360 Kilometer Autobahn. Österreich, Slovenia, Hrvatska. Grenzübergang Slavonski Brod. Die andere Seite Europas. Nur wenige Stunden von Welt zu Welt.
Bosna i Hercegovina. 180 Kilometer Landstraße, 40 Kilometer Autobahn. Sarajevo.
Freitag Abend. Der Ruf des Muezzin. Jerusalem des Westens im Osten Europas.
Die Gegensätze unserer Welt finden ihr Gemeinsames in der Vielfalt dieser Stadt. Heute, nach der Katastrophe des letztens Krieges: ein Leben zwischen Hölle und Paradies.
Wir, die wir den Krieg nicht am eigenen Leib erlebt haben, können nicht verstehen, denn angesichts des Krieges müssen Worte scheitern. Eines aber können wir tun: zuhören.
Trotz - vielleicht aber auch wegen der Tragik ihrer jüngeren Geschichte, begegnen uns die Bewohner dieser Stadt mit einer Offenheit, die ihresgleichen sucht. Muslime, Juden und Christen laden uns ein, mit ihnen zu beten und erzählen von ihrem Schicksal, von ihrem Glauben, vom Leben und Sterben zwischen Hoffnung und Erinnerung, denn eines haben sie alle gemeinsam, die Bewohner von Sarajevo: Sie lieben ihre Stadt!
Sarajevo, die schönste Stadt der Welt. Wo könnte man besser leben! Hier prallt Ost auf West und West auf Ost, Berg auf Tal, Wasser auf Staub, Macht auf Ohnmacht.
Eine Stadt mit vielen Gesichtern, deren Zukunft im Ungewissen liegt, im Schatten des Vergessens.
Sarajevo, ein farbenfrohes Spektakel aus Menschen und Dingen, Liebe und Hass, Nebel und Sonnenschein. Diese Stadt zieht jeden in ihren Bann. Wie ein Schwamm saugt sie seit Jahrhunderten die Eigenarten ihrer Bewohner auf und wurde so im Laufe der Zeit zu jener einzigartigen Ansammlung unterschiedlichster Kulturen, die zu einem einzigen Volk verschmolzen sind und deren Ursprung in Wahrheit ein und derselbe ist. Denn dieses eine dürfen wir nicht außer Acht lassen: all die Worte, mit denen wir Religionen und Volksgruppen unterscheiden, bezeichnen nicht mehr und nicht weniger als den Menschen an sich - und wir alle sind Menschen!
Trotz der gewachsenen Vielfalt konnte das Versprechen des großen Friedens nicht gehalten werden. Vergessen wir nicht dieses Land und seine Bewohner, über die vor zwanzig Jahren eine Explosion hereingebrochen ist, deren Folgen bis heute spürbar sind. Ein Krieg, der sich über jegliche Menschlichkeit hinweggesetzt hat. Ein grausamer, ein gewalttätiger, ein gnadenloser Krieg.
Das Leben geht weiter, wenn auch niemand weiß, was die Zukunft bringen wird. Der Krieg hat Spuren hinterlassen, Spuren über die man nur ungern spricht.
Das Leben ist schwer in diesem Land, heute mehr als früher.
Samstag. Hotel Saray. Blick über die Stadt, von Ost nach West. Minarette und Kirchtürme, mehr Krähen als Menschen, Hundegebell. Es ist früher Morgen.
Unser Hotel liegt über dem Tunnel am östlichen Rand Sarajevos.
Wer wir sind? Wir sind Menschen aus einem anderen Land. 66 Jahre Frieden. Die andere Seite Europas.
Vergessen wir nicht die, deren Schicksal ein härteres ist, als das unsrige!
Sarajevo, die schönste Stadt der Welt, ein lautloses Gebet klingt durch die Straßen.
Und über den Lebenden wie den Toten erhebt sich ein und derselbe Gott.
Tanja Shahidi ist Autorin des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Ihre Beiträge finden Sie hier
Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.
Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".
So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.
Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.
Otmar Steinbicker