Jürgen Heiducoff

Die Fähigkeiten der „Facebook-Generation“ zu gesellschaftlichen Veränderungen nicht überschätzen

12.12.2011

Es wurde in den letzten Monaten viel diskutiert über die Rolle der neuen Medien bei der Veränderung einer Gesellschaft.

Sicher sind soziale Netzwerke gut geeignet, Meinungen zu platzieren, zu diskutieren, zu bloggen. Sicher ist es möglich, spontan Menschen zu mobilisieren und sie zu gemeinsamen Aktionen zusammen zu führen.

Auch eine gewaltbereite Opposition wie etwa in den arabischen Ländern lässt sich mit den Mitteln des Internets in gewissem Rahmen führen.

Hier engagieren sich verschiedene Geheimdienste und konspirative Vereinigungen und versuchen, durch professionelle Nutzung moderner Medien Einfluss auf einen Teil der unzufriedenen Jugend in anderen Staaten zu gewinnen. Dies ist eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der betroffenen Länder.

In den letzten Wochen ist am Beispiel Russlands zu sehen, wie erneut versucht wird, das Internet zu instrumentalisieren, um einen Teil der Jugend gegen die Regierung auszurichten.

Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn sich gleich gesinnte Jugendliche über Facebook oder Twitter verständigen und zu Demonstrationen aufrufen. Wenn diese Demonstrationen dann auch noch friedlich bleiben, ist dies eine der demokratisch gegebenen Möglichkeiten, sich zu artikulieren.

Wenn aber in diesem Zusammenhang schon von einer „revolutionären Situation“ in Moskau oder gar in Russland gesprochen wird, dann halte ich dies für völlig deplaziert.

Wer die Verhältnisse in der Russischen Föderation einigermaßen kennt, wird wissen, dass es einerseits Moskau gibt und andererseits das große Land. Und wenn in Moskau Unfrieden herrscht, bedeutet dies noch lange nicht, dass das Land in Gefahr geraten könnte.

Selbst wenn die Jugendlichen im ganzen Land über das Internet erreicht werden würden, wie sollen sich diese organisatorisch zusammen finden – bei den Entfernungen unter den gegebenen Bedingungen?

Und welche durchschlagende IDEE wird denn über die sozialen Medien transportiert?

Es bedarf einer Idee, die die Menschen zu mobilisieren vermag.

Und da sind die russischen Eliten noch weit von der Wirklichkeit entfernt.

Welches Gesellschaftsmodell wird den Menschen als Alternative zum bestehenden angeboten?

Die russische Führung nimmt die Proteste gegen eine Wahlfälschung schon ernst. Und selbst Ministerpräsident Putin äußert sich in den letzten Tagen sehr vorsichtig. Er spricht sich für die gewaltfreie Meinungsäußerung aus und sagt, man würde die Auffassungen von unten zur Kenntnis nehmen.

Die Wogen werden sich legen – in Russlands Großstädten. Sie werden nicht flächendeckend auf das ganze Land übergreifen. Die Menschen haben zudem genügend Probleme mit dem eigenen wirtschaftlichen Überleben.

Und die Kräfte, die hinter den kritischen Stimmen aus dem Westen Europas stehen, sollten an die eigenen existentiellen Probleme denken.

Das Internet bleibt eine Plattform kritischer Stimmen.

Aber zu entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungen wird dies nicht führen: nicht in Russland und nicht in Westeuropa.

Dazu bedürfte es grundlegend neuer Ideen.

Dazu bedürfte es weiterhin realistischer Kräfte, die bereit und fähig sind, die festgefahrenen Strukturen anzutasten.

Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de


Krieg ist die
"ultima irratio"

Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.

Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".

So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.

Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.

Otmar Steinbicker