Der Abzug ausländischer Truppen von fremdem Territorium ist immer ein vernünftiges Vorhaben und mit der Frage nach der Notwendigkeit der Stationierung dieser überhaupt verknüpft.
Der Abzug unserer Truppen aus Afghanistan ohne einen tiefgründigen Verhandlungs- und Versöhnungsprozess kann jedoch in eine Katastrophe für die Menschen am Hindukusch führen.
Die deutsche und internationale Friedensbewegung fordert seit Jahren den Abzug der ausländischen Truppen aus Afghanistan, aber mit gleicher Konsequenz auch den Beginn ernsthafter Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen zwischen den Konfliktparteien. Vereinzelt sind die Fäden dazu durch Diplomaten und zum Teil hohe Militärs aufgenommen worden. Es fehlte jedoch bisher an konsequenten Lösungen.
Der Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan führt unweigerlich zu einer Veränderung der Gewichtung der geschaffenen Gewaltpotentiale. In Afghanistan herrscht seit Jahren ein asymmetrischer Krieg. Es ist klar, dass keine der Konfliktparteien derzeit einen Sieg erringen kann. Der notwendige Abzug der westlichen Truppen wird eine Destabilisierung der Konfliktlage hervorrufen, deren Folgen kaum abschätzbar sind. Die Sicherheitslücke, die entstehen wird, soll durch eine gut ausgerüstete und ausgebildete Afghanische Nationalarmee (ANA) und die Afghanische Nationale Polizei (ANP) der Karzai-Regierung kompensiert werden. Das ist der Plan. Doch wie parteiisch, wie loyal werden ANA und ANP sein?
Die Afghanische Nationalarmee und die Polizei befinden sich seit ihrer Aufstellung in einer bewaffneten Auseinandersetzung mit den Aufständischen. Zweifellos konnten sich Armee und Polizei nur dank der Unterstützung der westlichen Truppen behaupten.
Die Aufstandsbewegung mit Tendenz zum Volksaufstand ist mit ebensolcher Härte gegen die bewaffneten Kräfte der nicht anerkannten Karzai-Administration vor gegangen wie gegen die ausländischen Truppen. Daran wird sich ohne Verhandlungen nichts ändern.
Die Umsetzung der neuen NATO-Strategie für Afghanistan nach der Londoner Konferenz war begleitet von massiven Verstärkungen der vorrangig amerikanischen Kampftruppen. Sie hatte u.a. zum Ziel, die eroberten Gebiete zu halten und durch Präsenz in der Fläche die Bevölkerung vor den Aufständischen zu schützen. Ein logischer und theoretisch verständlicher Plan. Wenn da nicht das Problem wäre, dass die Masse der Truppen dafür weder ausgebildet, noch sensibilisiert ist. Und es gibt weitere Probleme: Wie sollen die Menschen zu Soldaten Vertrauen entwickeln, die sie in nächtlichen Hausdurchsuchungen und mit Angriffen aus der Luft terrorisieren? Wie sollen Führer der Aufständischen zu Verhandlungen bereit sein, wenn sie gezielt liquidiert werden?
Wie soll die Bevölkerung vor Aufständischen geschützt werden, deren größter Teil die eigenen Söhne und Brüder sind, die sich gegen die Besatzer und die Karzai-Regierung mobilisiert und formiert haben?
Ein Schwerpunkt der Aktivitäten der Koalitions- und ISAF - Soldaten soll neben dem Kampf gegen die Aufständischen die forcierte Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei sein. Diese sollen befähigt werden, die Sicherheit im Lande zu gewährleisten, damit die Voraussetzung geschaffen werden, die ausländischen Soldaten abziehen zu können. Doch weithin werden die Armee und Polizei Karzais durch die Bevölkerung als Fremde betrachtet. Die Schaffung von Sicherheit durch welche bewaffneten Kräfte auch immer – ob durch die ausländischen Truppen oder die Karzai -Truppen – es ist keine Abkehr vom Gewaltprinzip. Und dieses Herangehen ist ungeeignet, die Probleme Afghanistans zu lösen.
Durch die forcierte einseitige Aufrüstung, Bewaffnung und Ausbildung der Karzai-Exekutive unterstützt und stärkt der Westen eine der Konfliktparteien der Afghanen. Im schlimmsten Fall kann eben dies den Beginn eines gewaltsamen Bürgerkrieges nach dem Abzug unserer Truppen begünstigen. Im Norden Afghanistans konnte zudem unter Duldung unserer Truppen die Macht der bewaffneten Warlords weiter wachsen.
Das Vorhaben, die westlichen Truppen bis Ende 2014 abzuziehen und die Verantwortung den afghanischen Sicherheitskräften zu übertragen, muss von einem Prozess von Friedensverhandlungen und Versöhnung begleitet sein. Anderenfalls könnte der Abzug der westlichen Truppen direkt in einen blutigen Bürgerkrieg führen.
Die Übergabe der Verantwortung für die Sicherheit an eine Partei der afghanischen bewaffneten Kontrahenten kann inmitten eines blutigen Krieges nicht gelingen. Afghanistan wird bis 2014 keine Armee und Polizei haben können, die der Aufgabe gewachsen ist, Ruhe und Sicherheit zu gewährleisten.
Gespräche und Verhandlungen mit den einflussreichen Führern des Aufstandes sind der einzige Weg, den Krieg zu beenden.
Ein militärischer Sieg des Westens in Afghanistan ist eine Illusion.
Der amerikanische Wunsch, durch forcierte Bekämpfung der Aufstandsbewegung diese ihrer Führer zu entledigen und massiv geschwächt zu Verhandlungen zu zwingen, wird nicht realisierbar sein.
Ein gangbarer Weg zu einem stabilen Nachkriegs-Afghanistan kann nur über Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen sowie einen Versöhnungsprozess mit Kompromissen zwischen allen afghanischen Konfliktparteien führen. Diese müssen bereit sein, gewaltfrei zu kooperieren, bevor die letzten ausländischen Truppen das Land verlassen.
Ohne dies ist es verantwortungslos, die ausländischen Truppen vollständig abzuziehen – ebenso verantwortungslos wie deren Stationierung in dieser konfliktträchtigen Region.
Der Autor ist Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr und vertritt in diesem Beitrag seine persönlichen Auffassungen.
Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.
Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".
So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.
Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.
Otmar Steinbicker