Uri Avnery
DER RABIN SQUARE in Tel Aviv hat schon manche Demonstration erlebt, aber sicherlich keine wie die am letzten Samstag!
Sie hat nichts mit dem Ereignis zu tun, das dem Platz seinen Namen gab: eine riesige Kundgebung für Frieden, an deren Ende Yitzhak Rabin ermordet wurde. Sie war in jeder Hinsicht anders.
Es war eine fröhliche Angelegenheit. Dutzende von NGOs – die einen waren klein, andere ein wenig größer, alle hatten unterschiedliche Zielsetzungen – kamen in dem Bemühen zusammen, die sozialen Proteste vom letzten Jahr wiederzubeleben. Aber es war auf keine Weise eine Fortsetzung des israelischen Frühlings.
Im letzten Jahr war der Aufstand ziemlich ungeplant. Die junge Daphni Leef konnte ihre Miete nicht bezahlen, also baute sie auf dem Rothschild Boulevard, fünf Gehminuten vom Rabin Square entfernt, ein kleines Zelt auf. Offenbar hatte sie einen Nerv getroffen, denn innerhalb von Tagen entstanden Hunderte von Zelten auf dem Boulevard und überall im Land. Das Ganze wurde schließlich zu einer riesigen Demonstration, die der „Marsch der halben Million” genannt wurde. Das führte zur Einrichtung einer Regierungskommission, die eine Reihe von Vorschlägen machte, wie die soziale Ungerechtigkeit zu verringern sei. Nur ein kleiner Teil davon wurde in die Praxis umgesetzt.
Die ganze Unternehmung nannte sich „unpolitisch”, erteilte Politikern aller Richtungen eine Abfuhr und weigerte sich entschieden, sich mit irgendeinem nationalen Problem zu befassen, etwa mit Frieden (Was ist das?), Besetzung, Siedlungen und dergleichen.
Alle Entscheidungen wurden von einer anonymen Leitung getroffen, die sich um Daphni herum versammelt hatte. Einige der Namen wurden bekannt, andere nicht. Die teilnehmenden Massen waren ganz zufrieden, dass sie sich ihrem Diktat fügen durften.
DAS WAR’S. Die neue Initiative hat überhaupt keine sichtbare Leitung. Es gab keine Tribüne und keine Sprecher im Mittelpunkt. Es war so ähnlich wie Speakers’ Corner im Londoner Hydepark, wo ja jeder auf einen Stuhl steigen und sein eigenes Evangelium predigen kann. Jede Gruppe hatte ihren eigenen Stand. Dort legte sie ihre Flugblätter aus. Jede hatte ihren eigenen Namen, ihre eigene Zielsetzung, ihre eigenen Sprecher und ihre eigenen Fremdenführer (wir wollen sie nicht Führer nennen).
Da der Platz groß ist und die Zuhörerschaft auf einige Tausende stieg, klappte es. Viele verschiedene Versionen von sozialer Gerechtigkeit – einige davon widersprachen einander – wurden befürwortet: Das Spektrum reichte von einer Gruppe, die sich „Liebesrevolution“ nannte (jeder sollte jeden lieben) bis zu einer Gruppe von Anarchisten (alle Regierungen sind schlecht, auch Wahlen sind schlecht).
Gideon Levy nannte die Szene „chaotisch” und wurde sofort von den Protestierenden angegriffen: ihm fehle das Verständnis. (Sie spielten darauf an, dass er zu alt sei, um zu verstehen.) Chaos ist wunderbar! Chaos ist wahre Demokratie! Es gibt den Menschen ihre Stimme zurück! Es gibt keine Anführer, die den Protest für ihr eigenes Fortkommen und Ego stehlen und ausbeuten! Es ist die Ausdrucksweise der neuen Generation!
DAS ALLES erinnerte mich an eine glückliche Zeit: die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, als noch kaum einer der in dieser Woche Protestierenden geboren oder auch nur „in der Planungsphase” (so nennen es Israelis gerne) gewesen war.
Damals wurde Paris von einer Leidenschaft für sozialen und politischen Protest ergriffen. Es gab keine gemeinsame Ideologie, keine einheitliche Vision einer neuen Sozialordnung. Im Odeon-Theater fand Tag für Tag eine endlose und ununterbrochene Debatte statt, während draußen Demonstranten Pflasterseine nach Polizisten warfen. Diese wiederum verprügelten sie mit den bleiernen Säumen ihrer Mäntel. Alle waren begeistert. Es war klar: Eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit war angebrochen!
Claude Lanzmann, der Sekretär Jean-Paul Sartres und Liebhaber Simone de Beauvoirs und der spätere Regisseur des Monumentalfilms “Shoah“, beschrieb mir die damalige Atmosphäre auf folgende Weise: „Die Studenten steckten die Autos in den Straßen in Brand. An den Abenden parkte ich mein Auto weit draußen. Aber eines Abends sagte ich mir: ‚Wozu zum Teufel brauche ich ein Auto? Sollen sie es doch in Brand stecken!‘”
Aber während die Linken redete, sammelte die Rechte ihre Kräfte unter Charles de Gaulle. Eine Million Rechte marschierten die Champs Elisees runter. Der Protest verlief im Sande. Er hinterließ nur eine unbestimmte Sehnsucht nach einer besseren Welt.
Der Protest blieb nicht auf Paris beschränkt. Sein Geist steckte viele andere Städte und Länder an. Im unteren Manhatten herrschte die Jugend absolut. Provozierende Poster wurden in den Straßen des Village verkauft; junge Männer und Frauen trugen humorvolle Buttons an der Brust.
Im Ganzen hatte die vage Bewegung vage Ergebnisse. Da sie keine konkrete Zielsetzung gehabt hatte, hatte sie keine konkreten Ergebnisse. De Gaulle fiel einige Zeit später aus anderen Gründen. In den USA wählte das Volk Richard Nixon. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit änderte sich einiges. Aber dem revolutionären Gerede zum Trotz, gab es keine Revolution.
IN DER SAMSTAGSDEMONSTRATION streiften die junge Daphni Leef und ihre Kameraden kaum bemerkt und wie Relikte der Vergangenheit durch die Menge. Nach nur einem Jahr, so schien es, übernahm die neue Generation dieses Jahres von der neuen Generation des Vorjahres.
Sie hätten sich ja durchaus um eine neue Zielsetzung herum sammeln können, aber sie sahen weder den Nutzen davon noch auch nur die Notwendigkeit dafür ein, eine gemeinsame Zielsetzung, gemeinsame Organisation und/oder gemeinsame Führung zu haben, Alles dieses ist ihrer Ansicht nach schlecht, es sind Attribute des alten, korrupten, verrufenen Regimes. Weg damit!
Ich bin nicht so sicher, was ich davon halte.
Einerseits gefällt mir das sehr. Neue Energien werden freigesetzt. Eine junge Generation, die egoistisch, apathisch und desinteressiert zu sein schien, zeigt plötzlich, dass sie sich Gedanken macht.
Seit Jahren drücke ich die Hoffnung aus, dass die Jungen etwas Neues erschaffen mögen: einen neuen Wortschatz, neue Definitionen, neue Schlagworte und neue Führer, Menschen, die vollkommen mit den heutigen Parteistrukturen und Regierungskoalitionen gebrochen haben, einen neuen Anfang, den Anfang der Zweiten Israelischen Republik.
Ich sollte also glücklich sein, dabei zusehen zu dürfen, wie sich mein Traum erfüllt.
Und ich bin tatsächlich glücklich über diese neue Entwicklung. Israel braucht grundlegende Sozialreformen! Die Kluft zwischen sehr Reich und sehr Arm ist unerträglich! Eine breite neue soziale Bewegung, auch wenn sie noch so vielfältig ist, ist etwas Gutes.
Soziale Gerechtigkeit ist und war immer eine Forderung der Linken. Eine Demonstration, die ruft: „Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit!“ ist nun einmal links, auch wenn sie diese Bezeichnung als Stigma von sich weist.
Aber die hartnäckige Weigerung, den politischen Kampfplatz zu betreten und eine politische Zielsetzung zu proklamieren, ist verwirrend. Sie könnte bedeuten, dass die Demonstration wie die Bemühungen im letzten Jahr im Sande verläuft.
Wenn die Demonstranten darauf bestehen, sie seien „unpolitisch” – was bedeutet das? Wenn es bedeutet, dass sie sich nicht mit irgendeiner vorhandenen Partei identifizieren, kann ich ihnen nur Beifall spenden! Ebenso, wenn es ein taktischer Trick mit dem Zweck ist, Menschen aus allen vorhandenen Lagern anzuziehen. Wenn es jedoch im Ernst die Entscheidung ist, den politischen Kampfplatz anderen zu überlassen, dann muss ich das verurteilen.
Soziale Gerechtigkeit ist ein politisches Ziel par excellence. Sie bedeutet unter anderem, Geld, das bisher für anderes eingesetzt wird, für soziale Zwecke einzusetzen. In Israel bedeutet es unvermeidlich, Geld aus dem riesigen Militärbudget, ebenso vom Siedlungsbau, von den Subventionen, die den Orthodoxen als Bestechung gezahlt werden, und von den parasitischen Magnaten wegzunehmen.
Wo kann das geschehen? Nur in der Knesset! Um dorthin zu kommen, braucht man eine politische Partei. Also muss man politisch sein. Basta!
Ein „unpolitischer” Protest, der die brennenden Fragen unserer nationalen Existenz umgeht, ist himmelschreiend von der Realität geschieden.
Im letzten Jahr habe ich den sozialen Protest mit einer Meuterei auf der Titanic verglichen. Ich könnte dieses Bild ausweiten. Stellen Sie sich das wunderbare Schiff auf seiner Jungfernreise mit all den lebendigen Aktivitäten an Bord vor! Die Musikkapelle wirft alle altmodische Musik von Mozart und Schubert über Bord und ersetzt sie durch Hardrock. Anarchisten entheben den Kapitän seines Amtes und wählen täglich einen neuen. Andere schaffen die Rettungsboots-Übungen ab, denn die wären ja eine lächerliche Übung auf einem „Schiff, das nicht sinken kann”. Stattdessen organisieren sie Sportereignisse. Auch die skandalöse Unterscheidung zwischen Erstklasse- und den übrigen Passagieren wird abgeschafft. Und so weiter. Das ist ja alles sehr verdienstvoll, aber irgendwo auf der Route lauert eben ein Eisberg!
Israel steuert auf einen Eisberg zu. Er ist größer als irgendeiner von denen auf der Route der Titanic. Er ist keineswegs verborgen! Alle die Teile über Wasser sind sogar von Weitem deutlich sichtbar. Aber wir segeln, Volldampf voraus, geradewegs auf ihn zu! Wenn wir den Kurs nicht ändern, zerstört der Staat Israel sich selbst, indem er sich zuerst in ein Apartheidsstaat-Monstrum vom Mittelmeer bis zum Jordan und vielleicht später in einen bi-nationalen Staat mit arabischer Mehrheit vom Jordan bis zum Mittelmeer verwandelt.
Heißt das, dass wir den Kampf um soziale Gerechtigkeit aufgeben müssen? Sicherlich nicht! Jeden Tag und jede Stunde muss der Kampf um soziale Solidarität, bessere Bildung, verbesserte Gesundheitsdienste und der Kampf für Arme und Behinderte weitergehen!
Aber wenn der Kampf erfolgreich sein soll, muss er politisch und ideologisch zu einem Teil des Kampfes für die Zukunft Israels, für die Beendigung der Besetzung und für Frieden werden.
Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler
Uri Avnery ist Autor des Aachener Friedensmagazins aixpaix.de. Seine Beiträge sehen Sie hier
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