Otmar Steinbicker

Die Zeit drängt, eine diplomatische Lösung im Atomkonflikt zu finden

Aachener Nachrichten, 03.03.2012

Die gute Nachricht kam am Donnerstag überraschend: Nordkorea will alle Nukleartests stoppen! Auch wenn das eine Absichtserklärung und noch nicht das Endergebnis ist, so zeigt sich hier doch die realistische Möglichkeit, zu einer diplomatischen Lösung zu kommen, bei der ein Interessenausgleich nicht nur zwischen den USA und Nordkorea gefunden wird.

Die gute Nachricht ermutigt hoffentlich, auch im Streit um das iranische Atomprogramm nach einer ernsthaften Lösung diesseits von Krieg und Atomwaffen zu suchen. Die hochkomplexe Materie dieses Konflikts eignet sich weder für Schwarzweiß-Bilder noch für Rambo-Szenarien. Der Atomwaffensperrvertrag, den Iran unterzeichnet hat, erlaubt die Nutzung und Weiterentwicklung der Atomenergie für vorgeblich friedliche Zwecke. Die Urananreicherung, die im Fall Irans problematisiert wird, basiert auf der gleichen Technologie wie im deutschen Gronau. Dennoch steht der Iran nicht unbegründet im Verdacht, insgeheim an Atomwaffen zu arbeiten. Ob er es tut und wieweit eventuell die Arbeiten gediehen sind, darüber streiten die Experten. Der US-Geheimdienst CIA verneinte zuletzt, dass Iran schon bald über Atomwaffen verfügen könne.

Wie auch immer: Die Zeit drängt, eine diplomatische Lösung zu finden, bevor Iran Atomwaffen besitzt oder die USA oder Israel versuchen, das Problem militärisch anzugehen, was nicht zu einer Lösung, sondern nur zu einer unabsehbaren Katastrophe für die gesamte Region des Nahen und Mittleren Ostens führen dürfte.

Leicht wird eine solche Lösung nicht sein! Da gibt es vielerlei Interessen zu berücksichtigen, vor allem aber Sicherheitsinteressen Irans und Israels. Iran sieht sich zunehmend von den USA bedroht und sucht möglicherweise sein Heil in klassischer atomarer Abschreckung als Überlebensgarantie. Wenn die eigenen Waffen nicht bis in die USA reichen, könnte Israel als Geisel dienen. Israel sieht sich im möglichen Schatten iranischer Atomraketen bedroht, möchte aber auf die eigenen vermutlich 200 Atomsprengköpfe, die auch Iran bedrohen können, nicht verzichten.

Es gibt Stimmen, die sagen: Wenn Israel nicht auf Atomwaffen verzichten will, dann soll auch Iran Atomwaffen haben dürfen. Da beide keinen Selbstmord begehen wollen, werden sie schon keinen Atomkrieg anzetteln. Schließlich hatten auch die USA und die UdSSR im kalten Krieg davor zurückgeschreckt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Am Freitag vergangener Woche wurde der ehemalige sowjetische Oberstleutnant Stanislaw Petrow mit dem Deutschen Medienpreis ausgezeichnet, weil er im September 1983 möglicherweise die Welt vor einem Atomkrieg gerettet hat. Petrow sah damals als verantwortlicher Offizier im sowjetischen Abwehrzentrum Meldungen von Raketenstarts in den USA und verzichtete darauf, den vorgeschriebenen Alarm auszulösen. Die vermeintlichen Raketenstarts entpuppten sich sehr viel später als seltene Sonnenspiegelungen, die von den Computern fehlinterpretiert wurden. Am Donnerstag - zeitgleich zur Nachricht aus Nordkorea - öffnete das Nationale Sicherheits-Archiv der USA früher geheime Akten über ähnliche Fehlalarme in den USA in den Jahren 1979 und 1980. Offensichtlich hatte die Welt mehr als einen Petrow und mehr als einmal Glück gehabt. Petrow und seine US-Kollegen hatten damals eine Vorwarnzeit von 20 Minuten, um Fehlalarme aufzuklären, Iran und Israel hätten nur einen kleinen Bruchteil dieser Zeit!

Besteht überhaupt die Möglichkeit für eine diplomatische Lösung im Atomstreit mit dem Iran, wie sie Persönlichkeiten aus der deutschen Friedensbewegung und Friedensforschung jetzt in einem dringenden Appell fordern?

Christoph Bertram, als langjähriger Direktor des NATO-nahen Londoner Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) nicht der Zugehörigkeit zur Friedensbewegung verdächtig, kommentierte am 21. Februar in Zeit-online: Im Atomstreit mit Teheran gibt es genug Möglichkeiten für tragfähige Kompromisse. Doch der Westen ist nicht bereit, sie ernsthaft zu erwägen. Wenn er Recht hat, ist schnelles Umdenken gefragt!

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


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