Otmar Steinbicker

Rede zur Nacht der 100.000 Kerzen in Würselen

05.08.2010

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,

die Diskussion um Atomwaffen ist in Deutschland ruhig und sachlich geworden.

So ruhig, dass sie in den Medien kaum noch geführt wird.

So sachlich, dass der Bundestag sich einmütig dafür ausgesprochen hat, die letzten Atomwaffen von deutschem Boden wegzuschaffen.

Beides wäre vor 25, vor 30 Jahren nicht möglich gewesen.

Lassen Sie mich einen Blick zurückwerfen auf die Diskussion der achtziger Jahre – nicht aus Nostalgie, sondern um den kritischen Blick zu schärfen.

Damals im Kalten Krieg standen sich Ost und West feindlich gegenüber mit Atomwaffenkapazitäten, die ausreichten, um die ganze Menschheit gleich mehrfach zu vernichten. Auch in unserem Land standen hunderte dieser Waffen und ab 1983 kamen neue zusätzliche hinzu, die mit ihrer Reichweite bis Moskau zum entscheidenden Auslöser für den alles vernichtenden Dritten Weltkrieg werden konnten.

Wir hatten in dieser Situation schlichte Angst ums Überleben. Manch einer hat uns damals dafür belächelt.

Natürlich waren die Eliten in Washington und Moskau keine Selbstmörder, die mal eben mit einem Atomwaffenangriff auch das eigene Land der sicheren, vollständigen Zerstörung auslieferten.

Auch, wenn der damalige US-Präsident Ronald Reagan schon mal vom Armageddon schwadronierte, dem biblischen Endkampf zwischen Gut und Böse und praktischerweise das Reich des Bösen gleich in der Sowjetunion verortete.

Nein, das größere Problem lag in einem anderen Dilemma: in der Abhängigkeit von computergestützten Frühwarnsystemen, die vor einem Angriff der Gegenseite warnen sollten. Wir wussten schon damals, dass es in den USA mehrfach zu Fehlalarmen gekommen war.Da waren auch schon mal die B-52-Bomber mit ihrer tödlichen Fracht aufgestiegen, konnten aber noch zurückbeordert werden.

Wir wussten auch: diejenigen, die damals die Pershing-2-Raketen bei uns aufstellen wollten, mussten ein grenzenloses Vertrauen in die Unfehlbarkeit sowjetischer Computertechnik haben. Wenn wir ihnen das sagten, kam manchmal Nachdenklichkeit auf.

Unsere Ängste waren nicht übertrieben. Am 26. September 1983, kurz nach Mitternacht, sah Oberst Stanislaw Petrow im sowjetischen Kontrollzentrum, wie das Frühwarnsystem einen Raketenangriff derUSA auf die UdSSR registrierte. Fünf Raketenabschüsse wurden exakt lokalisiert, doch Petrow blieb skeptisch und meldete den Vorgang nicht an die politische und militärische Führung weiter. Damit rettete er möglicherweise die Welt vor einem Atomkrieg.

Erst später stellte sich heraus, dass das satellitengestützte sowjetische Frühwarnsystem Sonnenreflexionen auf Wolken in der Nähe der Malmstrom Air Force Base in Montana, wo auch amerikanische Interkontinentalraketen stationiert waren, als Raketenstarts fehlinterpretiert hatte.

Was sagt uns diese Erfahrung heute?

Sicher, die Gefahr, dass ein Atomkrieg zwischen Russland und den USA geführt wird, ist derzeit extrem gering. Aber es gibt nicht nur diese beiden Atommächte. Mit jedem weiteren Staat, der in den Besitz von Atomwaffen kommt, wächst die Gefahr, dass diese Waffen gewollt oder versehentlich eingesetzt werden.Und nicht in jedem Führungsbunker sitzt ein Oberst Petrow!

Mit der zunehmenden Bereitschaft des Westens, politische Konflikte weltweit militärisch zu lösen – eine Bereitschaft, die in den strategischen Überlegungen der NATO, aber auch im Weißbuch der Bundeswehr zum Ausdruck kommt – wächst die Zahl der Staaten, die hoffen, mit dem Besitz von Atomwaffen ihrer Bedrohung zu entgehen.

Mit der Entwicklung kleinerer Atomwaffen durch die USA – Atomwaffen, die mit geringerer Sprengkraft und dosierter Strahlung kriegseinsatztauglich werden sollen – wächst die Gefahr, dass diese Waffen auch bewusst und zielgerichtet eingesetzt werden.

Wenn wir die heutige Situation mit der vor 25, 30 Jahren vergleichen, dann ist die Gefahr, dass Atomwaffen eingesetzt werden, nicht geringer, sondern größer geworden. Nur unsere Angst ist geringer geworden, weil wir nicht mehr so genau hinschauen.

Nur durch Gewaltverzicht und die Abschaffung aller Atomwaffen in allen Staaten lässt sich verhindern, dass Atomwaffen noch einmal zum Einsatz kommen.

Wenn wir realistisch sehen, dass das nicht in einem einzigen Schritt zu realisieren ist, so lassen Sie uns Schritt für Schritt vorgehen:

• mit der Realisierung des Bundestagsbeschlusses, keine Atomwaffen mehr in Deutschland zu stationieren

• mit konsequentem Verzicht auf die Umstrukturierung der Bundeswehr zur weltweiten Interventionsarmee

• mit der Realisierung von atomwaffenfreien Zonen, zum Beispiel im Nahen und Mittleren Osten unter Einschluss von Iran und Israel

• mit drastischen Reduzierungen der Arsenale der Atommächte mit der realen Perspektive der vollständigen Abrüstung dieser Waffen.

Nur so können und müssen wir verhindern, dass der Schrecken von Hiroshima und Nagasaki nicht erneut Wirklichkeit wird.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

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