Naqibullah Shorish
Nach Abzug der Isaf-Truppen droht am Hindukusch ein Blutbad
Führer des größten afghanischen Stammes, fordert Verhandlungen mit den Taliban. Die Aufständischen sind offenbar gesprächsbereit.
Naqibullah Shorish. Foto: Harald Krömer
Von Joachim Zinsen, Aachener Nachrichten
, 03.09.2012
Aachen/Kabul. Das Thema Afghanistan ist in den vergangenen Monaten auf der politischen Agenda in Deutschland weit nach hinten gerückt. Seit feststeht, dass die meisten deutschen Truppen bis Ende 2014 das Land verlassen, wird über die Kämpfe am Hindukusch meist nur noch dann diskutiert, wenn Bundeswehrsoldaten gestorben sind. Weil das in jüngster Zeit nicht mehr der Fall war, ist in der deutschen Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, die Lage in Afghanistan habe sich beruhigt. Doch das ist ein Trugschluss. Die Gewalt ist weiter eskaliert
, sagt Naqibullah Shorish. Der Paschtune ist Führer der Kharoti, des mit drei Millionen Angehörigen größten und mächtigsten Stamms Afghanistans. Seit geraumer Zeit versucht der 58-Jährige zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln.
Deutsche haben Taliban gekauft
In Kundus, dem Einsatzgebiet des deutschen Kontingents, herrscht derzeit weitgehend Ruhe. Nachdem hier im Juni 2011 der zweiundfünfzigste Bundeswehrsoldat sein Leben lassen musste, ist offenbar Geld geflossen. Der örtliche Taliban-Kommandant wurde von den Deutschen gekauft
, sagt Shorish. Seine Leute verzichten seitdem auf Angriffe, im Gegenzug lässt die Bundeswehr die Aufständischen unbehelligt.
In weiten Teilen des Landes kann von Ruhe jedoch keine Rede sein. Immer wieder kommt es zu Anschlägen der Taliban, zu Kämpfen zwischen der afghanischen Nationalarmee ANA und Widerständlern. Allein in den vergangenen beiden Monaten sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Kabul 600 Soldaten der ANA gefallen. Nach wie vor hoch ist auch der Blutzoll der Isaf-Truppen. Zunehmend leiden sie unter Angriffen von Afghanen in Armee- oder Polizeiuniform. Von Nato-Seite heißt es zwar, die tödlichen Attacken hätten meist persönliche Hintergründe. Shorish hingegen gibt eine andere Erklärung: Taliban-Kämpfer haben die afghanische Armee und die Polizei inzwischen in weiten Bereichen unterwandert. Dies ist Teil ihrer Guerilla-Taktik.
Der Westen aber setzt auf die afghanische Armee. Obwohl geplant ist, ihre Stärke von derzeit 320 000 Mann bis Ende 2017 auf 220 000 Soldaten zu verringern, soll sie nach dem Abzug der Isaf-Truppen für Sicherheit im Land sorgen. Damit ist sie hoffnungslos überfordert
, blickt Shorish in die Zukunft. Die jüngsten Anschläge der Taliban auf Einrichtungen in Kabul haben doch gezeigt, dass die ANA nicht einmal in der Lage ist, die Sicherheit in der Hauptstadt zu garantieren.
Seine Prognose ist düster: Er glaubt, dass die Armee zerfallen wird und Warlords mit ihren Milizen weiter an Macht gewinnen werden. Afghanistan droht nach dem Abzug des Westens ein Bürgerkrieg, an dessen Ende die Taliban alleiniger Sieger sein werden
, befürchtet deshalb der Paschtune.
Um dieses Schreckens-Szenario zu verhindern, sieht der 58-Jährige nur eine Möglichkeit: Der Westen muss endlich mit den Taliban ernsthaft über einen Waffenstillstand sprechen und Friedensverhandlungen beginnen.
Er selbst sei bereit, die nötigen Kontakte herzustellen. Dass dies kein hohles Versprechen ist, hat der Stammesführer bereits vor zwei Jahren bewiesen. Damals vermittelte er Geheimgespräche in Kabul. Zwei Mal trafen sich im Sommer 2010 Abgesandte der Quetta-Shura, dem Taliban-Führungsgremium um Mullah Omar, mit hohen Isaf-Offizieren aus Deutschland, Großbritannien und den USA. Diese Gespräche waren die bisher einzigen Verhandlungen über einen Waffenstillstand und sehr lösungsorientiert
, erinnert sich Shorish, der in Camp Warehouse mit am Tisch saß. Die Taliban haben signalisiert, alte Positionen aufzugeben und waren selbst dazu bereit, das Recht von Frauen und Mädchen auf Schulbildung und Berufsausübung anzuerkennen.
Von westlicher Seite seien die Kontakte jedoch abgebrochen worden, möglicherweise, weil es an ihrer militärischen Führungsspitze personelle Veränderungen gegeben habe. Dieser Gesprächsfaden müsse jetzt so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden.
Kontakt zu Karzai verweigert
Damals wie heute gab und gibt es jedoch zwei weitere Probleme. Zum einen: Die Taliban-Führer wollen zwar mit dem Westen sprechen, verweigern aber Kontakte zur offiziellen afghanischen Regierung von Präsident Hamid Karzai. Der Westen wiederum will Karzai in Verhandlungen einbeziehen. Zum anderen: Auch in der Taliban-Führung gibt es Spannungen. Ein Teil will eine rein afghanische Politik verfolgen, ein anderer Teil steht unter dem massiven Einfluss des pakistanischen Geheimdienstes ISI, der an einer friedlichen Lösung des Konflikts im Nachbarland offenbar wenig interessiert ist.
Shorishs Friedensplan, für den er aus Taliban-Kreisen bereits Unterstützung signalisiert bekommen hat, sieht deshalb zwei entscheidende Schritte vor: Zum einen soll eine afghanische Übergangsregierung installiert werden, in die beide Seiten Vertrauensleute entsenden. Zum anderen soll eine neutrale Zone innerhalb Afghanistans ausgewiesen werden, in der sich die Taliban-Führung ansiedeln kann, eine Provinz, in der die Aufständischen weder von US-Drohnen bedroht, noch dem Druck des pakistanischen ISI ausgesetzt sind.
Das alles muss jetzt schnell gehen
, sagt Shorish auch in Richtung Bundesregierung, von der er sich eine Vermittlerrolle erhofft. Denn der Stammesführer ist sich sicher: Wenn es uns nicht gelingt, vor dem Abzug der westlichen Truppen einen Friedensvertrag zu schließen, wird mein Land im Blut ertrinken.
Fast dreißig Jahre im deutschen Exil
Naqibullah Shorish stammt aus einer angesehenen paschtunischen Familie, die seit Generationen in Afghanistan politisch aktiv war. Als Student musste er 1980 nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in sein Land fliehen. Fast dreißig Jahre lebte er im deutschen Exil – den größten Teil der Zeit in Düsseldorf.
2009 kehrte Shorish nach Afghanistan zurück, hält aber weiter enge Kontakte ins Rheinland. Gemeinsam mit dem ehemaligen Vorsitzenden des Aachener Friedenspreises und heutigem Herausgeber des Internet-Friedensmagazins www.aixpaix.de, Otmar Steinbicker, hat er einen Friedensplan für das Land am Hindukusch entworfen. Shorish wird als möglicher Herausforderer von Hamid Karzai bei der nächsten afghanischen Präsidentschaftswahl 2014 gehandelt.
Die Nato hat gestern die Ausbildung von Rekruten der afghanischen Armee und Polizei vorerst ausgesetzt. Die Maßnahme bleibe in Kraft, bis alle Bewerber auf mögliche Verbindungen zu radikal-islamischen Aufständischen überprüft seien, sagte ein Isaf-Sprecher in Kabul. Damit solle die Gefahr weiterer Übergriffe von innen
vermindert werden.
Laut Nato wurden seit Jahresbeginn 45 Isaf-Angehörige von vermeintlichen Verbündeten getötet. (jozi)