1A8 70%}
Unmittelbar vor der Bonner Afghanistan-Konferenz zeichnen die Medien ein düsteres Bild. Wenn die ISAF-Truppen das Land verlassen, wird es Bürgerkrieg geben, klingt es unisono. Und dass die afghanische Armee auf sich allein gelassen den Aufstand erfolgreicher niederschlägt als gemeinsam mit 150.000 NATO-Soldaten, mag auf einmal keiner mehr glauben. Erstaunlich!
Die Fakten selbst sind nun wirklich nicht neu! Die sich von Jahr zu Jahr verschlechternde Sicherheitslage wurde in den Berichten der UNO-Mission realistischer gezeichnet als in den „Erfolgs“-Stories der ISAF-Pressestelle. Sie waren öffentlich zugänglich. Die Zahl der Aufständischen schien gleich zu bleiben trotz einer nach NATO-Bilanzen enormen Zahl von gezielten Tötungen von Taliban-Kämpfern und Anführern. Da war nirgends die Rede von Nachwuchsproblemen der Aufständischen. Aber das hatte der ehemalige US-Oberkommandierende in Afghanistan, General McChrystal ja schon im Sommer 2009 in seiner Analyse zu Beginn seiner Amtszeit festgestellt: „Wenn wir einen von ihnen töten, wachsen zehn nach.“ Und getötet wurden nicht nur Aufständische, sondern bei Bombardements auch eine hohe Zahl von Zivilisten.
Historiker rauften sich seit langem die Haare. Da hatte die Sowjetunion bei ihrem Abzug 1989 eine personell starke, gut ausgebildete und stark bewaffnete Armee hinterlassen, die sich dennoch gerade einmal drei Jahre gegen eine hoch motivierte Aufstandsbewegung halten konnte. Und da sollte jetzt eine allen Berichten nach zahlenmäßig schwache, schlecht ausgebildete und miserabel bewaffnete Truppe, die obendrein noch unter hohen Desertierungsraten leidet, es ernsthaft schaffen, einen Volksaufstand niederzuschlagen?
Nein, natürlich wusste man seit langem im Westen, dass dieser Krieg verloren war. Die Militärs hatten bereits seit Jahren öffentlich vor der Illusion gewarnt, dass der Krieg militärisch gewonnen werden könne. Im kleinen Kreis fielen die Analysen sehr viel schärfer aus.
Es ging und es geht dem Westen nicht um Afghanistan und seit Jahren drehen sich die Überlegungen schon um einen „gesichtswahrenden“ Abzug – gesichtswahrend etwa dahingehend, dass in den Geschichtsbüchern stehen soll, der Westen habe bis zuletzt alles getan, was möglich war und Schuld am Desaster hätten am Ende die Afghanen – die afghanische Regierung, die afghanische Armee, die afghanischen Aufständischen oder wer auch immer.
Wenn der Westen jetzt nach dem verlorenen Krieg Afghanistan noch einen letzten Dienst erweisen kann, dann den, einer Friedenslösung nicht länger im Weg zu stehen! Zwar überbieten sich die Kanzlerin, ihr Außenminister und ihr Verteidigungsminister aktuell an Erklärungen, jetzt müsse man mit „gemäßigten“ Taliban reden. Aber wer soll das sein? Vergibt die Kanzlerin persönlich den Gütestempel „gemäßigt“ an ihr genehme Personen? Wer Realitäten anerkennen will, der muss mit den Führern reden, auf die die Aufständischen hören und das ist nun einmal der 40köpfige Taliban-Rat um Mullah Omar, ob das gefällt oder nicht.
Genau dieser Taliban-Rat hat im Laufe der letzten zwei bis drei Jahre eine erstaunliche Entwicklung zu mehr Realismus vollzogen. Westliche Diplomaten bestätigen: Mädchenschulen zum Beispiel gibt es jetzt auch unbeschadet in Taliban-kontrollierten Regionen. Der Taliban-Rat hat sich zuletzt im Sommer öffentlich und eindeutig für Verhandlungen ausgesprochen und dieses Signal ist bei den westlichen Diplomaten auch angekommen. Er hat obendrein den wichtigsten Stammesführer des Landes als neutralen Vermittler anerkannt und seinen Friedensplan im Grundsatz akzeptiert.
Jetzt muss der Westen ebenfalls Realismus zeigen! Er weiß, an welche Adresse er sich wenden muss, um ernsthafte Gespräche zu führen! Er weiß auch, dass sobald beim Taliban-Rat eine Einladung zu Gesprächen eintrifft, binnen kürzester Zeit ein landesweiter Waffenstillstand möglich ist. Der Westen weiß aber auch, dass um die Bildung einer neutralen Übergangsregierung kein Weg herumführen kann, wenn ein Bürgerkrieg vermieden werden soll. Mit Karzai ist kein Frieden zu machen, der hat längst seine Glaubwürdigkeit im eigenen Volk verloren. Diese Realitäten schlicht anzuerkennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen, das wäre die Aufgabe der Bonner Konferenz - nicht mehr und nicht weniger.
Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
Bombardierte Netanjahu in Syrien die Arabische Friedensinitiative?
Wann der nächste deutsche Soldat in Afghanistan sinnlos stirbt, ist lediglich eine Frage der Zeit
Wer im Nahen Osten Frieden will, muss jetzt Hoffnung säen und Realismus zeigen
Kampfdrohnen setzen die Hemmschwelle zur militärischen Gewaltanwendung deutlich herab
Gedanken zum Tage: Ein ganz normaler Tag im Krieg
Barack Obamas neue Männer: Nur andere Gesichter oder auch eine andere Politik?
Antwort auf eine Frage von Neues Deutschland
Stolpert Deutschland in den nächsten Krieg?
Stimmen Sie gegen die Entsendung von Bundeswehrsoldaten in die Türkei
Was Afghanistan jetzt braucht, ist eine politische Lösung
Bundesregierung legt Rückschrittsbericht zu Afghanistan vor
Waffenstillstand – Wie weiter?
Der Waffenstillstand wird kommen
Deutschland im Gaza-Konflikt – Diplomatischer Bankrott
Waffenstillstand oder Bodenoffensive? Israels Ministerpräsident ist in der Zwickmühle
Geht es Netanyahu wirklich um die Raketenabschüsse?
Petraeus größter Fehler war nicht seine Affäre, sondern seine Afghanistan-Strategie
Die wichtigsten Zeitungen der USA schlagen eine Friedenslösung mit den Taliban vor
Die NATO muss jetzt jetzt die Türkei zügeln!
Plant die Bundeswehr einen Einsatz in Afghanistan über 2020 hinaus?
US-Truppenverstärkung aus Afghanistan abgezogen – So klug als wie zuvor?
Die NATO ist nach Insider-Attacken mit ihrer Strategie in Afghanistan am Ende
Benjamin Netanjahus Säbelrasseln hinterlässt auch bei vielen Israelis blankes Entsetzen
Gibt es noch eine Chance für Gespräche mit den Taliban?
Die Taliban wissen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können
Ist ein Ende der Gewalt in Syrien mit nichtmilitärischen Mitteln denkbar?
NATO-Gipfel zielt auf failed state
Afghanistan
Obama in Kabul: Nach dem Wahlkampf in den Bürgerkrieg?
Eine neue Runde im atomaren Rüstungswettlauf ist eingeläutet
Taliban-Offensive - Wer stoppt jetzt die Logik des Krieges?
Grass nach dem Hype - Was bleibt?
Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben
Hektische Diplomatie um Afghanistanabzug zeigt Konzeptionslosigkeit
Die Zeit drängt, eine diplomatische Lösung im Atomkonflikt zu finden
NATO-Einsatz in Afghanistan: Das Spiel ist aus, wir gehen nach Haus?
Keine politische Lösung für Afghanistan ohne Waffenstillstand!
Israels Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten gefährdet eine Zwei-Staaten-Lösung
Gespräche zwischen USA und Taliban werfen neue Fragen auf
Das Taliban-Büro
in Katar eine NATO-Idee?
Nur eine neutrale Übergangsregierung kann in Afghanistan einen Bürgerkrieg verhindern
Aachener Friedenspreis am Scheideweg
Europa hat für Afghanistan kein Konzept
Shorish-Plan
kann Afghanistan den Frieden bringen
Wie wird sich Afghanistan nach dem Abzug der internationalen Truppen 2014 entwickeln?
Stirbt mit Rabbanis Tod die Hoffnung auf Versöhnung?
Taliban signalisieren Verhandlungsbereitschaft - und die NATO?
Eine Petersberg-Konferenz ohne Taliban ist sinnlos
Debatte über Abzug aus Afghanistan: USA blamieren Deutschland
Nach Osamas Tod muss der Krieg in Afghanistan beendet werden
Bin Ladens Tötung - ein Signal für den Frieden?
Ist weltweiter Frieden möglich in einem kapitalistischen System – Ein Gespräch mit Otmar Steinbicker
Auf dem Weg in den nächsten Krieg? (08.03.2011)
Hat Gaddafi von der NATO abgekupfert? (04.03.2011)
Warum die NATO im 21. Jahrhundert keinen Sinn mehr macht (Aachener Nachrichten, 26.11.2010)
Verwirrende Signale um weiteren Afghanistan-Kurs (Aachener Nachrichten, 16.08.2010
Rede zur Nacht der 100.000 Kerzen
in Würselen, 05.08.2010
Pläne für Großoffensiven in Afghanistan stoßen auf Widerspruch (26.04.2010)
Der Tod der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan hätte verhindert werden können (15.04.2010)
Begründete Hoffnung auf zivile Konfliktbearbeitung in Afghanistan (Shalom-Brief 57, März 2010)
Afghanistan - Verhandeln statt Schießen (pax zeit 1/März 2010)
Der Konflikt in Afghanistan und gesellschaftliches Engagement - erschienen in: BBE-Newsletter 2/2010
Kommentar: Die 'Kommunikationskanäle zu den Taliban nutzen
(Aachener Nachrichten, 23.12.2009)
Die erste Bresche im Eisernen Vorhang, Reportage vom 19.08.1989 in Ungarn
Kommentar: Warum geht die Bundesregierung nicht auf die afghanische Friedens-Jirga zu?
Die Friedensbewegung ist quicklebendig - nicht nur zu Ostern
Gewalt beim Nato-Gipfel: Der Einsatz der Polizei wirft eine Reihe von Fragen auf
Zur Organisation der Anti-NATO-Proteste
Eine Stunde Zeit (Hörfunksendung v. 03.04.2009) mp3-Datei
Die Bundesregierung muss sich in Afghanistan vom Krieg der USA abnabeln
Iran - Sicherheitsgarantien statt Abschreckungslogik (Aachener Nachrichten, 22.12.2007)