Johan Galtung

Ein Angriff auf Iran wäre ein Desaster für die ganze Region und die Welt

3. September 2012

Der israelische Angriff scheint kurz bevorzustehen. Richard Silverstein verbreitet ein zugespieltes Dokument über die Schock- und Schauer-Strategie des harten Netanyahu-Barak-Zionismus, der das Ziel hat, den Iran zu enthaupten und zu lähmen. Der Experte in Nahost-Politik mit dem Spezialgebiet Friedensverhandlungen zwischen Israel und den arabischen Staaten Alon Bon-Meier sagt, Israel drohe nicht nur. Israel würde vielleicht lieber mit den USA (Romney? Obama nach den Wahlen?) gemeinsam angreifen, es könnte es aber auch allein tun. Einige glauben die Atombomben-Geschichte, andere glauben, der Zweck Israels sei ein jüdischer Staat vom Nil bis zum Euphrat, den ja schon Netanyahus verstorbener Vater angestrebt hatte. Die beiden Geschichten schließen einander nicht aus.

Der Iran ist Beobachter in der Shanghai Cooperation Organization (SCO). Ein Angriff wird Reaktionen von deren Zentrum Russland und China hervorrufen. Was Israel an Unterstützung durch die Sunni-Saudis gewinnen kann, kann es in diplomatischen und ökonomischen Beziehungen mit wichtigeren Teilen der Welt verlieren. Die SCO ist riesengroß.

Es besteht außerdem die reale Gefahr eines Weltkrieges zwischen NATO und SCO. Dabei steht es bei den Atom-Mächten 4 zu 4. USA und Israel sind nicht voneinander zu trennen, da sie auf dieselbe Weise entstanden sind: indem sie anderen das Land weggenommen haben.

Vor seiner Enthauptung wird der Iran verheerend reagieren. Könnten diese Häupter, wenn sie alternative Systeme hätten, gut geschützt sein? Vielleicht in 31 Regionen dezentralisiert? Die Israelis verstehen sich auf destruktive Arbeit, aber es könnte durchaus sein, dass sie ihre Feinde unterschätzen.

Israel sollte so weise sein, ein altes jüdisches Sprichwort zu beherzigen: Die beste Art, seine Feinde loszuwerden, ist, sie sich zu Freunden zu machen. Wenn Israel den Iran bombardiert, gewinnt es dadurch keine wahren Freunde, weder im Iran noch in der übrigen Welt. Es würde nur den Wunsch des Iran, Atomwaffen zu entwickeln, entzünden. Der größte Teil der Welt hätte dafür dann volles Verständnis.

Natürlich sollten die Iraner sich dadurch bewähren, dass sie ihre Nuklear-Einrichtungen den Inspektoren der Internationalen Energiebehörde (IAEA) ungehindert zugänglich machen. Aber die Israelis sollten dasselbe tun. Der doppelte Maßstab: Wir haben das Recht, Atomwaffen zu besitzen, ihr nicht! ist unhaltbar.

Uri Avnery schreibt am 5. Mai 2012 in Ein Putsch gegen den Krieg: In unserem Land erleben wir jetzt eine Art verbalen Aufstands gegen die gewählten Politiker. Die Aufständischen sind eine Gruppe gegenwärtiger und ehemaliger Armee-Generäle und Chefs ausländischer Geheimdienste [Meir Dagan, Mossad] und inländischer Sicherheitsdienste [Yuval Diskin, Shin Beth]. Alle verurteilen die Drohung der Regierung, einen Krieg gegen den Iran anzuzetteln, und einige verurteilen, dass die Regierung es unterlässt, mit den Palästinensern einen Frieden auszuhandeln.

Einige nennen alle, die die israelische Politik kritisieren, antisemitisch oder sich selbst hassende Juden. Gehören wirklich alle Israel-Kritiker zur einen oder anderen dieser beiden Kategorien? Wer ist der bessere Freund, einer, der, wenn jemand blindlings auf einen Abgrund zugeht, sagt: Geh nur weiter, du bist auf dem rechten Weg! oder einer, der sagt: Halt, kehr um, du bist in ernster Gefahr!? Wendet eure Aufmerksamkeit nicht von Israels wirklicher Krise ab! (Peter Beinart in The Crisis of Zionism [Times Books, 2012], Gershom Gorenberg in The Unmaking of Israel ([Harper/­HarperCollins Publishers] 2011).

Stattdessen: eine atomwaffenfreie Zone im Nahen Osten, die den Iran und Israel umfasst. 64 Prozent der Israelis sind dafür, ebenso wie im Iran, dort unter dem Vorbehalt, dass Israel mitmacht. Wenn sie eine derartige Vereinbarung aushandeln, dann wird die ganze Welt erleichtert aufatmen und wird die beiden Länder in die Arme schließen!

Der Hintergrund ist ein Coup von CIA und MI6 1953, durch den der demokratisch gewählte Ministerpräsident des Iran Dr. Mohammad Mossadegh abgesetzt und eine 25-jährige Schah-Diktatur eingeführt wurde. Um die nukleare Krise zu meistern, müssten Entschuldigungen weit in die Vergangenheit zurückgreifen. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird die Krise noch schlimmer. Aber derartige Wunder geschehen gelegentlich, z. B. in Britannien: Der Ansatz Thatchers war, britische Soldaten nach Nordirland zu schicken und ein Gespräch mit Terroristen zurückzuweisen. Blair machte es besser: Er begann Gespräche mit Sinn Fein und fing an, die britische Armee zurückzuziehen. Seitdem gab es keine IRA-Bomben in England mehr. Netanyahu ist wie Thatcher.

Die Verpflichtung liegt vor allem beim Westen und bei Israel. Oder könnte es sein, dass das Kernwaffen-Thema nur ein Vorwand ist, um der Verwirklichung des Traums von einem Israel, einem Zion, zwischen diesen beiden wogenden Flüssen den Weg zu ebnen?

Das wird niemals glücken. Israel kann nur durch Frieden mit seinen Nachbarn dauerhafte Sicherheit erreichen. Das könnte in einer Nah-Ost-Gemeinschaft, bestehend aus Israel und seinen fünf arabischen Nachbarn Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten und Palästina geschehen. Palästina müsste dem Völkerrecht gemäß in den Grenzen von 1967 und mit einigem Gebietsaustausch – israelische Kantone in der Westbank und palästinensische Kantone in Nordwest-Israel – anerkannt werden. Die Gemeinschaft könnte nach dem Vorbild der Sechs-Staaten-Europäischen-Gemeinschaft von 1958 geformt werden. Diese war eines der erfolgreichsten Friedensprojekte in der Geschichte und beendete Jahrhunderte von Kriegen zwischen vielen der Mitgliedsstaaten.

Was steht dem im Weg? Gewichtige israelische und arabische Gegenargumente: Wir sind von feindlichen Arabern umgeben und können sie nicht so nah an uns heranlassen, denn sie überwältigen uns zahlenmäßig und treiben uns ins Meer, sagt der eine. Die Juden dringen in unsere Wirtschaft ein und übernehmen sie, sagt der andere. Darauf gibt es Antworten: Entscheidungen müssen im Konsens getroffen werden. Der Anfang sollte langsam vonstattengehen: freier Fluss von Waren, Personen, Dienstleistungen und Ideen; Ansiedlungen und Investitionen kommen später. Vertrauen aufbauen. Eine auf schlimme Weise durch Naqba zerbrochene Beziehung in eine friedliche, sich entwickelnde Beziehung verwandeln.

Dazu muss eine unbefristete Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Westasien eingerichtet werden. Dort sitzen alle Parteien am Tisch und alle Themen liegen auf dem Tisch. Das Vorbild kann die Helsinki-Konferenz 1972-75 sein, die das Ende des Kalten Krieges vorbereitet hat. Das könnte zu einer Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Westasien führen, die der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der OSZE, ähnelt. Das ist bei einigem guten Willen machbar.

Jedenfalls ist es besser als massenhaftes Töten, bei dem am Ende im Iran gar kein Atomwaffen-Programm gefunden würde – ein Verdacht, der ebenso widerlegt würde wie der der USA im Irak und der der NATO in Afghanistan. Und die beiden Flüsse würden sich immer weiter voneinander entfernen. Und Israel wäre isolierter denn je und würde seine beträchtlichen Wunden lecken. Der Westen würde damit seiner tiefen Wirtschaftskrise die Abriegelung der Straße von Hormuz hinzufügen. Und der Antisemitismus würde um sich greifen.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Johan Galtung, Rektor der TRANSCEND-Friedens-Universität, ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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