Jürgen Heiducoff

Wie konsequent wollen die USA ihre Truppen aus Afghanistan abziehen?

Eine persönliche Betrachtung

09.11.2011

Der Beginn des Abzuges erster Bundeswehrverbände aus Afghanistan steht weiter aus.

Vieles scheint nach dem Motto zu funktionieren: „Mal warten, was die Amerikaner machen und dann werden wir sehen“.

Nach dem jüngsten Halbjahresbericht zu Afghanistan an den US-Kongress sei die Zahl der feindlichen Angriffe in der Periode vom 01.04. bis 30.09.2011 seit Jahren erstmals rückläufig. 1)

Wenn sich die Lage so günstig entwickelt haben soll, warum erfolgt nicht der Abzug unserer ersten Soldatinnen und Soldaten noch vor Weihnachten? Ist die Bundesregierung in dieser Frage nicht fähig zu eigenen nationalen Entscheidungen?

In der Tat ist es den Amerikanern gelungen, die militärischen Komponenten Deutschlands wie auch anderer Partner in Afghanistan strukturell und funktional in einer solchen Perfektion einzubinden, dass grundlegende eigenständige nationale Entscheidungen kaum noch möglich sind. Dies ist im unten abgebildeten Schema der ISAF-Kommandostruktur erkennbar.

Unser Bundeswehrkontingent und erst recht die kleineren Kontingente anderer Partnernationen konnten und können ohne Entscheidungen von US-Generalen und ohne US-Truppen weder erfolgreich handeln, noch kämpfen – offensichtlich noch nicht einmal zurück in die Heimat verlegt werden. Dies ergibt sich aus der Struktur der von US-Generalen kommandierten integrierten Stäbe und Truppenkörper.

Die USA hingegen haben ihre eigenen nationalen Truppen klar getrennt von den NATO- kommandierten und kontrollierten Strukturen. Von der strategischen bis zur taktischen Ebene dominieren Doppelstrukturen, dass heißt, US-Kommandeure tragen Doppelverantwortung („Doppelhüte“). Sie haben Führungseinfluss auf die multinationalen NATO-Verbände und führen nebenher separat die nationalen US – Truppen. Somit ist es ihnen möglich, wenn erforderlich, unabhängig und eigenständig zu agieren. So würden die US-Verbände in Afghanistan auch nach Abzug der NATO-Kampftruppen handlungs- und führungsfähig bleiben können. Und hieraus resultiert die Frage, welche Folgen dies für den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan haben kann. Werden alle US-Truppen nach der Rückverlegung der Truppen der NATO-Partner auch konsequent und unwiderruflich abziehen?

Die Vereinigten Staaten haben mehrmals angekündigt, die afghanischen Sicherheitskräfte auch nach 2014 nicht allein zu lassen und weiter Ausbildungsunterstützung zu leisten.

Das britische Blatt „The Telegraph“ vom 19.08.1011 behauptet, die Verhandlungen zwischen Regierungsvertretern der USA und Afghanistans zu einem Stationierungsabkommen von US- Truppen in Afghanistan seien weit voran gekommen. Der Sicherheitsberater des Präsidenten Karsai, Rangin Dadfar Spanta, soll geäußert haben, Afghanistan brauche neben Ausbildern auch nach 2014 US-Kampfflugzeuge und Hubschrauber zum Kampf gegen Terroristen. 2)

Am Ende bleiben die Fragen:

Wie ernst meinen es die USA mit dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan wirklich?

Möchten die USA die Früchte des Engagements am Hindukusch künftig allein ernten?

Empfinden die USA ihre NATO – Partner nach Erfüllung der solidarischen Pflicht im Afghanistankrieg gar als störend?

1) Halbjahresbericht zu Afghanistan an den US – Kongress / Oktober 2011; Seite 1 Fußnote

2) Pressebericht (engl.) Telegraph

Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


Kommandostruktur der US- und internationalen Truppen in Afghanistan

Quelle: Halbjahresbericht zu Afghanistan an den US – Kongress / Oktober 2011, Seite 8


World Wide Web aixpaix.de


Krieg ist die
"ultima irratio"

Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.

Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".

So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.

Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.

Otmar Steinbicker