Gershon Baskin

Die Kluft im Umgang mit den israelischen Arabern schließen

16. Januar 2013

Gershon Baskin. Foto: Otmar Steinbicker

Die Vereinten Nationen schätzten, dass 711 000 Araber, die sich am Kampf gegen Israels Gründung beteiligt hatten, nach der Errichtung des israelischen Staates zu Flüchtlingen wurden.

Am Ende von Israels Unabhängigkeitskrieg 1949, in dem der Staat ein Prozent seiner Bürger im Kampf um die Freiheit verloren hatte, gab es innerhalb der Grenzen der neugeborenen Nation 156 000 Araber. Das waren etwa 12 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung. Die Vereinten Nationen schätzten, dass 711 000 Araber, die sich am Kampf gegen Israels Gründung beteiligt hatten, nach der Errichtung des israelischen Staates zu Flüchtlingen wurden.

Denjenigen, die nicht geflohen waren, gewährte der neue Staat die Staatsbürgerschaft und sie wurden bis 1966 einer Militärregierung unterstellt.

Bei seiner Gründung versprach Israel allen seinen Bürgern: [der Staat] gründet sich auf Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden, wie es sich die Propheten Israels vorgestellt haben. Er stellt die vollkommene Sicherheit der sozialen und politischen Rechte aller seiner Bürger ungeachtet ihrer Religion, ihrer Rasse oder ihres Geschlechts sicher. Er garantiert Freiheit der Religionsausübung, des Gewissens, der Sprache, der Erziehung und der Kultur.

Bei seiner Gründung und in den ersten Jahrzehnten war Israel ein armes Land.

In den ersten 10 Jahren verdoppelte sich die Bevölkerung. Viele der Neuankömmlinge kamen ohne Besitztümer und Geld aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika. Aber die arabischen Bürger Israels waren die ärmsten. Sie waren fast ihrer gesamten Führungsschicht beraubt.

Die Intellektuellen, die politischen und religiösen Führer, die urbane Elite, waren geflohen. Die meisten von denen, die geblieben waren, waren Bauern, 92% davon Analphabeten. Eine einzige funktionierende Sekundarschule war übrig geblieben. Israel enteignete den größten Teils ihres Landes und baute Sicherheitsgürtel um alle seine Gemeinden. Die meisten arabischen Dörfer hatten weder Elektrizität noch Wasserleitungen noch eine andere grundlegende Infrastruktur.

Heute zählt diese Bevölkerung mehr al seine Million. Das sind 20% von Israels Gesamtbevölkerung. Sie haben auf allen Gebieten jeder möglichen Entwicklung bemerkenswerte Fortschritte gemacht: Es gibt kaum noch Analphabetismus, in jeder Gemeinde gibt es Schulen.

Zehntausende von Israels arabischen Bürgern besuchen Universitäten und zeichnen sich in allen Fächern aus. Israels Krankenhäuser sind voller arabischer Ärzte. Apotheken im ganzen Land beschäftigen arabische Pharmazeuten, Hochtechnik- Industrien stellen immer mehr arabische Ingenieure ein.

Die Araber Israels haben vieles, auf das sie stolz sein können. Alle diese Leistungen haben sie selbst erbracht.

HEUTE, 65 Jahre nach der Schaffung des Staates, ist Israel kein armes Land mehr.

Israel ist auf vielen Gebieten führend in der Welt und hat vieles geleistet, auf das es stolz sein kann.

Fünfundsechzig Jahre nach der Entstehung Israels kann es keine Entschuldigung mehr dafür geben, dass das Versprechen der Gründerväter und -mütter hinsichtlich der Gleichheit aller Bürger bisher nicht erfüllt worden ist.

Leider kann niemand behaupten, es gäbe Gleichheit zwischen Juden und Arabern in Israel. Wir müssen so ehrlich mit uns selbst sein, öffentlich zuzugeben, dass es in diesem Land immer noch zu viel Diskriminierung zwischen Juden und Arabern gibt. Diese Diskriminierung liegt im System, sie ist nicht nur soziologisch – Diskriminierung auf der Ebene von Stereotypen und Vorurteilen zwischen Menschen -, sondern sie kommt von der Regierung und durchdringt fast alle Lebensbereiche, die unter Regierungsvollmacht stehen.

Zu den Richtlinien einer jeden israelischen Regierung zwischen 1948 und heute gehört die Abschaffung der Diskriminierung. Alle haben versprochen, diese Kluft zu schließen: Sie wollten mehr Geld zur Verfügung stellen, Araber in der Regierung beschäftigen, mehr Schulen bauen, das arabische Erziehungssystem verbessern und mehr desgleichen. Die Versprechungen erscheinen mit jeder neuen Regierung aufs Neue und sie werden von allen politischen Parteien wiederholt, die vor den Wahlen um die Stimmen der arabischen Bürger werben.

Nach 65 Jahren sollte uns die fortgesetzte Diskriminierung beschämen. Darüber sollte man nicht einmal diskutieren müssen!

Wir sollten sie einfach zugeben und beseitigen. Der Staat Israel muss die Entscheidung treffen, dass eine solche schwere Diskriminierung auf keinen Fall weiterhin zu tolerieren ist. Wir können nicht weiterhin behaupten, wir seien eine Demokratie, und gleichzeitig weiterhin die Diskriminierung akzeptieren.

Ja, es stimmt: Diejenigen, die wir einmal israelische Araber nannten, definieren sich selbst als palästinensische Bürger Israels. Ja, es stimmt: Die Mehrheit derer, die wählen gehen, stimmen nicht mehr für zionistische politische Parteien.

Ja, es stimmt: Sie empfinden viel Empathie und Solidarität mit ihren Brüdern und Schwestern, die in Palästina um Befreiung und Unabhängigkeit von der israelischen Besatzung kämpfen. Aber gleichzeitig bleiben sie israelische Bürger. Sie kämpfen um vollständige Gleichheit innerhalb des Staates Israel und dieser Kampf ist gerecht.

Es gibt Leute, die behaupten: Erst wenn sie ihren Beitrag geleistet und dem Land gedient haben, sollten sie auch gleiche Rechte bekommen.

Aber an dieser Behauptung stimmt einiges nicht. (Ich glaube übrigens auch, dass sie zum Dienst in ihren Gemeinden, in Krankenhäusern, Schulen und zu anderen sozialen und Gemeindediensten herangezogen werden sollten.)

STAATEN STATTEN ihre Bürger auf der Grundlage ihres Geburtsrechts – sie wurden im Staat geboren und der Staat hat allen seinen Bürgern gegenüber gewisse Verpflichtungen – mit Rechten aus. Sie bieten Gesundheitsfürsorge, Bildung, Sozialleistungen, Entwicklung der Wirtschaft, Infrastruktur – und alles das sollte allen Bürgern gleichermaßen zustehen. Wenn Bürger keine Steuern zahlen oder die Gesetze brechen, beschließt der Staat, wie er sie bestraft.

Israel zieht die palästinensischen Bürger nicht zum Militärdienst heran. Andererseits befreit er sie auch nicht von der Dienstpflicht. Dem Gesetz nach sind sie zum Dienst verpflichtet, aber zur Armee werden sie aus naheliegenden und verständlichen Gründen nicht eingezogen. Zur Armee werden jedoch die drusischen Bürger Israels eingezogen und die meisten von ihnen haben sich selbst nach ihrem Militärdienst noch über Diskriminierung zu beklagen.

Niemand wird zum Zivildienst herangezogen und der Staat kann nicht Rechte an Pflichten binden, wenn die Pflichten nicht existieren. Der Staat kann diejenigen belohnen, die sich dafür entscheiden, als Freiwillige zu dienen, aber nicht, indem er ihnen die Vorteile zukommen lässt, die ein Vertrag zwischen dem Staat und seinen Bürgern enthalten sollte.

Israels palästinensische Bürger befolgen die Gesetze und kämpfen darum, gleichberechtigte Staatsbürger zu sein. Mehr als 50% der palästinensischen Bürger werden bei der kommenden Wahl ihr Wahlrecht wahrscheinlich nicht ausüben und das ist ein schwerer Irrtum ihrerseits! Damit stimmen sie für mangelndes Vertrauen in die israelische Demokratie und das ist ein deutlicher Misserfolg für Israels Demokratie.

Israels erster Präsident Dr. Chaim Weitzman sagte: Ich bin sicher, die Welt wird den jüdischen Staat danach beurteilen, wie er mit den Arabern umgeht. Auch uns steht es zu, unseren eigenen Staat an diesem Maßstab zu messen. Statt dass wir von allen Leistungen sprechen, die Israel erbracht hat, um die Kluft zu schließen, ist es Zeit, die Kluft wirklich zu schließen.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Gershon Baskin ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Gershon Baskin
2016

De-risking peace - Part I

The Left is right

The French connection

The United Nations and Israel’s legitimacy

A moment of opportunity

The darkness of our times

Addressing the core

The worst negotiations, the best negotiations

Palestinian turmoil and Israeli interests

This one is for you - the Palestinians

Palestinian suffering makes no sense for Israel

Creating a compelling vision for peace

It is also in our hands

Sooner or later

There is no partner

There is no partner

2015

Yes, it is difficult to make peace

What does he really want?

To those who oppose Israeli-Palestinian peace

Israel – my sad home

Have I got news for you

It is still not too late for peace

Netanyahu, tell us what you really think!

The partnership challenge

The binational reality that we are experiencing

Abbas is still the leader who can make peace

A new intifada?

After Abbas

The distance between here and peace and security

Doing the wrong thing at that wrong time

The one and only solution!

Yeshayahu Leibowitz was right!

The disengagement – 10 years on: What we choose to forget

Needed - a new approach to Gaza

A bad agreement is better than no agreement

Obviously no peace now, so what then?

Ramadan Kareem!

Israel’s strategic choices regarding Gaza

Anti-normalization hypocrites

FIFA, soccer and the Palestinians

Both sides now

It’s time for Palestine

The citizens’ challenge – from despair to hope

We have the chance to do the right thing in Yarmouks

The world is not against us

This is what you voted for, and this is what you will get

The no decision elections

A cautious peace, but peace nevertheless

For the sake of Israel, Netanyahu must be sent home

Going ballistic even prior to an agreement

To the new IDF chief of staff, Gadi Eisenkot

The Peace Bridge

The choices we must make

Israeli elections – It’s not about the economy

Threats and security

2014

Returning to negotiations

Our most important elections

The missed opportunities

We want peace, but they don't

Our future is in our hands

Defining who we are

Unlike religious wars, political wars have solutions

Today and tomorrow

If we had a real leader

Jerusalem of peace, Jerusalem of war

No tango going on at all

The Gaza challenge

Is Hamas prepared to end this war with a long-term ceasefire?

The end of the ceasefire, the renewal of war and the end game

The aftermath

Some thoughts this morning

Regional forum for security and stability – Gaza first

After a long phone conversation with a Hamas leader in Gaza

Don’t destroy Gaza, build it!

Framework document for the establishment of permanent peace (part 3 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace (part 2 of 3)

Framework document for the establishment of permanent peace

Palestinian refugees in Syria

Annexing the West Bank – a catastrophic plan for the Jewish people

Mutual and reciprocal recognition

Our Palestinians, their Jews

A very personal statement on peace

2013

Contextual reciprocity

Negotiating atmospherics

My Conversation With Hamas

Ramadan Kareem

Wahrheit, Lügen und Rechtmäßigkeit

Kauft palästinensisch!

Rat für den Präsidenten

Keine Fortsetzung des Unilateralismus!

Diesen Weg müssen wir einschlagen!

Die Kluft im Umgang mit den israelischen Arabern schließen

2012

Eine Ein-Staat-Realität ist nicht durchführbar

Strategische Fehler und Herausforderungen

Mord an der Chance für Ruhe

Das Ende des Raketenbeschusses aus Gaza

Die Aufgabe eines Staatsmannes

Es gibt einen Ausweg

Atomwaffen raus aus dem Arsenal

Was Abbas Israel sagen sollte

Obama, gestatte es uns nicht!

Ist mein zionistischer Traum gestorben?