Eine persönliche Betrachtung - 13.11.2011
Im „Spiegel“ vom 12.11.2011 informiert Matthias Gebauer unter der Überschrift „Für heikle Missionen - Bundeswehr will Frauen zu Elitekriegerinnen ausbilden“ über Pläne der Bundeswehr, Frauen zur Teilnahme an militärischen Spezialoperationen vorzubereiten.
Frauen können in Konflikten und Kriegen brutal kämpfen, aber auch sehr nützlich sein.
Ich habe als OSZE-Beobachter im Tschetschenienkrieg eine der berüchtigten „Schwarzen Witwen“ - tschetschenische Frauen, die ihre Ernährer verloren hatten und den Rebellen als Scharfschützen dienten, kennen gelernt. Sie war erfüllt von Hass und Rache gegen russische Männer. Und sie war bereit, unter Einsatz ihres Lebens zu kämpfen.
Aber ich habe dort auch persönlich an einer Straßensperre bei Grosny erlebt, wie eine Frau einer französischen Hilfsorganisation durch ihren Mut, auf die russischen Posten zuzugehen, den Schusswaffengebrauch gegen Zivilisten verhinderte.
Frauen waren in vielen Kriegen mit uneigennützigem Einsatz für die Männer da, haben die Männersoldaten versorgt, ihnen neue Kraft zum Kampf verliehen. So gesehen haben auch Frauen zur Fortsetzung der Kämpfe beigetragen.
Frauen sollten aber nicht nur zur Linderung der Folgen oder gar zur Vervollkommnung militärischer Gewalt eingesetzt werden. Frauen mit ihren naturgegebenen deeskalierenden Fähigkeiten sollten zur Verhinderung und Beendigung von Waffengängen beitragen.
Jetzt auch in der Bundeswehr Frauen für umstrittene Einsätze wie Hausdurchsuchungen und Befragungen muslimischer Mütter, Töchter und Anvertrauter der Stammesvertreter auszubilden, dies zeugt vom Unverständnis fremder Kulturen und Traditionen.
Dies, wie die militärische Gewalt gegen nationale Aufstandsbewegungen überhaupt, projiziert ein falsches Bild unserer demokratischen Gesellschaft in die Köpfe der Menschen in unseren Kriegsgebieten. Es kommt einer Diffamierung unserer europäischen demokratischen Werte gleich. Bei den Menschen, die gewaltsame nächtliche Hausdurchsuchungen, aber auch die schreckliche Angst vor dem Beschuss und vor den Bomben des Westens erleben müssen, prägt das Auftreten der Soldatinnen und Soldaten unserer Truppe ihr Bild über unsere westliche Welt.
Es ist der falsche Weg, die Verzögerung des Abzuges unserer Truppen aus Afghanistan mit einer Vervollkommnung der Kampfmethoden unter Missbrauch junger Frauen zu kombinieren.
Setzt Frauen deeskalierend ein!
Dies wäre unser Beitrag zur Umsetzung der Frauenrechte, die wir gegenüber muslimischen Ländern einfordern.
Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.
Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".
So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.
Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.
Otmar Steinbicker