Uri Avnery
Dürre in Texas
27. Oktober 2012
Uri Avnery
ALLE IN Israel kennen die Geschichte: Als Levy Eshkol Ministerpräsident war, stürzten sich seine Assistenten panisch auf ihn: „Levy, es gibt eine Dürre!“
„In Texas?” fragte Eshkol besorgt.
„Nein, in Israel!” sagten sie.
„Dann macht es nichts”, beruhigte sie Eshkol. „Wir können den Weizen, den wir brauchen, ja jederzeit von den Amerikanern bekommen!“
Das war vor etwa 50 Jahren. Seitdem hat sich nicht viel verändert. Die Wahlen in den USA in 10 Tagen sind für uns wichtiger als unsere eigenen Wahlen in drei Monaten.
WIEDER MUSSTE ich bis 3 Uhr morgens aufbleiben, um die letzte Präsidenten-Debatte live zu sehen. Ich hatte schon Angst, ich würde eindösen, aber das geschah nicht. Im Gegenteil.
Wenn zwei Schachspieler mit einem Spiel beschäftigt sind, dann gibt es oft jemanden – in Israel nennen wir ihn „Kiebitzer“ [jiddisch] -, der hinter den Spielern steht und versucht, ihnen unerbetene Ratschläge zu geben. Während der Debatten mache ich das auch so. In meiner Fantasie stehe ich hinter Barack Obama und denke über die richtige Antwort für Romney nach, noch bevor Obama selbst den Mund aufmacht.
Ich gebe zu, dass bei vielen Gelegenheiten in der Debatte Obamas Antworten viel besser als meine waren. Ich hatte mir keine scharfe Antwort auf Romneys Bemerkung ausgedacht, die USA hätten jetzt weniger Kriegsschiffe als vor hundert Jahren. Obamas trockene Antwort, die US-Armee habe jetzt auch weniger Pferde, war einfach genial. Umso mehr, da er diese Antwort ja nicht vorbereitet haben konnte. Wer hätte schon eine so törichte Bemerkung vorhersehen können?
Auch als Romney Obama scharf kritisierte, weil er bei seiner ersten Nahostreise als Präsident Israel ausgelassen hatte. Wie könnte man eine solche sachliche Herausforderung kontern – besonders, da Tausende jüdischer Rentner in Florida auf jedes Wort lauschten?
Obama traf den richtigen Ton. Er bemerkte, dass Romney bei seinem Besuch ein Gefolge von Gebern und Fund-Raisern (wobei er weder Sheldon Adelson noch andere jüdische Geber nannte) mitgebracht habe. Damit erinnerte er uns daran, dass er, Obama, als Kandidat stattdessen nach Yad Vashem gegangen war, um selbst das Böse zu sehen, das den Juden angetan worden war. Touché!
Bei einigen Gelegenheiten dachte ich, ich hätte eine bessere Antwort gehabt. Z. B. als Romney seinen Kommentar wegzuerklären versuchte, Russland sei der wichtigste „geopolitische Feind“ der USA. Ich hätte darauf erwidert: „Entschuldigen Sie meine Unwissenheit, Gouverneur, aber was bedeutet denn ‚geopolitisch‘“? Im Kontext war das eine recht hochtrabende Phrase.
(„Geopolitik” ist nicht einfach eine Nebeneinanderstellung von Geografie und Politik. Es ist eine Weltsicht, die von dem deutschen Professor Hans Haushofer und anderen propagiert und von Adolf Hitler als Grundprinzip seines Planes angenommen wurde, Lebensraum für Deutsche zu schaffen, indem die Bevölkerung Osteuropas vernichtet oder vertrieben würde.)
Ich hätte viel mehr über die Kriege geredet, über Nixons Vietnam, die Irakkriege der beiden Bushs, den Afghanistankrieg des zweiten Bush. Mir fiel auf, dass Obama nicht erwähnte, dass er von Anfang an gegen den Irakkrieg gewesen war. Man hatte ihm sicherlich den Rat gegeben, das nicht zu tun.
MAN BRAUCHTE kein Experte zu sein, um zu bemerken, dass Romney keine eigenen Gedanken ausdrückte. Er plapperte Obamas Positionen nach und änderte nur hier und da ein paar Worte davon.
Zu einem früheren Zeitpunkt des Wahlkampfes, während der Vorwahlen, sah es nicht so aus. Als er um die Stimmen der Rechten warb, war er im Begriff, den Iran zu bombardieren, China zu provozieren, die Islamisten aller Schattierungen zu bekämpfen, vielleicht Osama Bin Laden aufzuerwecken, um ihn noch einmal zu töten. Nichts davon dieses Mal! Nur ein lammfrommes „Ich stimme dem Präsidenten zu“.
Warum? Weil man ihm gesagt hatte, dass das amerikanische Volk genug von den Bush-Kriegen gehabt habe. Sie wollen keine weiteren Kriege. Nicht in Afghanistan und ganz gewiss nicht im Iran. Kriege kosten viel Geld und es werden sogar Menschen getötet.
Vielleicht hatte Romney vorher beschlossen, dass er es dabei belassen wollte, in außenpolitischer Hinsicht wenigstens nicht wie ein Ignorant zu wirken. Also war der Hauptkampfplatz die Wirtschaft, ein Gebiet, auf dem er überzeugender als Obama zu sein hoffen kann. Darum ging er auf Nummer Sicher:„Ich stimme dem Präsidenten zu…“.
DAS GESAMTE Konzept einer Präsidentschafts-Debatte über Außenpolitik ist natürlich unsinnig. Außenpolitik ist viel zu kompliziert, die Nuancen sind viel zu subtil, als dass man sie auf diese grobe Weise behandeln könnte. Es wäre, als nähme man eine Herzoperation mit einer Axt vor.
Man konnte leicht den Eindruck bekommen, die Welt sei ein amerikanischer Golfplatz, auf dem die USA die Völker wie Bälle herumschlagen könnten und wo die einzige Frage ist, welcher Spieler geschickter darin ist, den am besten geeigneten Schläger zu wählen. Was die Völker selbst wollen, ist ganz und gar unwichtig. Was für Gefühle haben die Chinesen, die Pakistaner, die Ägypter? Wen interessiert das schon!
Ich bin nicht sicher, ob die meisten der amerikanischen Zuschauer in der Lage wären, Tunis auf einer Landkarte zu finden. Darum lohnt es nicht die Mühe, darüber zu sprechen, welche Kräfte dort am Werk sind, zwischen Salafisten und Moslembrüdern zu unterscheiden und die einen oder die anderen vorzuziehen. Alles in vier Minuten.
Für Romney sind offensichtlich alle Muslime gleich. Islamfeindlichkeit lautet der Tagesbefehl und Romney stimmt dem offen zu. Ich habe schon früher darauf hingewiesen: Islamfeindlichkeit ist nichts anderes als der modische moderne Vetter des guten alten Antisemitismus, der aus demselben Abwasserkanal des kollektiven Unbewussten sickert und dieselben alten Vorurteile ausbeutet, nur dass jetzt aller Hass, der früher einmal gegen die Juden gerichtet war, auf die Muslime übertragen wird.
Viele Juden, besonders die alten in den Heimen im warmen Florida, sind erleichtert zu sehen, dass die Gojim sich anderen Opfern zuwenden. Und wenn die neuen Opfer zufällig auch die Feinde des geliebten Israel sind, umso besser. Romney glaubte offensichtlich, dass es das Einfachste sei, wenn er seinen Zorn über die „Islamisten“ ausgösse, wenn er die jüdischen Stimmen gewinnen wollte.
Romney versuchte, härter als Obama zu erscheinen, und kam schließlich mit einer originellen Idee heraus: die syrischen Aufständischen mit „schweren Waffen“ ausrüsten. Was bedeutet das? Artillerie? Drohnen? Raketen? Und wenn, wer soll sie bekommen? Natürlich die Guten! Und schön aufpassen, dass sie nicht den Bösen in die Hände fallen!
Was für eine glänzende Idee! Aber bitte: Wer sind die Guten und wer die Bösen? Niemand anderes scheint das zu wissen. Am allerwenigsten der CIA oder der Mossad. Dutzende von regionalen, konfessionellen, ideologischen syrischen Gruppen sind am Werk. Alle wollen Assad umbringen. Wer soll also die Kanonen bekommen?
Alles das machte ein ernsthaftes Gespräch über den Nahen Osten, der jetzt eine Region unendlicher Vielfalt und Nuancen ist, ganz unmöglich. Obama weiß sehr viel mehr über unsere Probleme als sein Gegner, fand es aber klug, den Einfaltspinsel zu spielen und nichts als die albernsten Plattitüden zu äußern. Alles andere – zum Beispiel ein Plan für israelisch-palästinensischen Frieden, Gott bewahre - könnte die lieben Bewohner dieses einen Altersheims kränken, das das Ergebnis in Florida verändern kann.
JEDER ERNSTHAFTE Araber oder Israeli hätte über die Art beleidigt sein sollen, in der unsere Region in dieser Debatte von zwei Männern behandelt wurde, von denen einer bald unser Herr und Meister sein wird.
Israel wurde 34-mal in der Debatte erwähnt, 33-mal mehr als Europa, 30-mal mehr als Lateinamerika, fünfmal mehr als Afghanistan, viermal mehr als China. Nur der Iran wurde noch öfter, nämlich 45-mal, genannt, jedoch im Zusammenhang damit, dass er eine Gefahr für Israel sei.
„Israel ist unser wichtigster Verbündeter in der Region (oder in der Welt?). Wir werden es bis an die Grenzen des Möglichen verteidigen. Wir werden es mit allen Waffen versehen, die es braucht (und dazu mit denen, die es nicht braucht).“
Wunderbar! Einfach wunderbar! Aber welches Israel genau? Das Israel der nicht endenden Besetzung? Der unbegrenzten Ausdehnung der Siedlungen? Der vollkommenen Verweigerung palästinensischer Rechte? Der Flut von antidemokratischen Gesetzen?
Oder ein anderes, liberales und demokratisches Israel, ein Israel der Gleichheit aller seiner Bürger, ein Israel, das Frieden herstellen und einen palästinensischen Staat anerkennen will?
Aber nicht nur das, was nachgeplappert wurde, sondern auch das, was ungesagt blieb, war interessant. Es war nicht davon die Rede, dass die USA einen Angriff Israels auf den Iran automatisch unterstützen würden. Nicht eher Krieg im Iran, als bis die Hölle zugefroren sein wird! Und Romney wiederholte seine Erklärung von früher nicht, er werde die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen. Und keine Begnadigung des israelischen Spions Jonathan Pollard.
Und das Wichtigste: Überhaupt keine Bemühung der riesigen potentiellen Macht der USA und ihrer europäischen Verbündeten wurde genannt, um den Frieden zwischen Israel und Palästina herzustellen. Keiner von beiden sagte, die USA müssten die Zweistaatenlösung erzwingen, da diese – darüber sind sich alle Wohlmeinenden einig – die einzige mögliche Lösung des Konflikts bringen würde. Ebenso wenig wurde die arabische Friedensinitiative erwähnt, die die 23 arabischen Länder, Islamisten und andere, immer noch anbieten.
Die neu erstehende Weltmacht China wurde mit einer Art Verachtung behandelt. Man muss den Chinesen erst einmal sagen, wie sie sich benehmen sollen! Sie müssen dies und das tun: aufhören, ihre Währung zu manipulieren und die Arbeitsstellen nach Amerika zurückgeben.
Aber warum sollten die Chinesen sich darum kümmern, wo sie doch die nationalen Schulden der USA kontrollieren? Macht nichts, sie müssen tun, was Amerika will! Washington locuta, causa finita. („Rom hat gesprochen, der Fall ist abgeschlossen”, wie die Katholiken früher einmal – vor den Missbrauchs-Skandalen - zu sagen pflegten.)
SO UNERNST die Debatte auch war, so zeigte sie doch ein sehr ernstes Problem auf.
Die Franzosen sagten einmal, Krieg sei eine zu ernste Sache, als dass man sie den Generälen überlassen sollte. Weltpolitik ist gewiss zu ernst, als dass man sie den Politikern überlassen sollte. Die Politiker werden vom Volk gewählt – und das Volk hat keine Ahnung.
Offensichtlich vermieden beide Kandidaten alle Einzelheiten, die von den Zuhörern auch nur die geringsten Kenntnisse verlangt hätten. Sie gingen davon aus, dass 1,5 Milliarden und mehr Muslime gerade einmal in zwei Kategorien zu fassen wären: „Gemäßigte“ und „Islamisten“. Israel wurde als ein Block gesehen, es wurde nicht differenziert. Was wissen Zuschauer schon von 3000 Jahren persischer Kultur? Es stimmt, Romney wusste – was eher überraschte -, was und wo Mali ist. Die meisten Zuschauer wussten das sicherlich nicht.
Und doch müssen eben diese Zuschauer jetzt schließlich entscheiden, wer der Führer der größten Militärmacht der Welt sein wird. Und das hat riesigen Einfluss auf alle anderen!
Winston Churchill beschrieb Demokratie sehr einprägsam: „Die schlimmste Form der Regierung, ausgenommen alle anderen Formen, die von Zeit und Zeit ausprobiert worden sind.“
Diese Debatte kann als Beweis dafür dienen.
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
Uri Avnery ist Autor des Aachener Friedensmagazins aixpaix.de. Seine Beiträge sehen Sie hier