Jürgen Heiducoff

Die Afghanen brauchen Hilfe

18.10.2011

Es ist unbestritten – Afghanistan braucht Hilfe. Und es gibt genügend Angebote von meist nicht uneigennütziger Hilfe. Doch die Afghanen haben gelernt, zu differenzieren.

Die NATO bietet militärische und militär-technische Hilfe an. Die afghanischen Sicherheitskräfte werden aufgerüstet, ausgebildet und bewaffnet. Der Kommandeur der NATO – Trainingsmission in Afghanistan (NTM-A), der amerikanische Generalleutnant Caldwell teilte gestern auf einer Pressekonferenz in Kabul mit, dass den afghanischen Sicherheitskräften 145 Militärflugzeuge und 21 Hubschrauber zur Verfügung gestellt werden. Das fliegende Personal sei schon in der Ausbildung in den USA. (www.pajhwok.com)

Ist dies die Hilfe, die das afghanische Volk wirklich braucht?

Die Aufrüstung eines Landes, das von einem Bürgerkrieg bedroht ist mit Militärflugzeugen, Hubschraubern, gepanzerten Kampffahrzeugen, Artilleriesystemen, Waffen und Munition – ist dies wirksame Hilfe?

Den Gedanken, dass afghanischen Sicherheitskräften gelingen soll, woran die hochgerüstete NATO – geführte Truppe ISAF gescheitert ist, nämlich Sicherheit und Stabilität in diesem Land zu schaffen, kann ich nicht nachvollziehen.

Gegen wen sollen Militärflugzeuge und Hubschrauber zum Einsatz kommen?

Es ist meine tiefe Überzeugung: Nachhaltige Veränderung einer Gesellschaft kann nicht durch Gewalt erfolgen. Dies schließt sowohl den Krieg und das Militär als auch Revolution, Revolte, Aufstand und gewaltbereite Menschen ein. Gewalt erzeugt allenfalls Angst und Hass. Dies sind aber keine geeigneten konstruktiven Mittel zur Veränderung und Verbesserung einer Gesellschaft.

Vielmehr vermochten intellektuelle, philosophische Beiträge langfristig eine Gesellschaft zu prägen. Ich erinnere an die Aufklärung im Europa des 18. Jahrhunderts oder an Konfuzius im alten China. Dazu bedarf es eines inneren Reifeprozesses. Da kann von außen kein Einfluss genommen werden.

Die Afghanen brauchen Hilfe ohne Bedingungen und ohne Bevormundung. Sie brauchen keine Assistenz zur Gewalt. Sie brauchen den Aufbau eigener Produktionskapazitäten und der dazu gehörigen Infrastruktur. Dies erfordert gewaltige Investitionen. China beginnt unweit von Kabul mit dem Aufbau einer großen Kupfermine. Und dies ohne militärische Präsenz.

Das ist es, was die Afghanen auch vom Westen erwarten.

Dies würde ihnen wieder Hoffnung und Zuversicht, statt Angst und Furcht vor der Zukunft bringen.

Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de


Krieg ist die
"ultima irratio"

Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.

Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".

So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.

Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.

Otmar Steinbicker