Jürgen Heiducoff

Plötzlicher Terror in Afghanistan?

Die Ursachen liegen auch bei uns. Und dies ist seit Jahren bekannt!

Persönliche Erfahrungen von Jürgen Heiducoff

25.02.2012

Amerikaner haben Exemplare des heiligen Koran verbrannt. Dies war der Anlass für landesweite Ausschreitungen von Afghanen aller Ethnien. Sie haben deutlich ihren Hass gegen die ausländischen Besatzer und die Regierung Karzai zum Ausdruck gebracht. Da versteht ein deutscher Entwicklungshelfer in Baghlan nicht, warum seine eigenen Leute plötzlich radikalisiert sind, so Reporter Gack im Morgenmagazin des ZDF am 24.02.2012.

Für diese Radikalisierung und Gefühlsausbrüche bilden die Koranverbrennungen nur den Anlass. Die Ursachen liegen weit tiefer. Und sie schwelten lange unter der Oberfläche. Die meisten unsere Diplomaten, Soldaten und Entwicklungshelfer geben ihr Bestes, um die Entwicklung in Afghanistan voran zu bringen. Aber ihre Leistungen kommen so nicht bei den Afghanen an. Sie empfinden unsere Präsenz inzwischen als Demütigung. Sie fühlen sich in ihrem Stolz und ihrer Ehre verletzt. Dies nehmen unsere Vertreter vor Ort meist nicht wahr. Ich habe jedoch auf diese Tatsache bereits im September 2009 in einem Beitrag der Sächsischen Zeitung hingewiesen.

Im elften Kriegsjahr frieren die meisten Menschen und leben von der Hand in den Mund. Hunger ist nicht selten. Obwohl sehr viel in die Gesundheitsversorgung investiert wurde, leiden viele Menschen an Krankheiten.

Dann kommen zuweil nachts nette Spezialtruppen mit Stiefeltritten zu Gast und durchsuchen die Privathäuser und nehmen willkürlich Menschen fest. Kampfflugzeuge im Tiefflug und Hubschrauber schrecken die Leute aus dem Schlaf. In einigen Landesteilen findet der Drohnenkrieg Amerikas statt. Die Leute werden überwacht, Personen werden gezielt getötet. Listen mit verdächtigen Zielpersonen werden abgearbeitet. Die Menschen haben permanent Angst. Dieser Zustand macht krank und depressiv.

Die Afghanen sind traumatisiert!

Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Volksseele überkocht.

Die medialen Erfolgsmeldungen des Westens empfinden sie als Hohn. Damit werden sie beleidigt.

Vor diesem Hintergrund können „Partnering“, Zusammenwirken und geordnete Übergabe der Sicherheitsverantwortung nicht funktionieren. Aber auch das ist keine spektakulär neue Erkenntnis. Vor einem Jahr habe ich dies in der Badischen Zeitung deutlich thematisiert:

Die afghanischen Soldaten und Polizisten sind Teil eines durch uns gedemütigten Volkes. Sie wissen, dass sie nach dem Abzug der Soldaten des Westens ihren Familien Rechenschaft ablegen müssen.

70 US–Soldaten sind durch verbündete Afghanen getötet und 110 verwundet worden, berichtete die New York Times. Heute sollen zwei ISAF–Militärberater im afghanischen Innenministerium erschossen worden sein. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Der Hass auf die westlichen Militärs sitzt tief. Laut Süddeutscher Zeitung hätten die tödlichen Auseinandersetzungen zwischen afghanischen und amerikanischen SOLDATEN ein Ausmaß angenommen, das in der modernen Militärgeschichte zwischen “Alliierten” beispiellos sei. Dies war vordem in der New York Times in Form der vertraulichen Studie eines Heereskommandos veröffentlicht. Dieser Geheimreport zeichnet ein Bild tiefsten Misstrauens und latenten Hasses zwischen den Soldaten fremder Kulturen.

Die Lage ist angespannt wie nie zuvor.

Ein Funke genügt, um dem Zorn der Menschen freien Lauf zu geben.

Entschuldigungen von Politikern und Militärs empfinden die Leute als Hohn. Immer wieder und schnell wird ihr unterschwelliger Hass erneut in Aggressionen ausbrechen.

Nichts von alledem ist verwunderlich. Entsprechende Warnungen an die Politik gibt es seit Jahren. Aber die Leute, die bei uns Warnungen und Empfehlungen aussprechen werden ausgegrenzt. Auch eine Art der Demütigung.

Wir haben in Afghanistan endgültig verloren – den Krieg und auch den Kampf um die Herzen und Hirne der Menschen.

Dies hätte verhindert werden können, hätte man Empfehlungen vieler Kritiker dieses Krieges bereits vor Jahren aufgegriffen.

Generale und Diplomaten, die alles immer schön redeten sind gefördert und Kritiker sind mundtot gestellt worden.

Sehr schade: Wir hätten die Afghanen gewinnen können. Doch um dies zu erreichen, braucht man keinen Krieg zu führen.

Das Land ist für uns verloren. Dies war spätestens 2007 klar.

Ich habe damals als militärpolitischer Berater aus Kabul den deutschen Außenminister über die wirkliche Lage informiert. Ihm wurde vermutlich diese Information nie vorgelegt. Der Apparat “funktionierte” und ich wurde gefeuert.

Pressemitteilung Monitor

AG-Friedensforschung

Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

RSS-Feed abonieren

Beiträge von Jürgen Heiducoff

China braucht Frieden und Stabilität, um zu erstarken

Amerikas künftiger Kriegsschauplatz: der asiatisch-pazifische Raum

Die Lektion von Panjwai: Krieg ist immer ein Verbrechen!

Die neue Militärstrategie der USA – eine Herausforderung für China und die Welt

Prof. Dr. Michael Wolffsohn für Vorbereitung eines Angriffskrieges?

Plötzlicher Terror in Afghanistan? Die Ursachen liegen auch bei uns. Und dies ist seit Jahren bekannt!

Die neue Militärstrategie der Vereinigten Staaten von Amerika

Widersprüche in der Afghanistanpolitik der US Regierung

Panetta erklärt den Krieg

Verwirrung um den Truppenabzug aus Afghanistan

Die Fähigkeiten der Facebook-Generation zu gesellschaftlichen Veränderungen nicht überschätzen

Die Strategiewende in der US-Außen- und Sicherheitspolitik

Afghanistans nationale Souveränität

Frauen und Krieg

Wie konsequent wollen die USA ihre Truppen aus Afghanistan abziehen?

Die Afghanen brauchen Hilfe

DEM DEUTSCHEN VOLKE

Die Exekution Osama bin Ladens – ein Sieg im Krieg gegen den Terror?

Morden am absoluten Minimum

Man kann ein Volk nicht teilen!

Eine selbst inszenierte Tragödie

Verhandlungen und Frieden braucht das Land am Hindukusch!

Konsequente Friedensverhandlungen und die Einleitung eines ernsthaften Versöhnungsprozesses in Vorbereitung und Begleitung des Truppenabzuges aus Afghanistan

Dem Volk der Wähler und Zahler steht nun die Trendwende in Afghanistan bevor

Verhandeln jetzt!

Theorie und Praxis der neuen Strategie in Afghanistan

Öffentlichkeit wird getäuscht - Ein Interview in den Aachener Nachrichten

Wie weiter in Afghanistan? - Wenig Hoffnung für einen gerechten Frieden

Zu den Ansätzen einer neuen Afghanistanstrategie der Bundesregierung (26.12.2009)

Was ist neu an der Afghanistan-Strategie Obamas? (03.12.2009)

Korruption und Drogenkriminalität in Afghanistan (24.11.2009)

Volksaufstand und Versöhnung in Afghanistan – ein langer Prozess (Juli 2009)