Jürgen Heiducoff

Was ist neu an der Afghanistan-Strategie Obamas?

Sie wirft viele Fragen auf!

Der Autor war als Oberstleutnant der Bundeswehr von 2006 bis 2008 militärpolitischer Berater des deutschen Botschafters in Afghanistan und vertritt hier seine persönlichen Meinung

03.12.2009

Durch die Entsendung von über 30.000 zusätzlichen US – Soldaten und der Erwartung, dass die anderen NATO – Staaten 5.000 – 7.000 Soldaten mehr nach Afghanistan schicken, soll ein militärischer Erfolg erzwungen werden.

Kein Wort mehr davon, dass mit militärischen Mitteln allein der Konflikt in Afghanistan nicht zu lösen ist.

Dies ist die Eskalation des Krieges - ganz gleich ob diese Soldaten offensiv, zur Absicherung des Aufbaues oder zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte eingesetzt werden. Allein ihre Präsenz wird einen Aufschwung der Aufstandsbewegung nach sich ziehen.

Die Idee der neuen Strategie ist es, mit massivem militärischem Aufmarsch zu verhindern, dass die Aufstandsbewegung zu einem Volksaufstand anwächst. Gleichzeitig wird für den Fall eines Erfolges des Aufmarsches ein Abzugsbeginn der westlichen Truppen in Aussicht gestellt.

Wem nutzt dieser Aufmarsch?

Den US – Bürgern und den Steuerzahlern der anderen beteiligten Staaten, die diesen Aufmarsch finanzieren müssen?

Den Afghanen, denen weitere militärische Gewalt und zivile Opfer, getötete Ernährer der Familien, Alte und Kinder, verletzte, leidende und traumatisierte Menschen nicht erspart bleiben werden?

Den Konzernen, die neue militärische Hochtechnologie produzieren und weiter entwickeln dürfen, die mit der Lieferung von Ausrüstung, Munition und logistischem Material für den Krieg beauftragt sind?

Die Antworten auf diese Fragen möge sich der Leser selbst geben.

Aus den Antworten leitet sich aber auch das Interessenspektrum an der weiteren Eskalation der Gewalt ab.

Wird so für AFG jemals Frieden kommen können?

Welche Art von Frieden wird es sein, der der massiven Gewalteskalation folgen wird?

Und was ist neu an dieser AFG – Strategie im Vergleich zu den vorangegangenen?

Die verstärkten Truppen sollen die beschleunigte Aufrüstung und Ausbildung der afghanischen Streitkräfte, die sich bisher in einem langsamen, wechselseitigen und gleichzeitigen Aufbau- und Zerfallsprozess befanden, absichern.

Irgendwann sollen dann afghanische Sicherheitskräfte die angehäuften Probleme bewältigen. Aber auch hier dürfte gelten, dass mit militärischer Gewalt das gesellschaftliche Problem der Region nicht zu lösen ist. Es zeigt sich in Pakistan, dass gut ausgebildete und ausgerüstete Streitkräfte die Aufstandsbekämpfung nicht erfolgreich führen können.

Sollte die neue Strategie auch Wege beinhalten, die afghanische Bevölkerung mit einzubeziehen, so wäre dies gut. Entscheidend wird aber sein, wie sich die Truppen unserer Demokratien unmittelbar in den Städten und auf dem Lande der Afghanen bewegen, wie unsere Soldaten den Afghanen begegnen, wie sie ihre Kultur und Tradition achten. Um hier einen Neuanfang zu erreichen, bedarf es der grundlegenden Neuausrichtung der Ausbildung vor allem der US – Soldaten. Das betrifft das gesamte Spektrum der Studien- und Ausbildungseinrichtungen von der Militärakademie West Point bis zu den Trainingslagern für Marineinfanteristen, etwa das auf Parris Island.

Dass der US Präsident seine neue Strategie vor den Studenten der Militärakademie West Point bekannt gab, lässt hoffen.

Wenn das zu forcierende militärische Engagement von einem Verhandlungsprozess mit dem Feind auf allen – auch auf regionalen – Ebenen begleitet wäre und unter der Führung der Vereinten Nationen und unter Einbindung der Friedens – Jirga Afghanistans in einen Versöhnungsprozess münden könnte, wäre die Lage nicht hoffnungslos.

Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de.

Seine Beiträge finden Sie hier


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