Gershon Baskin

Die Gespräche mit den Palästinensern wieder aufnehmen!

10. September 2012

Zwischen mir und dem Frieden stehen keine Mauern. Ich überquere die Grenzen, reiße Barrieren ein und weigere mich der Angst vor den anderen zu gestatten, sich in Hass zu verwandeln. Ich bin auf die andere Seite der Mauern gegangen und ich weiß, dass Frieden möglich ist!

Der zunehmende Druck Nordamerikas und Europas, dem Iran zusätzliche Sanktionen aufzuerlegen, dazu der Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Kanada sind weitere Signale an Israel, dass die internationale Gemeinschaft einen derzeitigen militärischen Angriff Israels auf den Iran nicht unterstützt.

Als Israel seine Behauptung aufstellte, der Iran habe seit Langem die rote Linie eines Waffenprogramms überschritten und verfüge gegenwärtig über genug angereichertes Uran, ein ganzes Kernwaffenarsenal und nicht nur eine einzige Bombe herzustellen, gab Washington zu erkennen, dass es seine rote Linie an einer anderen Stelle gezogen habe. Russland versichert, es gebe keine Beweise für ein iranisches Kernwaffenprogramm, und während die IAEA-Berichte weder Existenz noch Nichtexistenz bestätigen, sieht es so aus, als ob die israelische Angriffshaltung, die sich in den vergangenen Wochen so verschärft hat, auf ein niedriges Niveau der Angriffsbereitschaft zurückgefahren werde.

Regierung und Militär der USA machen zum jetzigen Zeitpunkt nur allzu deutlich, dass sie Israel kein grünes Licht für einen Angriff auf den Iran gäben. Die Unsicherheiten eines derartigen Angriffs und seine Folgen sind viel zu ungeheuerlich für die Stabilität der Welt, als dass Israel erlaubt würde, sich auf ein militärisches Abenteuer einzulassen. Die Experten sagen, dass immer noch genügend Zeit dafür sein werde, eine Bewaffnung des Iran mit Atombomben zu verhindern, und dass man erst einmal schärferen Sanktionen die Chance geben müsse, sich auszuwirken.

In ein paar Wochen werden politische und militärische Einrichtungen in Israel sich beruhigt haben und dem Thema Iran wird in Medien und Öffentlichkeit weniger Aufmerksamkeit zuteilwerden. Die Aufmerksamkeit wird sich wahrscheinlich wieder der Wirtschaft, der Haushaltskrise, den Lebenskosten und den Schwierigkeiten, in dieser Zeit der Einschränkungen, neuer Steuern und Haushaltskürzungen das Land zu regieren, zuwenden.

Natürlich muss der Staatshaushalt zum Thema gemacht werden. Wenn die Haushalts-Diskussionen und Entscheidungen über Kürzungen zu strittig oder politisch explosiv sind, dann werden wir in den kommenden Monaten Neuwahlen gegenüberstehen. Das wird für die Wirtschaft Wunder wirken. Aber wenn wir es mathematisch sehen, dann sind Wahlen sehr viel vernünftiger als ein neuer Krieg.

TATSÄCHLICH sollte die politische Aufmerksamkeit, wenn erst einmal der Iran eine untergeordnete Stellung auf der Tagesordnung einnimmt, zum Punkt Palästina zurückkehren. Eben dort liegt die wirkliche Existenzbedrohung Israels! Bei dem Thema Palästina können wir wirklich auf unser Schicksal Einfluss nehmen und da brauchen wir niemandes Erlaubnis, uns vorwärtszubewegen. Wir brauchen keine amerikanischen Waffen einzusetzen; wir brauchen keine komplizierten Flugpläne für den Luftraum über dem Gebiet anderer Staaten. Wir haben alle Werkzeuge in unserer eigenen diplomatischen Werkzeugkiste, um einen Frieden mit den Palästinensern zu wagen.

Wir werden außerdem erleben können, dass die gesamte Welt uns unterstützt, außer vielleicht ein paar Schurkenstaaten wie der Iran. Es wäre ja so erfrischend, wenn wir zusehen könnten, wie Israel in internationalen Foren freudig als die Seite begrüßt wird, die ihren Nachbarn die Hand zum Frieden entgegegenstreckt!

Ich bin ziemlich sicher, dass die Ankündigung des Ministerpräsidenten, dass Israel dazu bereit sei, die Verhandlungen dort fortzusetzen, wo sie während Ehud Olmerts Amtszeit als Ministerpräsident unterbrochen worden sind, sofort auf eine positive Reaktion der Palästinenser stoßen würde!

Erwartet irgendjemand, dass die Palästinenser mit geringeren Aussicht an den Verhandlungstisch zurückkehren würden? Würde denn irgendeine andere Partei zu Verhandlungen zurückkehren, in denen man hinter den letzten Punkt in der letzten Runde zurückginge? Der Abstand zwischen den Olmert-Abbas-Gesprächen und einer Vereinbarung ist nicht sehr weit. Beide Seiten müssen noch bedeutende Kompromisse eingehen. Die Umsetzung jeder Vereinbarung würde Jahre beanspruchen und Fortschritt und zusätzliche Schritte würden an den Leistungen und nicht an den Reden gemessen werden. Wir haben einige Lektionen aus Fehlern in der Vergangenheit gelernt und das, was war, ist durchaus nicht das, was sein kann!

Nein, keine der beiden Seiten vertraut darauf, dass die andere Seite ein echter Partner für den Frieden sei. Israel glaubt Mahmoud Abbas nicht und Palästina glaubt Benjamin Netanyahu nicht. Die Israelis glauben nicht, dass die Palästinenser Frieden wollen, und die Palästinenser glauben nicht, dass die Israelis Frieden wollen. Ich dagegen weiß, dass beide Seiten Frieden wollen!

Ich bringe viel Zeit in der Westbank zu. Gestern war ich einen ganzen Tag lang in Hebron. Ich fuhr im eigenen Auto, verfuhr mich, fragte nach der Richtung und kam schließlich dorthin, wohin ich musste. Ich ging allein durch die Stadt. Ich fürchtete mich keinen Augenblick. Die Menschen auf der Straße grüßten mich. Ich sprach mit ihnen und kaufte ein paar dieser wunderbaren Hebron-Trauben der Nachsaison.

Allen war klar, dass ich Israeli war, und niemand griff mich an oder bedrohte mich. Ich wurde weder gesteinigt noch gelyncht. Ich bin wenigstens einmal die Woche in Ramallah. Ich fahre im eigenen Auto mit dem gelben israelischen Nummernschild. Ich fahre in der Stadt herum, wie ich möchte. Dasselbe gilt für Bethlehem, Nablus, Jenin und die Dörfer in der gesamten Westbank.

Gestern aß ich in Hebron mit einigen Offizieren der Palästinensischen Sicherheitskräfte zu Mittag. Sie schützten eine Gruppe Israelis, die dort den Schabbat verbrachten. Man stelle sich vor: Eine Gruppe Israelis, keine Siedler, die den Schabbat in Hebron verbringen und nicht etwa im Gebiet der Siedlung in Hebron, sondern in der palästinensischen Stadt Hebron!

Sie beteten in der Höhle der Patriarchen, sie wurden von palästinensischen Führern begleitet und von der palästinensischen Polizei beschützt. Sie kamen nicht, um anzugreifen; sie kamen nicht, um Land zu nehmen oder eine Siedlung zu bauen. Sie kamen in Frieden; sie kamen und achteten die Bewohner und bekamen dasselbe von ihnen zurück.

Die meisten in der Gruppe waren religiöse Juden. Einer sagte zu mir: Wir müssen das nicht besitzen oder Herrschaft darüber haben, um es heilig zu halten. Einer der palästinensischen Sicherheitsbeamten sagte mir, dass er, als er jung gewesen sei, in Israel gearbeitet und dort viele Israelis kennengelernt habe. Er lernte Hebräisch und wusste das Gute, das er in Israel sah, zu schätzen. Heute, rief er aus, kennen unsere jungen Leute keine Israelis. Sie sehen Israel nicht. Sie haben keinen Kontakt und die Mauern, die zwischen uns stehen, sind sowohl physische als auch psychische. Er hat recht. Diese Mauern haben zwei Seiten und sie verhindern den Kontakt zwischen diesen beiden Seiten.

Zwischen mir und dem Frieden stehen keine Mauern. Ich überquere die Grenzen, gehe auf die andere Seite der Mauern, reiße Barrieren ein und weigere mich, der Angst vor dem anderen zu gestatten, sich in Hass zu verwandeln. Ich weigere mich, die ständige Haltung des Pessimismus zu akzeptieren, die heute bei uns so weit verbreitet ist: Wir haben keinen Partner, sie wollen keinen Frieden, sie hassen uns, sie wollen uns töten, sie wollen unser Land, sie erkennen uns nicht an; es gibt keine Hoffnung!

Das ist alles falsch, es sind Mythen und Meinungsmache! Ich bin auf die andere Seite der Mauern gegangen und ich weiß: Frieden ist möglich!

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Gershon Baskin ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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