Gershon Baskin

Leugnen ist keine Lösung

30. Juli 2012

Heute Morgen habe ich eine amerikanisch-jüdische Rechtsanwältin getroffen, die oft nach Israel fährt. Sie unterstützt unser Land sehr stark und ist eine stolze Zionistin. Wie die meisten amerikanischen Juden hat sie ihr Leben lang auf Seiten der liberalen amerikanischen Politik gestanden.

In den 1960er Jahren hat sie für die Bürgerrechte gekämpft. Sie war gegen den Vietnamkrieg. 1967 war sie stolz auf Israel, 1973 machte sie sich Sorgen, da sie der Erste Libanonkrieg verwirrte und sie ist bestürzt, dass Israel seit 18 Jahren im Libanon präsent ist.

Die erste Intifada sah sie als Geburtsstätte für einen Friedensprozess mit den Palästinensern, der sich auf gegenseitige Anerkennung gründen würde. Als Yitzhak Rabin und Yasser Arafat einander 1993 auf dem Rasen des Weißen Hauses die Hände reichten, regte sie das zu neuer Hoffnung an. Sie war am Boden zerstört, als Rabin ermordet wurde. Sie glaubte weiter an den Frieden und war überzeugt, dass die Zweistaaten-Lösung die beste Möglichkeit sei, den zionistischen Traum von einem dauerhaften jüdischen Nationalstaat im Land Israel zu erfüllen.

Jetzt wird sie in ihrer jüdischen Gemeinde wegen ihres Glaubens an die Realisierbarkeit der Zweistaaten-Lösung kritisiert und sie bemerkt, dass sie zu der schnell kleiner werdenden Gruppe amerikanischer Juden gehört, die an dem Glauben festhält, dass das die einzig mögliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts sei.

Siedler-Führer, die in The New York Times und anderen lokalen oder internationalen Zeitungen schreiben, erzählen uns, dass es keine Zweistaaten-Lösung gebe und sie behaupten, die habe es auch nie gegeben. Sie erzählen uns, dass der zionistische Traum dann erfüllt sei, wenn der jüdische Staat aus dem gesamten Land Israel bestehe, und sie wollen uns glauben machen, dass es so etwas wie das palästinensische Volk gar nicht gäbe.

Jede Woche erheben die Kritiker meiner Artikel in dieser Zeitung denselben Anspruch. Ich habe aber bisher noch von keinem von ihnen oder irgendeinem glaubwürdigen Siedlungsführer eine Erklärung gehört, wie wir mit unseren Nachbarn Frieden schließen können, wenn wir eine Ein-Staaten-Realität schaffen.

Einige habe ich sagen hören, dass Frieden undenkbar sei. Das ist bestimmt wahr, wenn wir weiterhin die Pläne, die sie dem Land diktieren, umsetzen. Sie haben recht: Es wird keinen Frieden geben, wenn wir dem palästinensischen Volk sein Recht auf Selbstbestimmung vorenthalten. Wenn wir ihnen ihre Freiheit vorenthalten, wenn wir weiterhin ihr Land enteignen und immer mehr Siedlungen ausschließlich für Juden bauen, wird es keinen Frieden geben.

IN DER LETZTEN Woche habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass es vielen so scheine, als gäbe es keinen Konflikt mit den Palästinensern, als hätte sich der Zusammenstoß zwischen Israel und Palästina in Luft aufgelöst. Das können wir alle wirklich gut. Wir haben magische Geheimpfade legaler Hexerei geschaffen, um Land an uns zu bringen, das uns nicht gehört.

Wir haben es in der Kunst der Fälschung von Kaufverträgen und Grundbucheintragungen zur Meisterschaft gebracht. Wir erwecken sogar Tote, damit sie Dokumente unterschreiben, die uns gestatten, ihr Land in Besitz zu nehmen. Wir haben Komitees von Rechtsexperten geschaffen, die mit einer Prise Salz und Pfeffer und einer magischen Wand die Besetzung verschwinden lassen.

Wir haben Demografen hervorgebracht, die keine Volkszählungen brauchen, um Tatsachen zu schaffen, und die die erstaunliche Fähigkeit haben, Hunderttausende Juden an Orten von Hunderttausenden von Palästinensern unterzubringen und Simsalabim gibt es kein „demografisches Problem“.

Das Einzige, das wir noch nicht geschafft haben, ist herauszubekommen, wie wir die Araber in Judäa und Samaria dazu bringen können, wirklich zu verschwinden. Diese Araber tun nie das, was sie sollen!

Meine amerikanisch-jüdische Rechtsanwalts-Freundin forschte mich aus, weil ihr ein gemeinsamer Uni-Freund erzählt hatte, Gershon Baskin sei der einzige Mensch im Friedenslager, der noch optimistisch daran glaube, die Zweistaatenlösung könne erreicht werden. Auch dieser Uni-Freund ist ein jüdischer Amerikaner mit ähnlichem Hintergrund. Er hat gerade einige Wochen in Israel verbracht, um herauszufinden, ob es überhaupt noch irgendeine Chance für eine Zweistaaten-Lösung gebe. Alle außer Baskin, sagte er zu ihr, suchen nach anderen Möglichkeiten.

Ich bekenne mit schuldig und will zu erklären versuchen, warum das so ist.

Grund Nummer eins ist, dass es keine andere Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts als die Zweistaaten-Lösung gibt. Ja, es gibt einen Konflikt und es gibt ein palästinensisches Volk, das unter israelischer Besetzung lebt. Wenn „Lösung“ ein Ende des Konflikts bedeutet, gibt es nur eine einzige Lösung. Ich will mich ganz klar ausdrücken: Ich spreche nicht von Staaten, die durch eine „Berliner Mauer“ voneinander getrennt werden, sondern von einen auf Zusammenarbeit beruhenden Frieden mit schließlich offenen Grenzen. Das muss das Ziel sein: ein positiver Frieden, der auf sich entwickelndem Vertrauen und normalen Beziehungen aufbaut.

Zweitens: die physischen Realitäten auf der Erde, die von den Forderungen der Siedler und der darauf folgenden Kapitulation der Regierungen geschaffen wurden, sind sehr viel weniger lähmend, als sie zu sein scheinen. Die durch die Siedlungen bebauten Gebiete (im Gegensatz zu ihren künstlichen gesetzlich festgelegten Grenzen) kommen auf weniger als 3 Prozent der Westbank. Mehr als 60% der Westbank sind noch unbewohnt und unentwickelt. Das Land ist vollkommen unter israelischer Herrschaft, aber wenn Israel es in einem Friedens-Handel schließlich abgibt, bleibt viel Platz, der für den Aufbau des palästinensischen Staates zur Verfügung steht.

Drittens: Der Schlüssel zur Vorwärtsbewegung zum Frieden liegt hauptsächlich in Händen des Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Es ist derselbe Mann, der die Nation damit überraschte, dass er – entgegen allen seinen früheren Werten und Prinzipien - dem Gefangenenaustausch von Gilad Schalit zustimmte. Er entschied zugunsten einer anderen Gruppe von Werten und Prinzipien: der Übereinkunft zwischen Volk und Staat, die uns dazu befähigt, eine „Volksarmee“ zu haben, ein Grundelement unserer sozialen Solidarität.

Einem ähnlichen Dilemma steht er hinsichtlich des Friedens mit den Palästinensern gegenüber: entweder besiedelt er weiterhin das ganze Land oder er hat einen jüdischen Staat, der auch demokratisch ist. Die wirklich zionistische Entscheidung ist, hinsichtlich des Landes einen Kompromiss einzugehen, um den demokratischen jüdischen Nationalstaat zu bewahren.

Er wird in Mahmoud Abbas und Salam Fayyad und dem palästinensischen Volk wahre Partner finden, wenn ihm schließlich klar wird, dass er nicht beides zugleich haben kann: das Land und einen demokratischen jüdischen Staat.

Ich hoffe immer noch, dass Netanyahu zur richtigen Schlussfolgerung kommen wird. Die meisten meiner Leser, Freunde wie Feinde, werden sagen, ich sei ein Träumer. Vielleicht bin ich das. Aber meine Vision von zwei Staaten für zwei Völker ist dem wahren zionistischen Traum näher als jede Vision, die Siedler-Führer anbieten, die die Realität von zwei Völkern leugnen, die in diesem Land leben und die sich einigen, unter einer Fahne (die die jüdische Fahne ist) zu leben.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Gershon Baskin ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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