Die Pläne für das Kajbar Staudammprojekt nördlich von Dongola, Sudan, sind fertig. Der Bau könnte jederzeit beginnen, und damit zu gewaltsamer Vertreibung von mindestens 10.000 Menschen und dem Verlust von fruchtbarem Land und historischen Stätten Nubiens führen.
Laut der sudanesischen Staudamm-Umsetzungsbehörde, ist das Ziel des Projektes die Stromerzeugung. Allerdings vermuten Insider einen anderen Hintergrund: Der ägyptische Assuan-Staudamm verliert seit langem durch den Nilschlamm, der jährlich nach Norden gespült wird, an Effektivität. Die Turbinen und den See zu reinigen kostet Ägypten jährlich eine Million. Dollar. Der Kajbar-Damm würde zumindest einen Teil dieses Schlamms aufhalten – ob er dann allerdings selbst effektiv Strom erzeugen könnte, ist fraglich. Das Projekt wird angeblich auf 200 Mio. Dollar angesetzt, ein Viertel davon würde von Sudan, Dreiviertel von China bezahlt. Gleichzeitig erleidet Westsudan (Darfur) eine humanitäre Krise, nachdem internationale humanitäre Organisationen als Reaktion auf den internationalen Haftbefehl gegen Präsident Bashir ausgewiesen wurden.
Das Kajbar-Damm Widerstandskomitee, eine lokale Protestbewegung, fordert eine unabhängige Überprüfung der Pläne. Die Menschen fürchten, dass sie neben ihrer Heimat zumindest zeitweilig auch den Zugang zu Wasser, Nahrung, Bildung, Gesundheitsversorgung, und Lebensgrundlage verlieren werden – so wie es auch bei allen anderen Staudammprojekten im Sudan gewesen ist. Die lokale Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Nubiern, die seit Tausenden von Jahren Landwirtschaft entlang der Flussoase Nil betrieben haben, und für die der Fluss heilig ist. Zahlreiche historische Monumente entlang des Nils zeugen von der alten Hochkultur.
Obwohl sie relativ gut und gewaltfrei organisiert sind, erfahren sie brutale Unterdrückung von Seiten der sudanesischen Regierung. 2007 wurden vier Menschen während einem friedlichen Protest von einer Polizei-Spezialeinheit erschossen. Der Fall wurde nicht juristisch aufgearbeitet, und seitdem wird das Thema massiv in den sudanesischen Medien zensiert. Der vorliegende Fall ist der jüngste und brutalste einer Serie von Verhaftungen von Aktivisten und Journalisten, viele davon wurden gefangen gehalten und misshandelt. Es ist jedoch nur einer von zahlreichen Fällen von Folter in Folge des Haftbefehls des Internationalen Strafgerichtshofs gegen den Präsidenten.
Um 4 Uhr morgens wachte er in seinem Dorf Toala im Nordsudan auf, und dachte seine Brüder seien gekommen um ihn zu wecken. Stattdessen fand er sein Bett umringt von elf bewaffneten Männern, die Taschenlampen auf ihn hielten und ihn nach seinem Namen fragten. Er sagte ihn: “Abd Elhakim Nasr”, und sie sagten: “Wir sind wegen Dir gekommen.” Er fragte sie, wer sie seien, aber sie befahlen ihm nur, den Hof durch einen Sprung über die Mauer zu verlassen, damit niemand sein Gehen bemerken würde. Er weigerte sich. Er ging durch das Tor, Hände auf den Rücken, Waffen in der Seite, den Kopf nach unten gedrückt so dass er niemanden identifizieren konnte.
Zwei Tage vorher, am 4. März 2009, hatte er einen Artikel auf einer Internetseite veröffentlicht, in der er den Haftbefehl gegen den sudanesischen Präsidenten Al Bashir unterstützte: Wenn Gerechtigkeit nicht im Land gefunden werden könne, wie auch für die vier bislang im gewaltfreien Kajbar-Protest Getöteten, müsse das Recht von aussen kommen. Die Sicherheitskräfte fanden seinen Aufenthaltsort heraus und handelten rasch.
Er musste auf eine Autoladefläche steigen, und sie fuhren nach Süden. Ausserhalb seines Dorfes hielten sie an. Sie stellten sich mit ihren Waffen ihm gegenüber auf und sagten, er würde nun umgebracht ohne dass es jemand mitbekäme. Im letzten Moment sagte ein Mann der beim Auto sass, sie sollen aufhören und ihn ins Gefängnis nach Dongola bringen. Später auf dem Weg hielten sie in der Nähe einer Dorf-Moschee. Während einige beten gingen, begannen die anderen ihn zu foltern. An dem kühlen Morgen wurde er mit Wasser übergossen, er wurde mit Wasserrohren geschlagen und beschimpft.
Er hatte in Ägypten Jura studiert. Aber er liess das Leben als Anwalt hinter sich, um seinen Leuten und seinem Ziel nahe zu sein, zu verhindern dass der Kajbar Staudamm sein Gebiet überschwemmt. Er lebte als einfacher Bauer, hatte Schafe, baute am Nilufer Gemüse an und die kulturell so wichtigen Datteln. Die fünf Kilometer zu seinen Feldern ging er jeden Tag zu Fuß.
Nach einigen Stunden Fahrt und dem Sonnenaufgang erreichten sie die Hauptstadt des Bundeslandes “Nord”, Dongola. Eines der Autos hatte ein Nummernschild aus Khartoum – anscheinend war das Vorgehen aus der Hauptstadt angeordnet worden. Der Direktor des Gefängnisses von Dongola fragte ihn, ob er nochmals einen solchen Artikel veröffentlichen würde. Er sagte ja. Der Direktor drückte ihn am Hals gegen eine Wand und sagte ihm, sie könnten ihn sofort umbringen und im Hof vergraben, so dass er der fünfte Märtyrer von Kajbar wäre. Al er später einer Ohrfeige auswich, bekam er vom Direktor einen starken Schlag auf das andere Ohr – daraufhin verlor er für einige Zeit sein Gehör. Ein Ohr ist noch immer durch die Verletzung des Trommelfells geschädigt, wie eine spätere medizinische Untersuchung bewies.
Abd Elhakim Nasr ist seit seiner Jugend in der Bewegung aktiv. Er ist Information Officer des Komitee, zuständig für die Aktualisierung der Website und Kontakte für Unterstützung ausserhalb des Landes, hauptsächlich von Exil-Nubiern. Immer ist zu wenig Geld da, für die Internetverbindung, Kommunikation und Reisekosten für Proteste, den die Dörfer sind entlegen und verstreut.
Sie hielten ihn die ganze nächste Nacht wach, und wechselten sich selbst mit Schlafen ab. Sie sagten er hätte durch seine Regierungskritik eine Grenze überschritten. Sie sagten ihm klar, dass er das nächste Mal nicht überleben würde. Am nächsten Tag um 10 wurde er in eine Zelle gebracht. Später beobachtete er, wie ein Student, der sich in einem Geschäft in der Stadt für den Haftbefehl ausgesprochen hatte, auf dem Hof nackt ausgezogen und geschlagen wurde.
Er sagt er nimmt die Todesdrohungen ernst. Er entschloss sich, seine Heimat für immer zu verlassen und im Ausland Asyl zu beantragen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels ist er bereits sicher ausser Landes.
Nachdem der Gefängnisdirektor am Telefon mit seinem Bruder gesprochen hatte und einige Familienmitglieder ihn besucht hatten, verbesserten sich die Haftbedingungen. Der Direktor kam mehrmals zu ihm und sagte er bereue was vorgefallen ist, bat ihn sogar ihn zurückzuschlagen. Abd Elhakim Nasr erwiderte zu ihm dass er sich schlecht fühle über das, was er als gebildeter Mensch ihm angetan habe, aber dass es nicht seine Art sei zurückzuschlagen. Einige Tage später wurde er freigelassen.
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Otmar Steinbicker