Interview mit dem afghanischen Stammesführer Naqibullah Shorish
Es gibt eine Chance für Frieden in Afghanistan
Shorish ist von Taliban als Vermittler von Friedensgesprächen anerkannt
Otmar Steinbicker (l.) und Naqibullah Shorish in Aachen. Foto: Harald Krömer
23.09.2011 - Naqibullah Shorish, der Stammesführer der Kharoti, des mit 2,5 Millionen Menschen größten Stammes in Afghanistan, ist nach Deutschland gekommen, um mit westlichen Diplomaten die Chancen für eine politische Lösung des Afghanistan-Konfliktes und eine Beendigung des Krieges auszuloten.
Mit aixpaix-Herausgeber Otmar Steinbicker sprach Shorish über Chancen und Probleme seiner Vermittlungsarbeit.
aixpaix.de: Herr Shorish, seit zehn Jahren führt die NATO Krieg in Afghanistan. Gibt es noch eine Chance für den Frieden?
Naqibullah Shorish: Nach insgesamt 30 Jahren Krieg und Bürgerkrieg braucht das afghanische Volk dringend Frieden. Ja, es gibt eine Chance für den Frieden, wenn wir Afghanen über unser Schicksal selbst bestimmen dürfen, wie es das Prinzip der Demokratie vorsieht. Bisher aber werden wir bevormundet, wie zu Zeiten der sowjetischen Besatzung. aixpaix.de: Worauf gründet sich Ihre Zuversicht für eine Friedenschance?
Naqibullah Shorish: Der Westen hat einen massiven Truppenabzug bis 2014 angekündigt. Er kann und will auch wohl nicht diesen Krieg unendlich fortsetzen. Die Taliban haben kürzlich offiziell ihre Bereitschaft zu Friedensgesprächen auch vor dem Abzug der internationalen Truppen erklärt. Das ist neu! Auch Mullah Omar hat sich in seiner jährlichen Botschaft zum Ende des Ramadan für Friedensgespräche ausgesprochen. Auch das ist neu und es ist von westlichen Diplomaten aufmerksam registriert worden. Wenn auf beiden Seiten ernsthaftes Interesse besteht, können diese beiden Enden zusammengefügt werden und es kann eine Verhandlungslösung gefunden werden. aixpaix.de: Nun ist schon lange von Gesprächen zwischen Taliban und westlichen Diplomaten die Rede. Es hieß, dass Deutschland diese Gespräche moderiert.
Naqibullah Shorish: Diese Nachrichten sind nicht so ernst zu nehmen. Da hat wohl jeder im Westen seinen eigenen Talib, mit dem er spricht. Wichtig ist, dass jetzt mit den Richtigen gesprochen wird. aixpaix.de: Und wer sind die „Richtigen“?
Naqibullah Shorish: Es gibt eine 40-köpfige Shura der Taliban, ein Zusammenschluss von Quetta- und Peshawar-Shura. Das ist der Oberste Rat der Taliban, mit ihm muss gesprochen werden. aixpaix.de: Wie kann das geschehen?
Naqibullah Shorish: Diese Shura der Taliban hat mich als Stammesführer des größten Stammes Afghanistans gebeten, als unabhängiger Vermittler zu wirken. Ich bin nach Deutschland gekommen um in diese Richtung Kontakte zu knüpfen. aixpaix.de: Wie kann Ihrer Meinung nach eine Friedenslösung aussehen?
Naqibullah Shorish. Photo: Harald Krömer Naqibullah Shorish: Die entscheidende Basis muss ein Konsens unter den Afghanen sein. Sie müssen ohne Bevormundung von außen entscheiden, wie ihre Zukunft aussehen soll. Ich habe nach intensiven Gesprächen mit unterschiedlichen Seiten einen Friedensplan entworfen. Dieser sieht als ersten Schritt vertrauensbildende Maßnahmen vor und einen Waffenstillstand. Eine Loya Jirga, die traditionelle verfassungsgebende Versammlung soll eine neue Verfassung ausarbeiten. Wichtig ist dann, dass eine Übergangsregierung gebildet wird, die das Vertrauen aller Afghanen genießt. Diese kann dann den Abzug der internationalen Truppen verhandeln und freie Wahlen vorbereiten, an denen alle politischen und gesellschaftlichen Kräfte in Afghanistan sich beteiligen können, auch die Taliban. aixpaix.de: Ein Konsens aller Afghanen kann aber nicht die Rückkehr zur Schreckensherrschaft der Taliban vor 2001 bedeuten.
Naqibullah Shorish: Richtig. Dazu wären die Afghanen nicht bereit. aixpaix.de: Und die Taliban stimmen dem zu?
Naqibullah Shorish: Die Shura der Taliban hat mir erklärt, dass sie diesem Friedensplan im Grundsatz zustimmt, nicht in allen Details. Aber das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass jetzt ein Gesprächsprozess in Gang kommt, der schließlich in Verhandlungen mündet. Mein Friedensplan ist dabei eine inhaltliche Vorgabe und damit eine konkrete Gesprächsgrundlage. Dazu können sich die jetzt die unterschiedlichen Seiten äußern und sagen, wo sie zustimmen und wo sie widersprechen. Das hilft sehr, um den Weg zu einer Friedenslösung zu sondieren. Frieden schließen müssen am Ende die Konfliktparteien. aixpaix.de: Wichtige Forderungen des Westens an die Taliban sind die Distanzierung von El Kaida, die Anerkennung der Menschenrechte und auch der Rechte von Frauen. Sind die Taliban dazu bereit?
Naqibullah Shorish: Ja. Die Distanzierung von El Kaida ist schon 2009 erfolgt und wird von westlichen Diplomaten nicht mehr bezweifelt. Die Anerkennung der UNO-Menschenrechtscharta und auch der Rechte von Frauen haben die Taliban im im August vergangenen Jahres auch in einem Brief an General Petraeus erklärt. Ausdrücklich wird von ihnen das Recht der Frauen auf Bildung und Berufsausübung sowie auf politische Betätigung anerkannt. aixpaix.de: Und wie reagiert der Westen auf Ihren Friedensplan?
Naqibullah Shorish: In ersten Reaktionen tut man sich sehr schwer damit eine Übergangsregierung zu akzeptieren. Man erwartet von den Taliban, dass sie die Regierung Karzai akzeptieren, eine Regierung, die von der überwiegenden Mehrheit der Afghanen nicht akzeptiert wird, weil sie korrupt ist. Dabei ist ja auch die Weltgemeinschaft von der Karzai-Regierung enttäuscht. Dieser ganze Versuch einer Regierungsbildung hat sehr viel Zeit und Geld gekostet. aixpaix.de: Und damit ist Ihr Friedensplan gescheitert?
Naqibullah Shorish: Nein. Es handelt sich um erste Reaktionen, mehr nicht. Die Kunst der Vermittlung besteht darin, nach gangbaren Wegen zu suchen, auch wenn das nicht immer einfach ist. aixpaix.de: Die Taliban weigern sich bisher beharrlich, mit der US-Regierung zu reden. Kann man da von ernsthafter Bereitschaft zu Friedensgesprächen reden?
Naqibullah Shorish: Die Taliban haben schlechte Erfahrungen mit Gesprächen mit US-Vertretern gemacht und sind daher sehr skeptisch. Daher sollten vielleicht die Europäer die ersten Gespräche führen, aber nicht hinter dem Rücken, sondern in Absprache mit den USA. In diesen ersten Gesprächen muss dann die Grundlage dafür geschaffen werden, dass möglichst bald auch USA und Taliban direkt miteinander reden. Denn eines ist klar: Der Schlüssel für einen Frieden in Afghanistan liegt in den USA. Wichtig ist auch, dass die US-Regierung jetzt ebenfalls ein Signal sendet, dass sie ernsthaft einen Frieden in Afghanistan und eine Verhandlungslösung will. Auch die Europäer haben ihre Verantwortung, die USA in die Richtung zu drängen. aixpaix.de: Was wäre die Alternative?
Naqibullah Shorish: Die Alternative zu einer Verhandlungslösung und einem Frieden, der auf dem Konsens des afghanischen Volkes und einem politischen Ausgleich mit den Nachbarländern und der Weltgemeinschaft beruht, ist ein lang andauernder Bürgerkrieg, der keinem nutzt, der aber weiteren tausenden afghanischen Zivilisten das Leben kosten wird. Der Krieg hat schon viel zu lange gedauert. Er kann und er muss jetzt beendet werden.
Der Shorish-Friedensplan
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"FAZ.net"
"Aachener Nachrichten"