Die Taliban wollen mit ihrer Offensive in eine stärkere Position kommen
Otmar Steinbicker (l.) und Naqibullah Shorish in Aachen. Foto: Harald Krömer
16.04.2012 - Am Sonntag starteten Taliban in Kabul und weiteren Provinzen des Landes eine spektakuläre Frühjahrsoffensive. Naqibullah Shorish, der wichtigste Stammesführer Afghanistans, erlebte die Schießereien unweit seiner Wohnung. Mit ihm sprach aixpaix-Herausgeber Otmar Steinbicker über die Motive der Aufständischen und die Perspektiven einer politischen Lösung.
aixpaix.de: Was ist die Strategie der Aufständischen?
Naqibullah Shorish: Es sollen wohl Illusionen zerstört werden. Noch am 10. April hat ISAF-Sprecher General Jacobson behauptet, nach Geheimdiensterkenntnissen hätten die Taliban keine Offensive geplant und sie würden in diesem Jahr besonders scharf beobachtet. Fünf Tage später passiert gleich in vier Provinzen etwas, was die ISAF nicht erwartet hat. Es ist wohl eine direkte Antwort der Taliban an General Jacobson! Und es wird dabei auch deutlich: Die afghanische Armee ist nicht in der Lage, solche Offensiven zu verhindern, sie ist dafür ungenügend ausgebildet und sie hat dafür auch nicht die erforderlichen modernen Waffen.
Die NATO und ihre Verbündeten wollen Afghanistan verlassen und deshalb behaupten sie jetzt die afghanische Armee sei stark genug. NATO-Generalsekretär Rasmussen zeigte sich in der vergangenen Woche bei einem Besuch in Kabul positiv überrascht vom afghanischen Militär und der Polizei. Doch jetzt sehen wir: Soldaten aus 50 Ländern haben 18 Stunden lang gegen 36 Taliban gekämpft. Ich glaube, das war nicht der letzte Angriff der Taliban. Der Winter ist vorbei, jetzt beginnt eine größere Offensive.
Die USA wissen aber auch, dass Pakistan hinter den Angriffen der Taliban steht. Die Taliban sind allein nicht in der Lage, in vier Provinzen gleichzeitig Offensiven zu koordinieren. So etwas macht der pakistanische Geheimdienst ISI.
aixpaix.de: Wie kann es zu einer politischen Lösung kommen?
Naqibullah Shorish: Für spätere Gespräche und Verhandlungen wollen die Taliban wohl in eine stärkere Position kommen. Dafür wollen sie sich jetzt stark zeigen. Die Taliban wissen, dass der Krieg keine Lösung ist, aber es gibt derzeit von ihnen kein Vertrauen in Gespräche. Das haben sie anlässlich des Abbruchs der Katar-Gespräche deutlich gesagt.
Und es bleibt die offene Frage: Wer soll mit wem sprechen? Präsident Karzai wünscht, dass er mit den Taliban verhandelt, aber die Taliban wollen das nicht, weil sie ihn für eine Marionette halten. Karzai kann nicht über Waffenstillstand und Frieden entscheiden. Die Taliban sagen, sie wollen mit denjenigen sprechen und verhandeln, mit denen zuerst ein Waffenstillstand und dann auch ein Frieden vereinbart werden kann.
Nachdem die US-Regierung geäußert hat, dass die Taliban kein Feind der USA seien, wollen die Taliban jetzt aber auch wissen, warum die USA dann zehn Jahre gegen sie gekämpft haben.
aixpaix.de: Die afghanische Regierung hat jetzt Salahuddin Rabbani, den Sohn des im vergangenen Jahr ermordeten Burhanuddin Rabbani zum Vorsitzenden des Hohen Friedensrates ernannt, der Gespräche mit den Taliban führen soll.
Naqibullah Shorish: Salahuddin Rabbani ist ein junger Mann ohne Erfahrung. Er wird bei den Mitgliedern des Hohen Friedensrates auf sehr viele Schwierigkeiten stoßen in der Frage, wie mit den Taliban verhandelt werden soll und er kann allein keine Entscheidung treffen. Die beiden ehemaligen Mujaheddin-Führer Sibghatullah Mujaddidi und Said Ahmad Gilani haben bereits wegen der Ernennung von Salahuddin Rabbani den Hohen Friedensrat verlassen. Beide hatten seit elf Jahren eng mit Präsident Karzai zusammengearbeitet. Auch weitere wichtige Mitglieder des Hohen Friedensrates waren gegen die Ernennung Rabbanis. Sie halten ihn für unfähig für dieses Amt.
Wenn schon wichtige Mitglieder des Hohen Friedensrates gegen Salahuddin Rabbani sind, wie will er es dann schaffen, mit den Taliban Frieden zu schließen? Zuerst müssen wir Afghanen die Versöhnung und den Frieden zwischen den Mitgliedern des Friedensrates schaffen und danach mit den Taliban.
Burhanuddin Rabbani hat mehr nationale und internationale Beziehungen gehabt als sein Sohn aber auch er hat nicht viel erreicht und er hat niemals mit einem wichtigen Talibanführer gesprochen. Trotzdem wurde er uns allen viel versprochen, aber er wusste, dass er keinen Frieden schafft.
Nachdem Salahuddin von Präsident Karzai ernannt wurde, hat er gegenüber der Presse gesagt, der Repräsentant der ausländischen truppen in Afghanistan habe den Krieg in die Länge gezogen. „Wir Schaffen der Frieden, wenn nur Afghanen die Friedensgespräche führen“.
Nun ja, sein Gehalt als Vorsitzender des beträgt Hohen Friedensrates beträgt 50.000 US-Dollar und darüber hinaus genießt er weitere Privilegien. Er bekommt sein Geld von den Steuerzahlern der westlichen Staaten.Mit aixpaix-Herausgeber Otmar Steinbicker sprach Shorish über Chancen und Probleme seiner Vermittlungsarbeit.
Im Rahmen seiner Reihe Monitoring-Projekt Zivile Konfliktbearbeitung – Gewalt- und Kriegsprävention
legte Prof. Dr. Andreas Buro sein Dossier vor.
Die Taliban sind zu Gesprächen mit USA und Europäern bereit
Interview mit Naqibullah Shorish
Shorish-Plankann Afghanistan den Frieden bringen
Der Plan von Naqibullah Shorish, dem wichtigsten Stammesführer Afghanistans, der über drei Millionen Menschen repräsentiert, ist der derzeitig einzige international von den unterschiedlichen Seiten diskutierte Friedensplan. Die Taliban-Führung um Mullah Omar hat den „Shorish-Plan“ im Grundsatz, nicht in allen Details, akzeptiert.
Zur Bedeutung des Shorish-Plans
Interview mit Naqibullah Shorish
Auf vier Seiten stellt Otmar Steinbicker knapp und verständlich die Chancen für Friedensverhandlungen in Afghanistan vor und widerlegt die Mär von den verhandlungsunfähigen Taliban.
Das Infoblatt zum Download