Unmittelbar vor der Bonner Afghanistan-Konferenz zeichnen die Medien ein düsteres Bild. Wenn die ISAF-Truppen das Land verlassen, wird es Bürgerkrieg geben, klingt es unisono. Und dass die afghanische Armee auf sich allein gelassen den Aufstand erfolgreicher niederschlägt als gemeinsam mit 150.000 NATO-Soldaten, mag auf einmal keiner mehr glauben. Erstaunlich!
Die Fakten selbst sind nun wirklich nicht neu! Die sich von Jahr zu Jahr verschlechternde Sicherheitslage wurde in den Berichten der UNO-Mission realistischer gezeichnet als in den „Erfolgs“-Stories der ISAF-Pressestelle. Sie waren öffentlich zugänglich. Die Zahl der Aufständischen schien gleich zu bleiben trotz einer nach NATO-Bilanzen enormen Zahl von gezielten Tötungen von Taliban-Kämpfern und Anführern. Da war nirgends die Rede von Nachwuchsproblemen der Aufständischen. Aber das hatte der ehemalige US-Oberkommandierende in Afghanistan, General McChrystal ja schon im Sommer 2009 in seiner Analyse zu Beginn seiner Amtszeit festgestellt: „Wenn wir einen von ihnen töten, wachsen zehn nach.“ Und getötet wurden nicht nur Aufständische, sondern bei Bombardements auch eine hohe Zahl von Zivilisten.
Historiker rauften sich seit langem die Haare. Da hatte die Sowjetunion bei ihrem Abzug 1989 eine personell starke, gut ausgebildete und stark bewaffnete Armee hinterlassen, die sich dennoch gerade einmal drei Jahre gegen eine hoch motivierte Aufstandsbewegung halten konnte. Und da sollte jetzt eine allen Berichten nach zahlenmäßig schwache, schlecht ausgebildete und miserabel bewaffnete Truppe, die obendrein noch unter hohen Desertierungsraten leidet, es ernsthaft schaffen, einen Volksaufstand niederzuschlagen?
Nein, natürlich wusste man seit langem im Westen, dass dieser Krieg verloren war. Die Militärs hatten bereits seit Jahren öffentlich vor der Illusion gewarnt, dass der Krieg militärisch gewonnen werden könne. Im kleinen Kreis fielen die Analysen sehr viel schärfer aus.
Es ging und es geht dem Westen nicht um Afghanistan und seit Jahren drehen sich die Überlegungen schon um einen „gesichtswahrenden“ Abzug – gesichtswahrend etwa dahingehend, dass in den Geschichtsbüchern stehen soll, der Westen habe bis zuletzt alles getan, was möglich war und Schuld am Desaster hätten am Ende die Afghanen – die afghanische Regierung, die afghanische Armee, die afghanischen Aufständischen oder wer auch immer.
Wenn der Westen jetzt nach dem verlorenen Krieg Afghanistan noch einen letzten Dienst erweisen kann, dann den, einer Friedenslösung nicht länger im Weg zu stehen! Zwar überbieten sich die Kanzlerin, ihr Außenminister und ihr Verteidigungsminister aktuell an Erklärungen, jetzt müsse man mit „gemäßigten“ Taliban reden. Aber wer soll das sein? Vergibt die Kanzlerin persönlich den Gütestempel „gemäßigt“ an ihr genehme Personen? Wer Realitäten anerkennen will, der muss mit den Führern reden, auf die die Aufständischen hören und das ist nun einmal der 40köpfige Taliban-Rat um Mullah Omar, ob das gefällt oder nicht.
Genau dieser Taliban-Rat hat im Laufe der letzten zwei bis drei Jahre eine erstaunliche Entwicklung zu mehr Realismus vollzogen. Westliche Diplomaten bestätigen: Mädchenschulen zum Beispiel gibt es jetzt auch unbeschadet in Taliban-kontrollierten Regionen. Der Taliban-Rat hat sich zuletzt im Sommer öffentlich und eindeutig für Verhandlungen ausgesprochen und dieses Signal ist bei den westlichen Diplomaten auch angekommen. Er hat obendrein den wichtigsten Stammesführer des Landes als neutralen Vermittler anerkannt und seinen Friedensplan im Grundsatz akzeptiert.
Jetzt muss der Westen ebenfalls Realismus zeigen! Er weiß, an welche Adresse er sich wenden muss, um ernsthafte Gespräche zu führen! Er weiß auch, dass sobald beim Taliban-Rat eine Einladung zu Gesprächen eintrifft, binnen kürzester Zeit ein landesweiter Waffenstillstand möglich ist. Der Westen weiß aber auch, dass um die Bildung einer neutralen Übergangsregierung kein Weg herumführen kann, wenn ein Bürgerkrieg vermieden werden soll. Mit Karzai ist kein Frieden zu machen, der hat längst seine Glaubwürdigkeit im eigenen Volk verloren. Diese Realitäten schlicht anzuerkennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen, das wäre die Aufgabe der Bonner Konferenz - nicht mehr und nicht weniger.
Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.
Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".
So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.
Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.
Otmar Steinbicker