Foto: Krömer
Seit über 10 Jahren tobt ein verlustreicher Krieg in Afghanistan. Tausende von Menschen sind bislang diesem Krieg zu Opfer gefallen und ein Ende dieses Krieges scheint bis heute nicht in Aussicht.
Und das obwohl die Menschen in Europa, in den USA und in Afghanistan seit Jahren ein Ende dieses Krieges fordern. Nach den neuesten Umfragen sind 94 Prozent der afghanischen Bevölkerung für die Aufnahme von Friedensgesprächen mit den Taliban und über 60 Prozent der Europäer und US-Bürger verlangen ein Ende des Krieges in Afghanistan! Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache und dennoch scheinen die jeweiligen Regierungen nicht in der Lage zu sein, diesem Wunsch der eigenen Bevölkerungen nachzukommen. Eines der Grundfundamente der Demokratie, nämlich das Mehrheitsprinzip, wird seit Jahren von den westlichen Regierungen gegen den Willen der eigenen Bevölkerung missachtet! Im Gegenzug wird aber von den Afghanen seit Jahren verlangt, einer importierten Form von Demokratie bedingungslos zu akzeptieren.
Die Taliban schreiten von einem Erfolg zum anderen und niemand scheint sie aufhalten zu können. Bedeutungslose Erfolge gegen kleine Feldkommandeure werden im NATO-Hauptquartier in Kabul den internationalen Medien als Riesenerfolg dargeboten, obwohl alle hinter den Kulissen längst von einem verlorenen Krieg sprechen. Und die Afghanen selber wissen schon seit spätestens jenen Angriffen auf die afghanischen Hochzeitsgesellschaften dass die NATO diesen Krieg verloren hat. Jeder weitere Angriff, bei dem Zivilisten mutwillig oder versehentlich getötet werden, ist nur noch ein zusätzlicher Beleg dafür, dass die NATO diesen Krieg nicht mehr gewinnen kann! Die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung hat sich schon längst auf ein Post-NATO-Afghanistan eingerichtet und steht nun sogar selbst im Dialog mit den Taliban (siehe Reuters "Taliban Talkback - Militants answer your questions" vom 27.03.2012). Die Regierung von Karzai scheint so überflüssig wie noch nie zuvor. Weder die afghanische Bevölkerung noch die Taliban haben Vertrauen in die afghanischen Institutionen und somit auch kein Vertrauen in die afghanische Verfassung! Noch schlimmer ist die Tatsache, dass der Westen selber auch kein Vertrauen in die Regierung Karzai hat. Westliche Soldaten haben kein Vertrauen in die von ihnen selbst ausgebildete afghanische Armee und Polizei. Dennoch fordert der Westen von den Afghanen einer solchen Regierung ihr Vertrauen zuzusprechen und die Verfassung dieser Regierung anzuerkennen. Dabei ist es den Afghanen nicht entgangen, dass die NATO selber tagtäglich gegen diese Verfassung, und noch viel schlimmer, gegen die Sitten und Traditionen der Afghanen, verstößt! Und genau hier wird wieder deutlich, dass der Westen nichts aus seinen Fehlern in den vergangenen zehn Jahren gelernt hat.
Um den Konflikt in Afghanistan zu beenden, müssen grundlegende Veränderungen vorgenommen werden.
Zunächst einmal muss das Vertrauen der afghanischen Bevölkerung, und zwar Ethnien übergreifend, gewonnen werden. Dies ist, wie seit Jahrhunderten in Afghanistan üblich, die Aufgabe der Stammesführer und Stammesräte. In Afghanistan gibt es landesweit einflussreiche und respektierte Persönlichkeiten, die für eine solche Arbeit prädestiniert sind, jedoch haben sie sich bislang nicht zu Wort gemeldet, weil sie entweder die Zusammenarbeit mit der afghanischen Regierung lautlos boykottiert haben oder irgendwelche mächtigen Warlords ihrer Stelle eingenommen und für sie gesprochen haben.
Darüber hinaus muss aber auch das Vertrauen der afghanischen Widerstandsgruppen gewonnen werden. Jedoch steht es für die Taliban ausser Frage, sich mit der Regierung in Kabul an den Verhandlungstisch zu setzen. Sie empfinden die Regierung in Kabul als schwach und inkompetent. Womit sie auch leider in den Augen vieler Afghanen recht haben!
Die einzige Lösung, die von den Afghanen und zum Teil auch von den Taliban getragen wird, ist der Aufbau einer Interimsregierung bis 2014! Dieser Regierung dürfen nur Personen angehören, die von allen Afghanen respektiert werden und bislang weder für die Regierung von Karzai noch für die Widerstandsgruppen tätig waren! Alle Personen, die von den Afghanen als umstritten betrachtet werden, dürfen an der Interimsregierung nicht teilnehmen. Dieses kann aber nicht erfolgen, wenn der Westen weiterhin auf seinen alten Gaul, Karzai, setzt!
Wenn der Westen nicht jetzt sofort die Weichen für ein neues Afghanistan setzt, dann werden die Afghanen selbst dafür sorgen müssen, ein Afghanistan nach ihren eigenen Vorstellungen zu errichten. Jedoch besteht dabei die Gefahr, dass es zu einem erneuten Bürgerkrieg kommen wird, in dem weitere tausende Afghanen ihr Leben lassen müssen!
Naqibullah Shorish repräsentiert als Afghanistans wichtigster Stammesführer mehr als drei Millionen Stammesangehörige der Kharoti. Naqibullah Shorish ist Autor und ständiger Gesprächspartner des Aachener Friedensmagazins aixpaix.de
Im Rahmen seiner Reihe "Monitoring-Projekt Zivile Konfliktbearbeitung - Gewalt- und Kriegsprävention legte Prof. Dr. Andreas Buro sein Dossier vor.
Der Plan von Naqibullah Shorish, dem wichtigsten Stammesführer Afghanistans, der über drei Millionen Menschen repräsentiert, ist der derzeitig einzige international von den unterschiedlichen Seiten diskutierte Friedensplan. Die Taliban-Führung um Mullah Omar hat den „Shorish-Plan“ im Grundsatz, nicht in allen Details, akzeptiert.
Zur Bedeutung des Shorish-Plans
Interview mit Naqibullah Shorish
Auf vier Seiten stellt Otmar Steinbicker knapp und verständlich die Chancen für Friedensverhandlungen in Afghanistan vor und widerlegt die Mär von den verhandlungsunfähigen Taliban.
Das Infoblatt zum Download