Wenn wir heute – wie in jedem Jahr – des 8. Mai 1945 gedenken, des Tages des Kriegsendes und der Befreiung vom Joch der Naziherrschaft, dann lassen Sie uns einen Augenblick daran denken, was wohl den Menschen damals in Deutschland durch den Kopf ging, heute vor 65 Jahren.
Da war wohl bei allen als erstes die Freude da, überlebt zu haben und nicht mehr vom Krieg bedroht zu sein. Da tauchte aber sicher bald darauf bei vielen die Frage auf: Hätte man den Krieg nicht eher beenden können? Dann hätten Freunde, Verwandte noch überleben dürfen.
Wie viele Menschen hätten überlebt, wenn der Krieg schon Ende Oktober 1944 geendet hätte, als US-Truppen in Aachen einmarschierten oder am 20. Juli beim Aufstand deutscher Offiziere? Wie viele wären es gewesen, wenn der Krieg im Februar 1943 nach der Schlacht in Stalingrad geendet hätte und wie viele, wenn Deutschland den Krieg gar nicht erst begonnen hätte?
Und heute, 65 Jahre später? Was denken die Menschen in Deutschland zum Thema Krieg?
Ein Begriff aus der Geschichte?
Realität, aber zum Glück weit weg?
Oder auch: Deutschland führt wieder Krieg?
Für das Land, in dem Deutschland Krieg führt – Afghanistan – ist der Krieg seit mehr als 30 Jahren blutige Realität. Ein Krieg mit vielen Konfliktparteien – im Land selbst, dann die ausländischen Mächten, die ihre eigenen Interessen verfolgen und die das afghanische Volk nie nach seinen Interessen gefragt haben.
Afghanistan, das ist ein Land, dessen Bevölkerung in dieser Zeit sehr viel mehr gelitten hat als Deutschland während des Zweiten Weltkrieges.
Für Deutschland und die NATO ist dieser Krieg längst ein verlorener Krieg. Die Militärs erklären seit geraumer Zeit öffentlich, dass der Afghanistan-Krieg – so formulieren sie es – “militärisch nicht zu gewinnen” ist. Das ist eine seltsame Formulierung. Krieg, das heißt per defitionem, einen Konflikt mit Militär auszutragen. Zivile Formen der Konfliktbearbeitung funktionieren anders, vor allem über Verhandlungen. Dazu braucht man keinen Krieg und auch kein Militär. Wenn ein Krieg also “militärisch nicht zu gewinnen” ist, dann ist er überhaupt nicht zu gewinnen, dann ist er verloren.
Aber auch wenn ein Krieg verloren ist – das wissen wir vom Zweiten Weltkrieg, dann ist er noch lange nicht beendet. Dann müssen noch immer Menschen sinnlos sterben, bis der Krieg endgültig beendet ist.
Wie kann man schnell einen verlorenen Krieg beenden?
Man vereinbart zuerst einmal einen Waffenstillstand. Wenn nicht geschossen wird, kann besser verhandelt werden, um eine Lösung des Konflikts zu finden, für den die Beteiligten in den Krieg gezogen sind.
Sicherlich wird es schwierig werden, in Afghanistan sofort zwischen allen Konfliktparteien und in allen Regionen gleichzeitig einen Waffenstillstand zu vereinbaren. Daher haben wir – das sind die Nationale Friedensjirga Afghanistans mit ihren 3000 Stammesführern, Intellektuellen und Abgeordneten und die deutsche “Kooperation für den Frieden”, der 50 Friedensorganisationen und -initiativen angehören – vorgeschlagen, einen solchen Waffenstillstand zuerst in einer Region zu vereinbaren und wenn er funktioniert, ihn nach und nach möglichst bald auf ganz Afghanistan auszudehnen.
Dieser Vorschlag ist keine Fantasterei. Exakt für die Realisierung dieses Vorschlags gibt es mittlerweile ernsthafte Vorbereitungen und indirekte Gespräche der Konfliktparteien. Ich hoffe sehr, dass ein solcher Waffenstillstand schon bald für die Provinz Kunduz – dort wo im vergangenen Monat sieben Bundeswehrsoldaten getötet wurden – vereinbart werden kann. Noch ist aber weder auf politischer noch auf militärischer Ebene die Entscheidung gefallen, dass man den Waffenstillstand wirklich will.
Und auch wenn der Waffenstillstand Wirklichkeit werden sollte, so ist das noch kein Ende des Krieges und erst recht noch kein Frieden.
Deshalb lautet unser zweiter Vorschlag: Verhandlungen. Diese Verhandlungen werden kompliziert sein, denn es gibt viele Beteiligte.
Allein unter den Afghanen gibt es seit Jahrzehnten miteinander blutig verfeindete Gruppen. Diese – und dazu gehören auch die Taliban – müssen miteinander aushandeln, wie sie in Zukunft friedlich miteinander leben wollen. Das wird nicht einfach sein und da wird es Moderatoren geben müssen, die dabei helfen.
Und es wird eine zweite Verhandlungsebene geben müssen. Dort werden die Nachbarstaaten Afghanistans und die Staaten, die in Afghanistan Krieg führen oder sonstige Interessen haben, miteinander reden müssen, wie sie ein friedliches und neutrales Afghanistan unterstützen können – ein Afghanistan, das für keinen anderen Staat eine Bedrohung darstellt und das auch von anderen Staaten nicht bedroht werden darf.
Auch dieser Vorschlag, den wir im September 2008 veröffentlicht haben, ist keine Fantasterei. Hohe Diplomaten, wie der frühere UNO-Gesandte Kai Eide, haben sich öffentlich für ein solches Vorgehen ausgesprochen. Andere tun es zumindest in kleinem Kreis.
Und warum gibt es dann bis heute noch keinen Waffenstillstand und keine Verhandlungen?
Noch gibt es einen sehr ernsten und heftigen Streit vor allem unter den Regierenden der Krieg führenden Staaten, exakter der NATO. Es gibt realistisch denkende Diplomaten und Militärs, die deutlich raten, den Krieg rasch durch Waffenstillstände und Verhandlungen zu beenden und es gibt andere, die noch immer an den “Endsieg” glauben. Gegen eine realistische Lösung steht vor allem US-General McChrystal, der jetzt noch mit immer mehr Soldaten Großoffensiven gegen die Taliban starten will – ein vergebliches Unterfangen nach acht Jahren Krieg.
Und es gibt Politiker, die jetzt Schwierigkeiten haben, die Wahrheit auszusprechen: dass es falsch war, den Krieg zu beginnen. Die sich immer noch in die Illusion flüchten, einfach weiter machen zu können wie bisher, mit immer mehr Soldaten und immer mehr Toten.
Hier sind wir Bürger gefordert, den von uns gewählten Politikern deutlich zu sagen: Schluss mit dem Krieg. Lassen Sie sofort die Waffen schweigen! Unterstützen Sie die Bemühungen, den Konflikt durch Verhandlungen zu lösen, anstatt ihn mit mehr Soldaten und mehr Waffen weiter anzuheizen. Ziehen Sie die Bundeswehr ab aus Afghanistan und ziehen Sie damit die Lehre des 8. Mai 1945, die da lautet: Nie wieder Krieg!
Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.
Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".
So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.
Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.
Otmar Steinbicker