Die strategische Lage der NATO in Afghanistan ist desaströs und erscheint zumindest auf den ersten Blick praktisch aussichtslos.
Das mit viel Trommelwirbel verkündete strategische Konzept des Partnering
, des gemeinsamen Kampfes von NATO-Ausbildern mit afghanischen Einheiten, sollte den Einstieg in den Ausstieg bilden. Bis 2014 sollte die so geschulte afghanische Armee allein in der Lage sein, die Sicherheit im Lande zu gewährleisten. Die NATO könnte daraufhin ihre Truppen gesichtswahrend abziehen.
Dieses Konzept ist kläglich gescheitert. Immer häufiger drehen afghanische Soldaten ihre Waffen um und schießen auf ihre ausländischen Ausbilder. Vier US- und zwei britische Soldaten starben am vergangenen Wochenende bei solchen Insider-Attacken
, 15 Tote zählte man im letzten Monat, 51 seit Jahresbeginn.
Als vor wenigen Wochen der Oberbefehlshaber der US-Armee, General Martin Dempsey nach Afghanistan reiste, um sich selbst ein Bild von dieser dramatischen Entwicklung zu machen, wurde sein Flugzeug beschossen, er selbst blieb unverletzt. Doch das Signal war unübersehbar: Wenn die US-Armee in Afghanistan nicht einmal in der Lage ist, das Flugzeug ihres Oberbefehlshabers zu schützen, wie soll sie dann in der Lage sein, Afghanen zu beschützen?
Die Taliban rühmen sich inzwischen, genügend eigene Kämpfer in die afghanische Armee eingeschleust zu haben, um eine Vielzahl weiterer dieser gefürchteten Angriffe ausführen zu können. Dass eine solche Infiltrierung der einzige Grund dafür ist, dass afghanische Soldaten ihre Gewehre gegen NATO-Soldaten richten, darf durchaus bezweifelt werden. Schon der ehemalige US-Oberbefehlshaber General Stanley McCrystal hatte im August 2009 in seiner schonungslosen Analyse früherer Fehler der USA und der NATO im Afghanistankrieg auch fehlenden Respekt vor der afghanischen Kultur eingeräumt. Somit dürfte auch der eilends angeordneten Säuberung der afghanischen Armee vor allem von paschtunischen Soldaten nur beschränkter Erfolg beschieden sein.
Welche strategischen Optionen bleiben den USA und der NATO noch in Afghanistan?
• Die Strategie der großen Bombardements ist bereits 2009 gescheitert. Sie führte, wie McCrystal aufzeigte, den Taliban nur neue Rekruten aus den Reihen der Angehörigen der Opfer zu.
• Die von McCrystal propagierte Strategie der Großoffensiven ist 2010 ebenfalls gescheitert. Die Taliban zogen sich aus den jeweiligen Gebieten zurück und schlugen andernorts zu.
• Die von seinem Nachfolger Petraeus entwickelte Strategie des Partnering
ist 2012 gescheitert.
Bleibt noch:
• der fortgesetzte Drohnenkrieg. Diese Anschläge unterscheiden sich von den Straßenbomben der Taliban letztlich nur in der Wahl der technischen Mittel. Mit solchen Anschlägen mag man auf eine Zermürbung setzen, ein Krieg lässt sich damit nicht gewinnen.
• die Aufstellung irregulärer Milizen. Mit dieser Taktik versuchen vor allem die USA, teilweise auch die NATO neue Verbündete zu gewinnen. Neben den Privatmilizen ehemaliger Warlords werden auch Kampfverbände der Taliban angeworben. So hat die Bundeswehr im Problembezirk Chadarrah nahe Kunduz, wo die meisten Bundeswehr-Soldaten getötet wurden, die bisherigen Talibantruppen als Milizen in Dienst gestellt. Wie lange diese Milizen ihren Auftraggebern treu bleiben, ist eine andere Frage. Mit Sicherheit hält die Loyalität bestenfalls solange, wie der Sold fließt. Auch die UdSSR hatte in der Schlussphase ihres Afghanistankrieges auf die Aufstellung von Dorfmilizen gesetzt. Den Ausgang des Krieges konnte diese Taktik nicht beeinflussen. Sie ist eher geeignet, das Chaos in einem drohenden Bürgerkrieg zu verstärken.
Welche der verbleibenden Optionen die NATO auch wählt, eine Konsequenz bleibt: Der Krieg ist und bleibt verloren. Offen bleiben dabei nur noch die Zahl der Todesopfer bis zum offiziellen Ende des Krieges und die Ausgangslage für ein Nachkriegs-Afghanistan.
Unter diesen Bedingungen verliert für immer mehr Beobachter die Perspektive eines schnellen und vollständigen Abzugs der NATO-Truppen an Schrecken. Er würde die Kampfhandlungen und damit die Zahl der dabei zu erwartenden Todesopfer auf allen Seiten drastisch reduzieren.
Die drohende Perspektive eines Bürgerkrieges ist allerdings keine zwangsläufige Entwicklung! Es gibt seit mehr als vier Jahren – vor allem in den traditionellen Stammesstrukturen – vielfältige Bestrebungen, zu einem Dialog auch mit der Aufstandsbewegung der Taliban zu kommen, ohne Errungenschaften der Zivilgesellschaft wie Frauenrechte und Schulbildung aufs Spiel zu setzen. Der Friedensplan des wichtigsten afghanischen Stammesführers Naqibullah Shorish, der mehr als 3 Millionen Angehörige des Kharoti-Stammes repräsentiert, wird inzwischen auch im Wesentlichen von den Taliban akzeptiert.
Haqqani signalisiert Bereitschaft zu Friedenslösung
Erst kürzlich hat auch Jalaluddin Haqqani, der Chef der militärisch stärksten Taliban-Formation des Haqqani-Netzwerks, Shorish ausrichten lassen, das er – trotz des Todes seines Sohnes Sirajuddin bei einem US-Drohnenanschlag – auf der Linie des Shorish-Friedensplans zu einer Verhandlungslösung bereit ist.
Dass man im Westen solchen Nachrichten eher skeptisch gegenübersteht, ist verständlich. Doch bevor man vorschnell solche Gesprächsangebote ablehnt, sollte man gründlicher den möglichen Friedenswillen sondieren. In Nordirland war es möglich, die terroristische IRA und ihre nicht minder terroristischen Widerparts auf protestantischer Seite in eine tragende Friedenslösung einzubinden. In Afghanistan sollte man angesichts fehlender eigener Perspektiven einen solchen Versuch nicht außer Acht lassen.
Geheimgespräche zwischen ISAF-Offizieren und hohen Taliban-Führern im Sommer 2010 haben überdies gezeigt, dass bei entsprechendem politischen Willen auf beiden Seiten, erstaunlich schnell realistische und praktikable Lösungen gefunden werden können.
Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
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