Uri Avnery
Die größte Schau der Welt
04. August 2012
Uri Avnery
WENN WIR die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in einem Wort zusammenfassen wollen: Kitsch.
Wenn wir dazu zwei Worte benutzen wollen: Wunderschöner Kitsch!
EIN EHRLICHES Bekenntnis: Ich bin Englandliebhaber.
Im Alter von 15 Jahren begann ich für einen Rechtsanwalt, der in Oxford studiert hatte, zu arbeiten. Im Büro wurde nur Englisch gesprochen. Also musste ich es lernen und auf der Stelle verliebte ich mich hoffnungslos in die englische Sprache und die britische Kultur im Allgemeinen.
Das mag einige wundern, denn gleichzeitig war ich Mitglied einer terroristischen Organisation, deren Ziel es war, die Briten zu bekämpfen und sie aus Palästina zu verjagen.
Bald nach meinem 15. Geburtstag stand ich vor der Aufnahme-Kommission der Irgun. Man fragte mich, ob ich die Briten hasste. Der starke Lichtstrahl eines Projektors war auf mich gerichtet und ich antwortete: Nein. Ich bemerkte die Bestürzung auf der anderen Seite des blendenden Lichts und sagte, ich wolle unser Land befreien, und um das zu tun, brauchte ich die Briten nicht zu hassen.
Ich denke, dass die meisten Irgun-Kämpfer ebenso empfanden. Der nominelle Chefkommandeur Vladimir (Ze’ev) Jabotinsky war ein glühender Englandliebhaber und schrieb einmal: Der Engländer in den Kolonien ist ein brutaler Unterdrücker, aber der Engländer zu Hause ist ein anständiger und liebenswerter Bursche. Als Großbritannien Nazideutschland den Krieg erklärte, befahl Jabotinsky umgehend, dass die Irgun-Aktionen aufhören sollten. Der militärische Kommandeur von Irgun David Raziel wurde durch eine Nazi-Bombe getötet, als er den Briten im Irak beistand.
Sein Nachfolger Menachem Begin kam mit der polnischen Exil-Armee nach Palästina. Dort diente er als polnisch-englischer Dolmetscher. In dieser Eigenschaft hatte er häufig Kontakt mit britischen Behörden. Einmal erzählte er mir, dass er den britischen Offizieren Dokumente ins King David Hotel gebracht habe, eben das Hotel, das er später, als er Irgun-Kommandeur war, zu bombardieren befohlen hatte. Jahre später empfing ihn die Queen liebenswürdig als Ministerpräsidenten von Israel.
Im Ganzen hatten wir das Gefühl, dass wir Glück hätten, gegen das britische und nicht gegen das französische oder amerikanische (ganz zu schweigen vom israelischen) Besatzungsregime zu kämpfen.
NACH DIESEM BEKENNTNIS gleich noch eins: Ich bin kein Sport-Enthusiast! Tatsächlich habe ich überhaupt keinen Sinn für Sport.
Schon als Kind war ich der schlechteste Sportler der Klasse. Ein gutes Buch zog mich immer stärker an als ein aufregendes Fußballspiel. Mein Vater sah Sport als “gojim-naches” an, als Vergnügen für Gojim. (Das jiddische Wort Naches kommt vom hebräischen Wort Nakhat, Vergnügen oder Befriedigung.)
ABER ZURÜCK zu den Olympischen Spielen. Im Sommer ihrer Unzufriedenheit brachten die Briten etwas Einzigartiges zustande: originell, aufregend, überraschend, rührend, humorvoll. Ich habe gelacht, als Ihre Majestät aus dem Hubschrauber sprang, und ich vergoss fast Tränen, als die behinderten Kinder “God Save The Queen” sangen.
Aber wir wollen einen Blick hinter Pomp und Umstände werfen. Haben die Olympischen Spiele eine tiefere Bedeutung? Ich denke: Ja!
Der österreichische Professor Konrad Lorenz, der das Verhalten von Tieren als Grundlage für das Verständnis des Verhaltens von Menschen untersuchte, behauptete, Sport sei ein Ersatz für Krieg.
Die Natur hat die Menschen mit aggressiven Instinkten ausgerüstet. Sie dienten einmal dem Überleben. Als die Ressourcen auf der Erde knapp waren, mussten die Menschen ebenso wie andere Tiere Eindringlinge vertreiben, um am Leben zu bleiben.
Diese Aggressivität ist tief in unserem biologischen Erbe verankert, sodass es recht sinnlos wäre, sie beseitigen zu wollen. Lorenz dachte nun, wir müssten stattdessen harmlose Möglichkeiten finden, diese Aggressivität herauszulassen. Dafür sei Sport eine Lösung.
Und tatsächlich, wenn wir uns die unterschiedlichen Erscheinungsformen dieser Zeitvertreibs des Menschen ansehen, können wir nicht umhin, Ähnlichkeiten mit dem Krieg festzustellen. Nationalfahnen werden von siegestrunkenen Menschenmassen umhergetragen. Die Besiegten fühlen und verhalten sich wie Armeen nach einer verlorenen Schlacht.
In alten Zeiten wurden viele Kriege durch Duelle geregelt. Jede Armee schickte einen Kämpfer und der tödliche Kampf zwischen den beiden entschied die Sache. So war es im legendären Kampf zwischen David und Goliath. Im heutigen Sport kämpfen viele Wettkämpfer einzeln für ihre Nation: auf dem Tennisplatz, auf der Judo-Matte oder im olympischen Schwimmbecken.
Eine Fußballnationalmannschaft geht ganz gewiss für die Ehre ihres Landes in die Schlacht und wird von Wellen des Patriotismus getragen. Jeder Spieler ist sich vollkommen der riesigen Verantwortung bewusst, die auf seinen Schultern (oder seinen Füßen) lastet. Eine geschlagene Mannschaft bietet oft den erbarmungswürdigen Anblick der Reste von Napoleons Großer Armee beim Rückzug aus Russland.
In Europa, wo die nationale Souveränität allmählich ihre Bedeutung verliert, nimmt Fußball jetzt deren Platz ein. Wenn Sie eine Menschenmenge durch die Straßen einer beliebigen europäischen Stadt marschieren sehen, die, berauscht von Nationalstolz (und Alkohol) schreit und die Nationalfahne schwingt, dann wissen Sie, dass ein „wichtiges“ Spiel stattfindet.
Die vielgeschmähten englischen Fußball-Hooligans (der Name stammt von einer aufrührerischen irischen Familie in London) sind vom Geist des Spieles gar nicht so weit entfernt. Patriotismus, Krieg und Gewalt wachsen auf demselben Ast.
Bei unserer israelischen Mannschaft ist das Bewusstsein einer nationalen Pflicht besonders ausgeprägt. Israels Sportlerinnen und Sportler gewinnen nicht etwa für sich selbst, sondern sie gewinnen „für das jüdische Volk”. Jeder (noch so seltene) Sieg ist ein nationaler Sieg und jede (ach so häufige) Niederlage ist eine Niederlage für Israel. So wird es in unseren Medien dargestellt und so sehen es auch die Gewinner und Verlierer selbst.
IN GEWISSER WEISE ist Sport nicht nur für Krieg, sondern auch für Religion ein Ersatz.
Sport wird mit religiösem Eifer betrieben. Ein Blick in die Gesichter der Fußballspieler vor dem Beginn des Spiels genügt: Sie singen hingebungsvoll die Nationalhymne, um sich der Heiligkeit des Ereignisses bewusst zu werden – auch wenn ein britischer Spieler vielleicht aus Jamaika und ein französischer aus Algerien kommt.
Sogar in der unaufdringlichen britischen Eröffnungszeremonie war der religiöse Unterton deutlich. Die Fackel, die Fahne, die Hohen Priester. Christliche Soldaten, die vorwärts in den Krieg marschieren. Auch muslimische Soldaten. Auch jüdische Soldaten und so weiter.
In Israel rufen jüdische Sportler und Sportlerinnen bei ihren Spielen oft den Allmächtigen an. Sie umklammern von kabbalistischen Rabbinern gesegnete Amulette, beten und bitten um göttliche Gnade. (Was dem göttlichen Schiedsrichter Kopfschmerzen bereiten muss, wenn Juden gegen Juden spielen.)
Ich denke mal, dass im alten Griechenland, wo alles anfing, die Spieler verschiedene Götter und Göttinnen anriefen und forderten, dass der beste Gott gewinnen möge. Im ausgedehnten byzantinischen Reich kämpften generationenlang zwei Farben miteinander.
Sport, wie er in den Olympischen Spielen geboten wird, ist jetzt ein in der ganzen Welt verbreiteter Kult. Er ist weniger schädlich als die meisten anderen, kommt ohne das Hokuspokus einiger anderer Kulte aus und vereinigt eher, als dass er trennt. Alles in allem eine gute Sache.
DIE FÄHIGKEIT ZU VEREINEN ist vielleicht die am meisten hervorstechende Eigenschaft dieses Ereignisses.
Hundertmillionen, vielleicht eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt sehen zu und alle werden von ihren nationalen Kämpfern vertreten.
Das ist mehr als eine Kuriosität! Hoffentlich ist es ein Bild der Zukunft!
Den Einzug der Delegationen zu beobachten war ein erhebendes Erlebnis. Fast alle Nationen der Erde waren vertreten. Sie gingen schnell hintereinander her und schwenkten ihre bunten Fahnen. In den folgenden Tagen wetteiferten sie miteinander, begegneten sich, achteten einander, alles im Geist der Kameradschaft. Sportler und Sportlerinnen einer Nation bewunderten die Leistungen der Sportler und Sportlerinnen aus anderen Nationen, die Rassen mischten sich, Vorurteile verflogen.
Es ist interessant, die Begegnung der Nationen in London mit der an einem anderen Ort zu vergleichen: mit der Organisation der Vereinten Nationen. Im Vergleich zwischen beiden gewinnen zweifellos die Olympischen Spiele.
Kann sich irgendjemand Olympische Spiele vorstellen, bei denen einige Nationen ein formelles Vetorecht hätten und es gegen eine andere Nation einsetzten? Kann man die den UN innewohnende mangelnde Aktivität mit der Hyperaktivität der Spiele vergleichen?
Für mich ist das die Hauptattraktion des Ereignisses. Ich glaube stark an die Weltregierung. Ich glaube, dass sie eine absolute Notwendigkeit für das Überleben der menschlichen Rasse und des Planeten ist. Klimawandel, Ausbreitung von Nuklearwaffen, die Weltwirtschaft, weltweite Kommunikation – alles das macht eine weltweite Zusammenarbeit sowohl notwendig als auch möglich.
Ich bin ziemlich sicher, dass es bis zum Ende des 21. Jahrhunderts eine Art Weltregierung, die sich auf Welt-Demokratie gründet, geben wird. Die Olympischen Spiele sind ein gutes Vorbild für eine derartige Realität: Alle Nationen sind vertreten, alle haben gleiche Rechte und, was am wichtigsten ist, alle befolgen dieselben Regeln. Im Prinzip hat ein Kämpfer dieselbe Chance, eine Goldmedaille zu gewinnen, wie der andere. Ob er nun zu dieser oder jener großen oder kleinen Nation gehört, spielt keine Rolle.
Wäre es nicht großartig, wenn sich die ganze Welt an denselben Richtlinien ausrichten würde?
FÜR EINEN Israeli war dieser feierliche Umzug ernüchternd.
Wir haben die Neigung, uns als Mittelpunkt der Welt zu sehen, als eine Macht, die unsere bescheidene Größe bei Weitem übertrifft. Aber hier marschierte unsere Delegation, eine unter vielen, noch dazu eine der kleineren, ohne den Glanz, die einige andere besitzen, ohne einen einzigen Kämpfer, den die gesamte Menschheit kennt.
Ein guter Grund für Bescheidenheit – eine Tugend, der wir uns gewöhnlich nicht rühmen können.
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
Uri Avnery ist Autor des Aachener Friedensmagazins aixpaix.de. Seine Beiträge sehen Sie hier