Geilenkirchen. Glaubt man den westlichen Regierungschefs, war die Londoner Afghanistan-Konferenz in der vergangenen Woche ein Wendepunkt im Krieg am Hindukusch. Eine neue Strategie sei in der britischen Hauptstadt verabredet worden. Der Afghanistan-Kenner ]ürgen Heiducoff sieht das anders. Von einem Strategiewechsel könne nicht die Rede sein, kritisiert der Oberstleutnant der Bundeswehr. Der ehemalige militärpolitische Berater des deutschen Botschafters in Kabul legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass dies seine persönliche Meinung und nicht die der Bundeswehr ist.
Herr Heiducoff, sind Sie nach der Londoner Konferenz optimistischer, dass Afghanistan inden kommenden Jahren befriedet werden kann?
Heiducoff: Nein. Die Konferenz hat keine Fortschritte, nichts substanziell Neues gebracht. Von einem sich selbst tragenden Frieden sind wir weiterhin meilenweit entfernt.
Aber die Bundesregierung behauptet, in London sei ein Strategiewechsel vereinbart worden. Es habe eine Schwerpunktverlagerung weg vom militärischen hin zu mehr zivilem Engagement gegeben?
Heiducoff: Die Behauptung kann ich nicht nachvollziehen. Die Bundesregierung will zwar die Ausgaben für die Entwicklungshilfe fast verdoppeln. Doch gleichzeitig werden die Ausgaben für den Einsatz der Bundeswehr deutlich erhöht. Das ist nicht der dringend notwendige Strategiewechsel.
Die USA und in der Folge einige Nato-Verbündete wollen versuchen, mit zusätzlichen Truppen den Widerstand der afghanischen Aufständischen zu brechen. Hat das irgendeine Erfolgsaussicht?
Heiducoff: In den acht Jahren dieses Krieges hat sich eines gezeigt: Mit jeder Truppenverstärkung ist auch der Widerstand der Aufständischen gewachsen. Sie sind offensichtlich nahezu unendlich rekrutierungsfähig. Allein auf pakistanischer Seite existieren rund 1300 Koranschulen, in denen künftige Kämpfer erzogen werden. Es gibt in den paschtunischen Siedlungsgebieten beiderseits der pakistanisch-afghanischen Grenze ein großes Potential an jungen Männern, die aus religiöser Überzeugung, aber zunehmend auch aus Rachegefühlen gegenüber den Amerikanern bereit sind zu kämpfen. Dieses Problem bekommen wir nicht gelöst, indem wir noch mehr westliche Truppen nach Afghanistan schicken.
Die zusätzlichen Truppen sollen verstärkt einheimische Soldaten ausbilden, damit diese nach 2011 die Hauptlast im Kampf gegen die Aufständischen tragen.
Heiducoff: Die Hoffnung kann man natürlich hegen. Aber eines sollten. wir nicht vergessen: Auch den afghanischen Soldaten und Polizisten sind ihre Traditionen immer wichtiger als der Wille ei" ner westlichen Nation. In der Zeit der sowjetischen Invasion gab es eine deutlich stärkere afghanische Armee als heute. Dennoch waren diese Truppen im Zusammenwirken mit den sowjetischen Soldaten nicht in der Lage, die damaligen Widerstandskämpfer zu besiegen.
Auch die deutschen Soldaten sollen sich künftig stärker auf die Ausbildung afghanischer Rekruten konzentrieren. Welche Folgen hat das für sie?
Heiducoff: Die Soldaten werden mit ihren afghanischen, Kameraden häufiger in der Fläche, also in den Dörfern aktiv sein. Damit wird ihr Einsatz gefährlicher.
Wird die afghanisehe Armee von der Bevölkerung überhaupt als Schutzmacht empfunden?
Heiducoff: Die afghanische Armee rekrutiert ihre Soldaten zum größten Teil aus der Bevölkerungsgruppe der Tadschiken, der Usbeken und der Hazara. Es ist völlig illusorisch zu glauben, dass in diese Freiwilligenarmee auch eine größere Zahl von Paschtunen – also Angehörige der Bevölkerungsmehrheit – eintreten wird. Von der Regierung in Kabul ist das so zwar nicht gewollt. Aber Fakt bleibt: Jeder Paschtune, der in dieser Armee dient, kann sich in seinem Dorf nicht mehr sehen lassen. Er wird dort als Verräter gedemütigt, wenn nicht gar ermordet. Wenn diese Armee nun in paschtunischem Gebiet operiert, wird sie - ähnlich wie die Isaf-Truppen - als fremde Besatzungsmacht wahrgenommen.
Auf der Londoner Konferenz wurde ein Fonds vereinbart, mit dessen Geld Aufständische· dazu gebracht werden sollen, den Kampf gegen die Regierungsarmee und gegen die Isaf-Truppen einzustellen.
Heiducoff: Das ist ebenfalls kein neuer Ansatz. Seit 2002 gab es bereits zwei ähnliche Programme. Beide sind kläglich gescheitert.
Warum?
Heiducoff: Die Motive der Aufständischen sind keine finanziellen. Ideologie und Hass lassen sich nicht mit Geld aufkaufen.
Warum hat sich die Sicherheitslage in Afghanistan in den vergangenen Jahren eigentlich ständig verschlechtert?
Heiducoff: Weil die afghanische Bevölkerung zunehmend das Vertrauen in die westlichen Staaten verloren hat. Der Kardinalfehler des Westens war, den Schwerpunkt bei der Intervention auf militärische Aktivitäten zu legen. Dagegen hat sich Widerstand geregt, der wiederum mit immer massiveren Militäraktionen bekämpft wurde. Dadurch hat sich die Sicherheitslage derart verschlechtert, dass der notwendige zivile Aufbau immer weiter zurückgegangen ist. Im Raum Kundus beispielsweise ist ziviler Aufbau heute so gut wie nicht mehr möglich.
Das Konzept der zivil-militärischen Zusammenarbeit ist also gescheitert?
Heiducoff: Bis zum Jahr 2007 hat das Konzept im Raum Kundus und Faisabad – also dem deutschen Verantwortungsbereich – durchaus funktioniert. Es gab einen großen Vertrauensvorschuss der afghanischen Bevölkerung gerade gegenüber uns Deutschen. Durch die militärische Eskalation ist er aber mittlerweile aufgebraucht. Unsere Soldaten und zivilen Aufbauhelfer können sich nur noch unter großer Gefahr in die Dörfer begeben.
Militärisch ist der Krieg in Ihren Augen nicht zu gewinnen. Was schlagen Sie vor?
Heiducoff: Die westlichen Staaten müssen eine politische, eine diplomatische Lösung suchen. Es muss mit den Aufständischen – von denen die Taliban-Kämpfer nur eine Gruppe sind – geredet werden. Wir sollten sie als gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe akzeptieren.
Das zivile Engagement stellen Sie nicht in Frage?
Heiducoff: Im Gegenteil: Ohne ein deutlich stärkeres ziviles, Engagement wird sich in Afghanistan nie ein stabiler Staat bilden.
Die Amerikaner und die Bundesregierung gaben angekündigt, dank der “neuen Strategie” 2011 mit dem Abzug der Truppen beginnen, zu können.
Heiducoff: Das halte ich für eine Täuschung der Öffentlichkeit. Sie soll damit lediglich ruhig gestellt werden. Natürlich kann es sein, dass 2011 kleinere Kontingente abgezogen werden. Aber da an der bisherigen Strategie festgehalten wird, ist es völlig unrealistisch, ein erfolgreiches Ende des Einsatzes in Aussicht zu stellen.
Jürgen Heiducoff (57), war von 2006 bis 2008 militäpolitischer Berater an der deutschen Botschaft in Kabul. Zuvor bekleidete er acht Monate lang den Posten eines Abteilungsleiters in der Kabul Multinational Brigade.
2007 ließ Heiducoff dem damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) auf dem Dienstweg ein Schreiben zukommen, in dem er die “unverhältnismäßige militärische Gewalt", der westlichen Truppen gegen die afghanische Zivilbevölkerung beklagte. Er wies darauf hin, dass mit diesem Vorgehen die "Keime einer afghanischen Zivilgesellschaft erstickt" würden. Gleichzeitig kritisierte der Oberstleutnant, den deutschen, Parlamentariern würde ein “falsches Glanzbild” von der Lage in Afghanistan gezeichnet. Kurze Zeit später wurde Heiducoff nach Deutschland zurückbeordert.
Heute arbeitet Heiducoff, im Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr in Geilenkirchen. (jozi)
Veröffentlichung in www.aixpaix.de mit freundlicher Genehmigung der "Aachener Nachrichten".
Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.
Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".
So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.
Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.
Otmar Steinbicker