Jürgen Heiducoff

Panetta erklärt den Krieg

Es gibt nur einen Krieg in Afghanistan – radikal, total, menschenfeindlich

Es gibt keinen großen, konsequenten, brutalen Krieg der Amerikaner gegen den Terror einerseits und einen kleinen, moderaten, humanitären, gesteuerten der Bundeswehr andererseits.

Es gibt nur einen Krieg in Afghanistan und den definieren und dominieren die Amerikaner.

Der US Verteidigungsminister beschreibt ihn.

Am 13.12. 2011 auf dem Weg nach Afghanistan äußerte sich der US Verteidigungsminister Panetta optimistisch über die Lage in Afghanistan. “Dieses Jahr wird einen Wendepunkt in Afghanistan und in anderen Regionen darstellen“ - sagte er vor US Soldaten in Djibouti. Dort sei es unseren Truppen gelungen, das Niveau der Gewalt zu reduzieren. 1)

Einen Tag später bestätigte der Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums, dass sich die Sicherheitslage im Laufe des Jahres 2011 verbessert hat. 2)

Gute Voraussetzungen für den Beginn der Truppenreduzierung - möchte man meinen.

Doch die US Regierung will den Sieg – koste es, was es wolle.

Vor seinen Soldaten in der afghanischen Provinz Paktika wird der 73-jährige Panetta noch konsequenter, indem er vom Sieg in Afghanistan spricht. Die afghanische Nachrichtenagentur Pajhwok zitiert ihn am 14.12.2011: “We are winning this tough conflict” 3)

„Trotz der Herausforderungen und Schwierigkeiten hofft der Minister, dass die Taliban – Schutzgebiete und Heiligtümer für immer ausgerottet werden …“, so Pajhwok Afghan News weiter. 3)

Panetta weiß, dass die Aufständischen während der Winterkampfpause bei ihren Familien sind - ihren Heiligtümern und Schutzgebieten.

Sie dort für immer ausrotten zu wollen ist nicht möglich, ohne auch ihre Familien zu vernichten.

Dieser Krieg ist radikal, total und menschenfeindlich.

Die Afghanen sind traumatisiert und kriegsmüde. Sie haben Angst und sehen keine Perspektive. Und sie unterscheiden schon lange nicht mehr zwischen guten und bösen Soldaten aus dem Westen.

In dieser Situation ist jedes „Ja“ eines Abgeordneten des Bundestages zur Verlängerung des Mandates für die Bundeswehr in Afghanistan zugleich seine Zustimmung zur Fortführung dieses einen unteilbaren Krieges am Hindukusch.

1) CNN

2) Pajhwok

3) Pajhwok

"New York Times"

Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de


Krieg ist die
"ultima irratio"

Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.

Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".

So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.

Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.

Otmar Steinbicker