03.03.2011
In den meisten deutschen Medien sind die jüngsten zivilen Opfer durch den Einsatz von ISAF-Waffen in der afghanischen Provinz Kunar nur am Rande erwähnt worden.
Zitat aus der Neuen Zürcher Zeitung:
„Die Internationale Schutztruppe Isaf hat sich für den Tod von neun Kindern bei einem Angriff ihrer Kampfhelikopter in der ostafghanischen Provinz Kunar entschuldigt. Die Nato-geführte Schutztruppe übernehme «die volle Verantwortung für diese Tragödie».
(sda/dpa) Isaf-Kommandant David Petraeus sagte am Mittwoch: «Zu diesen Todesfällen hätte es nie kommen dürfen.» Er werde sich nach der Rückkehr des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai aus London persönlich beim ihm entschuldigen. Nach Abschluss der Untersuchung würden gegebenenfalls Disziplinarmassnahmen gegen die verantwortlichen Soldaten ergriffen. ….In Kunar waren erst im vergangenen Monat bei Isaf-Beschuss nach Angaben einer afghanischen Regierungskommission 65 Zivilisten getötet worden, darunter 40 Jungen und Mädchen.“ NZZ 02.03.2011
Präsident Karzai wirft der Schutztruppe ISAF die „tägliche Tötung“ von Zivilisten vor.
Es darf nicht wahr sein! Aber es ist wahr.
Es ist jedes Mal der gleiche Ablauf auf dem blutgetränkten Schlachtfeld am Hindukusch:
• NATO – Kampfflugzeuge oder –hubschrauber töten Zivilisten
• die örtlichen staatlichen Behörden bestätigen dies
• ISAF dementiert
• Präsident Karzai kritisiert das Vorgehen der Schutztruppe
• Untersuchungskommissionen werden eingesetzt
• ISAF entschuldigt sich für die Tötung von Zivilisten
• es wird vorgegeben, die Beteiligten disziplinar zur Rechenschaft zu ziehen
• die Truppe wird angewiesen, zivile Opfer auf das absolute Minimum zu beschränken
• und alles verläuft sich im Schweigen
Oftmals sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen und der nächste Zwischenfall dieser Art wird bekannt.
Immer nach dem gleichen Muster.
Und immer ist es mit einer Entschuldigung abgetan.
Wie leicht kann man seine Schuld abstreifen?
Wie schwer fällt es den betroffenen Menschen, die Opfer, all die Qual und das Leid zu verkraften?
Wir Menschen im satten Westen können es uns nicht vorstellen, was es für die Mütter im ländlichen Afghanistan bedeutet, ein Kind zu gebären und groß zu ziehen. Das beginnt damit, dass die schwangeren Frauen ebenso unter den Ängsten und Schrecken der Tiefflüge der Jagdbomber über ihren Dörfern und der nächtlichen Hausdurchsuchungen durch Militärs wie ihre Männer, Mütter und Väter leiden. Das setzt sich fort, indem die hygienischen und medizinischen Bedingungen für eine Geburt am unteren Minimum liegen. Sind die Kinder erst geboren, dann fehlt es an allem: kein sauberes Wasser, oft keine ärztliche Fürsorge, fehlender Impfstoff und unzureichende Nahrungsmittel. Pampers oder Babynahrung, wärmespendende Elektroenergie, Medikamente gegen plötzliches Fieber sind meist unbekannt. Dann haben die Mütter ihre Kinder, oft bis zu sieben oder acht Geschwister, soweit hochgepäppelt, dass sie Feuerholz sammeln gehen können. Und es rasen Kampfflugzeuge oder Kampfhubschrauber heran und töten die Kinder. Und all das wird mit einer Entschuldigung abgetan. Manchmal erhalten die Familien eine „Kompensation“. Mit etwas Geld wird Schuld getilgt.
Wenn man seine Truppen nicht im Griff hat, dann muß man deren Aktivitäten stoppen!
Tritt in der Fliegerei ein gravierender technischer Fehler auf, dann werden die Starts der betroffenen Flugzeuge eingestellt, bis die Ursachen beseitigt sind. Setzen Flugzeug- oder Hubschrauberführer ihre Waffen ein ohne das Ziel klar identifiziert zu haben, dann wird trotzdem weiter geflogen, gekämpft und (auf ein Minimum beschränkt) gemordet.
Dieser Krieg am Hindukusch ist durch nichts zu rechtfertigen!
Er zerstört unser Ansehen in der Welt.
Er nimmt unschuldigen afghanischen Menschen das Recht auf Leben.
Er zerstört die Lebensgrundlagen vieler.
Er verschleudert unsere Steuergelder.
Aber dies ist nicht der „Krieg an sich“.
Er wird geführt von Menschen.
Er ist gewollt von Menschen, die an seiner Fortsetzung interessiert sind, weil dies ihnen kapitale Vorteile bringt.
Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.
Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".
So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.
Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.
Otmar Steinbicker