivist weiß ich, wie notwendig es ist, Lehren aus der Geschichte zu ziehen und den Blick nach vorn zu richten auf den Dialog.
Wir Deutschen wissen, wie notwendig ein kritischer Blick auf unsere eigene Geschichte ist! Nur mit diesem kritischen Blick ist es uns z.B. gelungen gemeinsam mit dem französischen Volk Jahrhunderte der „Erbfeindschaft“ zu überwinden.
Eine der für mich faszinierendsten israelisch-palästinensischen Friedensinitiativen ist die der „Combatants for Peace“. Da sitzen ehemalige Offiziere der israelischen Armee mit ehemaligen palästinensischen Untergrundkämpfern zusammen. Sie diskutieren über ihre unterschiedlichen Sichten auf die Geschichte, ihren persönlichen - auch schuldbeladenen - Beitrag zum Konflikt. Sie hören den jeweils anderen zu, wenn diese von ihrem Leid erzählen und empfinden Mit-Leid. Daraus entsteht Gemeinsamkeit, die in gemeinsame Initiativen zur Deeskalation einfließt. Beide Seiten fordern ihre Mitkämpfer zur Kriegsdienst-Verweigerung auf!
Ich halte Kontakt zu Nurit Peled-Elhanan, Professorin für Komparatistik an der Hebräischen Universität Jerusalem. Nach dem Tod ihrer 13jährigen Tochter durch einen palästinensischen Sprengstoffanschlag im Jahr 1997 kam sie zur israelischen Friedensbewegung. Gemeinsam mit ihrem Mann Rami Elhanan gründete sie die Initiative „Bereaved Parents for Peace“ (Trauernde Eltern für den Frieden). Ihr Sohn Elik Elhanan wurde bei den „Combatants for Peace“ aktiv. Ich habe persönlich einen großen Respekt für diese Haltung!
Sicherlich gibt es auch andere und unterschiedliche Initiativen für einen Dialog. Glaubwürdig für mich sind die, die einen solchen Weg in Richtung Dialog beschreiten.
Inhalt der Ausstellung
Didaktische Materialien zur Ausstellung / Arbeitsblätter für den Besuch von Schulklassen. Von Wolfgang Popp, Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden (PPF).
Weitere Berichte aus Aachen
Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.
Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".
So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.
Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.
Otmar Steinbicker