Jürgen Heiducoff

Man kann ein Volk nicht teilen!

03.03.2011

Uns Deutschen sollte aus eigener Erfahrung klar sein, dass ein Volk nicht auf Dauer geteilt werden kann – schon gar nicht durch externe Kräfte.

Das gilt für die Teilung des Siedlungsgebietes eines Volkes und erst recht für die Teilung eines Volkes quer durch die Familien. Das koloniale Prinzip „Teile und herrsche“ zum Zwecke des eigenen Vorteils hat ausgedient.

Das mit der neuen Strategie für Afghanistan von den Amerikanern eins zu eins übernommene Prinzip des „Partnering“ vertieft die Teilung der afghanischen Familien und damit der Gesellschaft.

Das Prinzip des „Partnering“ bedeutet, dass ausländische Truppen gemeinsam mit den afghanischen Sicherheitskräften und zum Teil anderen staatlichen Stellen mit militärischer Gewalt die regionale Macht erobern, halten und ausüben.

Das heißt, dass die ausländischen Militärs und Polizisten die afghanischen Partner formieren, ausbilden, mit ihnen gemeinsam in den Kampf gegen die Aufständischen gehen, dabei die Bevölkerung vor den Aufständischen schützen und so ihr Vertrauen gewinnen sollen.

Als Voraussetzung für ein solches gemeinsames Operieren ist ein unerschütterliches Vertrauen zwischen den Partnern unabdingbar. Dafür wäre eine weitgehende Interessengleichheit erforderlich.

In den meisten Fällen basiert der Dienst in den afghanischen Sicherheitskräften aber auf reinen materiellen Motiven. Es ist eine der wenigen Möglichkeiten, Geld für die Ernährung der Familie zu verdienen. Die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte erfolgt forciert, auf das Notwendigste beschränkt. Für Erziehung der jungen Kämpfer bleibt da keine Zeit.

Was bedeutet „Partnering“ für die westlichen Truppen?

Es soll die afghanischen Sicherheitskräfte in die Lage versetzen, ab 2014 die Sicherheit in ihrem Lande aus eigenen Kräften zu gewährleisten. Sollte dies gelingen, könnte die Voraussetzung zum Abzug der ISAF - Kampftruppen gegeben sein nimmt man an.

In den verbleibenden drei bis vier Jahren müssen sich die afghanischen Sicherheitskräfte partnerschaftlich an der Seiten der westlichen Truppen im Kampf gegen die Aufständischen bewähren und dabei die Fähigkeit nachweisen, in der Lage zu sein, diesen Kampf künftig auch auf sich alleine gestellt weiterführen zu können.

Diese Afghanisierung des Kampfes für die Sicherheit soll einen gesichtswahrenden Abzug der ISAF – Kampftruppen ermöglichen. Es sei daran erinnert, dass der amerikanische Versuch, die Probleme zu vietnamisieren schon einmal fehlschlug.

Nach der Rekrutierung jungen Afghanen, deren Kasernierung, Ausrüstung und Ausbildung erfolgt deren Einsatz im Siedlungsgebiet auch anderer afghanischer Stämme und Ethnien. Da die Ausbildung und Besoldung der Sicherheitskräfte mit ausländischen Mitteln erfolgt, bestimmen externe Kräfte eben auch die inhaltlichen Aspekte.

Nun ist es an der Zeit, die Gesetze der afghanischen Volksgemeinschaft und deren Traditionen zu betrachten. Diese Clangesellschaft ist gekennzeichnet durch eine Dialektik der inneren Einheit und des Widerspruches. Dies garantierte über Jahrhunderte ihren Fortbestand. Innere Kämpfe können kompromisslos und mit äußerster Brutalität ausgetragen werden. Aber dieser Gemeinschaft ist es eigen, dass immer dann, wenn sie von äußeren Kräften bedroht und bedrängt wird, eine Vereinigung und Mobilisierung der Kräfte gegen die Fremden erfolgte. Es ist ausländischen Eroberern nie gelungen, das Land längere Zeit zu besetzen.

Es gibt keinen ernsthaften Grund, anzunehmen, dass diese Gesetze in der heutigen Situation nicht wirken.

Die Soldaten der Afghanischen Nationalarmee sind wie die Polizisten und auch wie die Kämpfer der Aufstandsbewegung ihren afghanischen Großfamilien zugehörig. Es gibt nicht wenige dieser Familien, deren Söhne sich sowohl der einen, als auch der anderen Seite des Kampfes verschrieben haben. Sie sind vereint in dem Willen, der Familie finanzielle Zuwendungen zukommen zu lassen und so ihren Fortbestand zu sichern.

Die Rekrutierung und Ausbildung der ANA, der ANP und die Formierung von lokalen Milizen zur Schaffung von mehr Sicherheit tragen somit zur Zersplitterung und Verfeindung in und zwischen afghanischen Großfamilien bei. Zugleich werden damit Potentiale für einen Bürgerkrieg nach Abzug der ISAF-Kampftruppen geschaffen.

Viele der afghanischen Kommandeure und Spezialisten werden nach Abzug der ISAF- Truppen ihre Funktionen im Sicherheitsapparat behalten, während den meisten der kleinen Kämpfer der Vorwurf der Kollaboration nicht erspart bleiben wird. Was das in einer Gesellschaft der Blutrache bedeutet, muss hier nicht vertieft werden.

Diese Folgen der derzeitigen Aktivitäten des Westens sollten den Verantwortlichen klar sein!

Man darf und man kann ein Volk nicht teilen !

Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de


Krieg ist die
"ultima irratio"

Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.

Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".

So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.

Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.

Otmar Steinbicker