Jürgen Heiducoff, Oberstleutnant der Luftwaffe außer Dienst

Prof. Dr. Michael Wolffsohn für Vorbereitung eines Angriffskrieges?

08.03.2012

Professor Dr. Wolffsohn lehrt Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.

Er empfiehlt jetzt die Beteiligung Deutschlands und der Bundeswehr an einem Krieg gegen Syrien.

Unter der Überschrift Heikle Lage für den Westen waren am 02.03.2012 im Handelsblatt Nr. 045 Wolffsohns Empfehlungen für die Führung eines Krieges gegen Syrien veröffentlicht. Dieser Beitrag dient der Vorbereitung einer Konferenz der Rüstungsindustrie mit hochrangigen Vertretern aus Politik, Diplomatie und Militär.

Wolffsohn stellt folgende Gedanken voran:

Die Lage in Syrien zwingt auch Deutschland dazu, Farbe zu bekennen.

Sanktionen allein können das Blutvergießen nicht stoppen.

Jetzt müssen Taten folgen - auch militärisch…

Wer soll was wie tun? Ja, auch wir - die Bundeswehr ist gefragt.

Anders als in Afghanistan, wo sie damit beschäftigt ist, sich selbst zu schützen.

Prof. Dr. Wolffsohn schreckt nicht einmal davor zurück, sich zu einem Kriegsplaner, zum Strategen eines Angriffskrieges gegen Syrien aufzuschwingen.

Der Bundeswehr, unserer Parlamentsarmee, schreibt er vor:

… den Syrern gegen ihren Mörder-Präsidenten (zu) helfen. Indem sie - gemeinsam mit anderen demokratischen Staaten - zumindest Waffen und Berater schickt, könnte sie die ersten Schritte einer humanitären Intervention proben - ohne Krieg zu führen. Jene Hilfe wäre für die Bundesregierung eine Frage der Glaubwürdigkeit, denn humanitäre Interventionen … zählen zu den künftigen Kernaufgaben der Bundeswehr.

Und Wolffsohn präzisiert: Wie das funktionieren soll? Zur (Bürger-)Kriegsverhinderung ist es in Syrien zu spät, die anderen Voraussetzungen sind jedoch gegeben und geboten. Waffenlieferungen und das Einschleusen militärischer Berater lassen sich am besten aus und mit dem Nato-Mitglied Türkei von dortigen Nato-Basen arrangieren.

Der Professor weiß natürlich auch, warum die Türkei sich in seine Pläne einbinden lässt: Die Türkei strebt in die EU, deren Seinsgrund tatsächlich auch Menschenrechte und Frieden sind. Beides mahnt Ministerpräsident Erdogan gerne an. Er muss sich bewähren, um die EU-Kandidatur zu bewahren und Hilfe gegen die PKK-Kurden zu behalten.

Schließlich entwirft Wolffsohn auch die konkrete Angriffsplanung für die NATO: Eine kleine Nato-Truppe mit arabischen Kontingenten, am sinnvollsten unter türkischer Führung, sollte eine Schutzzone im Nordwesten Syriens errichten. Diese Schutzzone sollte östlich der Linie Aleppo, Hama, Homs verlaufen und südlich von Homs enden. Sie muss zugleich eine Flugverbotszone für syrische Flugzeuge sein. Die Bundesluftwaffe könnte sich beteiligen, ähnlich wie 1999 im Kosovo-Krieg. Eine zweite Schutzzone wäre aus Jordanien um Daraa im Süden Syriens zu errichten. Jordanien dürfte willig zustimmen. Es ist logisch und moralisch inkonsequent, den Anti-Diktatur-Kämpfern in Libyen zu helfen, aber den syrischen nicht.

Aber so konkrete Planungen zur Vorbereitung eines Angriffskrieges sollten doch wirklich den Generälen überlassen bleiben. Die haben wesentlich mehr Erfahrung, wie man in militärischen Operationen zum Schutze der Menschenrechte Zivilisten tötet, ihnen Leiden und Traumatisierung zufügt.

Hat Wolffsohn bei alledem übersehen, dass die Menschenrechte auch für die Syrer gelten, die auf der Seite des Präsidenten stehen?

Wie sollen die Zivilisten geschützt werden, die während eines Krieges der NATO gegen Syrien zwischen die Fronten geraten?

Doch dies ist nicht alles. Der Professor macht Weltpolitik und kalkuliert die möglichen Reaktionen großer Kernwaffenmächte und UNO-Sicherheitsratsmitglieder ein:

Wortreich, doch tatenlos werden Russland und China schon beim ersten dünnen Anzeichen eines erneuten Waffengangs in einem arabischen Land protestieren, um bezüglich ihrer "Menschenrechtspolitik" nicht weiter in die Defensive zu geraten. Russland fürchtet um seine syrische Marinebasis Tartus. Doch dafür wird es keinen Krieg riskieren.

Welche arrogante Kompetenzüberschreitung!

Ist es nicht unverantwortlich von einem Professor der Universität der Bundeswehr, in einer Zeit, in der Israel offen mit Militärschlägen gegen den Iran droht und die US-Führung Luftangriffe gegen Syrien prüft, Empfehlungen für ein militärisches Vorgehen unter Beteiligung Deutschlands im Nahen Osten zu erteilen?

Hat der Professor für Neuere Geschichte etwa zu wenig aus den beiden von Deutschland entfesselten Kriegen und aus der Ungeeignetheit militärischer Gewalt bei der Lösung der Krisen der Gegenwart, besonders im arabischen Raum sowie im Nahen und Mittleren Osten gelernt?

Hoffentlich folgen die jungen Studenten und Offiziere der Bundeswehruniversität München nicht widerspruchslos den Lehren und Ratschlägen ihres Professors. Wenn die Regeln der Inneren Führung gelten, sehe ich aber nicht die Gefahr, dass sie freiwillig auf die Eigenständigkeit ihres Denkens und Handeln verzichten.

Wolffsohn ist bekannt für provokative Bekenntnisse.

In Welt-online schrieb er vor fast drei Jahren: Angesichts der demografischen und geografischen Ossifizierung der Bundeswehr wackelt hier der altbundesdeutsche Westpfeiler ideologisch.

Dem Personal der Bundeswehr warf Wolffsohn mangelnde Bildung vor: Abiturienten kommen in der Regel aus wohlhabenderen Familien. Sie sind unter Wehrpflichtigen und Offizieren unterrepräsentiert – auch weil sie sich geschickter drücken können. Zunehmend wird die Bundeswehr eine Unterschichtenarmee.

Für mich persönlich leite ich ab: Die Hälfte meiner fast 40 Dienstjahre war ich Stabsoffizier einer Unterschichtenarmee, wozu auch ich auf Grund meiner sozialen Herkunft beigetragen habe. Und durch meine geografische Herkunft verstärkte ich zudem den Prozess der Ossifizierung der Bundeswehr.

Woher nimmt Wolffsohn das Recht, ehrliche und fleißige Soldaten der Bundeswehr zu beleidigen?

Mir wurde die Hochschulreife mit der Gesamtnote sehr gut bescheinigt, obwohl ich einer nicht wohlhabenden Familie entstamme. Ich muss zugeben, es fällt mir schwer, Wolffsohns Kausalität zwischen Bildungsgrad und der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Schicht zu folgen.

Er erlaubt sich, im Handelsblatt, in dem er ein militärisches Vorgehen auch der Bundeswehr gegen Syrien empfiehlt, pflichtbewussten und mutigen Bundeswehrsoldaten vorzuwerfen, sie seien in Afghanistan nur damit beschäftigt, sich selbst zu schützen.

Will Wolffsohn eine Bundeswehr in den Krieg schicken, deren Personal an mangelnder Bildung leidet ? Will er mit einer ossifizierten Unterschichtenarmee Krieg führen?

Wenigstens kann vielen Soldaten aus dem Osten, auch mir nicht der Vorwurf gemacht werden, wir hätten uns vor unseren Pflichten gedrückt. Als Stabsoffizier der Bundeswehr habe ich freiwillig mehr als drei Jahre in den Kriegsgebieten Afghanistans und Tschetscheniens Dienst getan. Herr Wolffsohn ist mir da nicht begegnet.

Bleibt mir der Mangel, aus den neuen Bundesländern zu kommen. Nach Wolffsohns Einschätzung gehöre dort eine antiwestliche Grundhaltung …mehr als in den alten zum politisch korrekten Grundton. Ist Herr Wolffsohn bereit, diese Behauptung auf einer Kundgebung in Leipzig oder Dresden den Menschen dort direkt zuzurufen? Hat der Professor die Montagsdemonstrationen der Wendezeit vergessen?

Erstaunlich – diese Widersprüchlichkeit im Denken Wolffsohns.

Aber da ist auch Kontinuität in Wolffsohns robusten, provokativen und offensiven Denken: Am 05.05. 2004 sagte er in der n-tv-Talkshow Maischberger:

Wenn wir mit Gentleman-Methoden den Terrorismus bekämpfen wollen, werden wir scheitern. […] Als eines der Mittel gegen Terroristen halte ich Folter oder die Androhung von Folter für legitim.

Insgesamt fällt es schwer, in den durch Widersprüchlichkeit und Kontinuität geprägten Gedanken Wolffsohns ein klares Bekenntnis zu unseren demokratischen Traditionen und Werten zu erkennen.

Jürgen Heiducoff ist Autor des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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