Otmar Steinbicker

Eine Petersberg-Konferenz ohne Taliban ist sinnlos

24.07.2011

Für Anfang Dezember lädt die Bundesregierung zu einer großen Afghanistan-Konferenz auf den Bonner Petersberg ein. Insgesamt über 1.000 Delegierte aus 90 Staaten werden erwartet. Die Leitung der Konferenz soll die afghanische Regierung übernehmen.

Drei Themenschwerpunkte sollen nach Angaben der Bundesregierung im Vordergrund stehen:

• die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanische Regierung bis 2014;

• das weitere internationale Engagement für Afghanistan im Anschluss daran

• und der politische Prozess, also die innerafghanische Aussöhnung und Integration ehemaliger Taliban-Kämpfer.

Ausdrücklich wird die angekündigte Konferenz als Folgekonferenz zehn Jahre nach der Petersberger Konferenz von 2001 bezeichnet.

Um was ging es damals und um was geht es heute?

Als sich am 27. November 2001 die Teilnehmer der ersten Petersberger Konferenz trafen, waren gerade die Taliban besiegt und nach Pakistan vertrieben worden. Damals ging es darum, eine Übergangsregierung zu bilden, an an der alle bedeutenden Volks- und Interessengruppen beteiligt sein sollten. Die Idee war gut, die Ausführung unzureichend.

Bestimmend in dieser Konferenz war die gegen die Taliban siegreiche Nordallianz, die zu diesem Zeitpunkt bereits de facto die Macht in Afghanistan ausübte. Sie gab vor, die Interessen der Tadschiken, Usbeken und Hazara zu vertreten. In der größten Bevölkerungsgruppe, den Paschtunen, hatte die Nordallianz so gut wie keine Anhänger. Auch die Paschtunen waren in Bonn vertreten, vor allem durch den aus seinem langjährigen römischen Exil angereisten ehemaligen afghanischen König Mohammed Zahir und seine Gefolgschaft. In Afghanistan hatte diese Gruppe bereits seit Mitte der siebziger Jahre keinen nennenswerten Einfluss mehr. Nicht vertreten waren die Taliban und auch so gut wie nicht ihr traditionelles Umfeld in den paschtunischen Stämmen. Die Posten in der anschließend gebildeten Übergangsregierung wurden entsprechend vergeben: Einige Schlüsselpositionen wurden de facto von westlichen Regierungen mit ihnen genehmen Exilpolitikern nichtpaschtunischer Herkunft besetzt, andere gingen direkt an Vertreter der Nordallianz, darunter auch einige berüchtigte Warlords und Kriegsverbrecher.

Die Ergebnisse der ersten Petersberger Konferenz trugen wesentlich mit dazu bei, dass sich schon bald der Aufstand gegen die als Besatzung empfundenen internationalen Truppen entwickelte und ausbreitete und die Taliban, deren Vertreibung ganz Afghanistan als Befreiung erlebt hatte, wieder zurückkehren konnten und von vielen Afghanen allmählich als kleineres Übel akzeptiert wurden.

Heute, zehn Jahre nach der ersten Petersberger Konferenz ist Afghanistan innerlich zerrissen. Die von den Taliban dominierte Aufstandsbewegung hat weite Teile desLandes erfasst und damit deutlich gemacht, dass dass sie ein nicht zu unterschätzender Faktor im Land ist. Die von US-General Petraeus verkündete Strategie, die Taliban-Führer zu töten, haben die Taliban umgedreht und mit zum Teil spektakulären Anschlägen gegen prominente Regierungsvertreter demonstriert, dass sie auf diese Weise von der NATO nicht zu zerstören sind. Die NATO wiederum acht wiederum mit ihren Bombardements deutlich, dass auch die Taliban nicht siegen können.

Den Realitäten Rechnung tragen

Für eine zweite Petersberger Konferenz steht daher die Aufgabe im Raum, den Realitäten Rechnung zu tragen und nach einer politischen Verhandlungslösung zu suchen.

Bereits im Fortschrittsbericht Afghanistan der Bundesregierung vom Dezember 2010 hieß es: Auch wenn die von den Vereinten Nationen mandatierte internationale Militärpräsenz einen entscheidenden Beitrag in Afghanistan leistet, kann der dortige Konflikt nicht allein militärisch gelöst werden. Der Weg zu einem stabilen und sicheren Staat erfordert letztlich eine 'politische Lösung', einen Prozess der Verständigung und des politischen Ausgleichs mit der Insurgenz. ( S.62).

Wenn man den politischen Ausgleich mit der Insurgenz will, muss man mit der Insurgenz, also den Aufständischen, sprechen und wenn man eine Konferenz zur Lösung des Afghanistankonflikts einberuft, dann muss man dorthin auch die Vertreter der Insurgenz einladen! Ob aber Vertreter der Taliban zu dieser Konferenz eingeladen werden und falls ja. ob sie auch teilnehmen werden, ist derzeit völlig offen.

Seit einigen Monaten gibt es bereits Pressespekulationen über Gespräche zwischen Regierungsvertretern von NATO-Staaten und Taliban. Am 22. Mai 2011 meldete Spiegel-online: Der deutsche Spitzendiplomat Michael Steiner, Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Pakistan und Afghanistan, moderiert die derzeit stattfindenden Geheimgespräche zwischen der US-Regierung und den afghanischen Taliban. Angeblich verhandeln die beiden Kriegsgegner bereits seit Herbst 2010.

Erstaunlich! Denn ernsthafte Gespräche zwischen Taliban-Abgesandten von Mullah Omar und ISAF-Offizieren hatte es im Juli und August vergangenen Jahres in Kabul gegeben. Sie waren durch Vermittler aus der afghanischen und deutschen Friedensbewegung zustande gekommen. Im Oktober wurden sie von ISAF abgebrochen mit der Begründung, dass nur noch über Reintegration gesprochen werden dürfe, nicht aber über Reconciliation (Versöhnung). Stattdessen präsentierte US-General David Petraeus kurz darauf vor der Presse einen Gesprächspartner der Taliban, der sich schnell als pakistanischer Gemüsehändler und Hochstapler herausstellte.

Sind die derzeitigen Gespräche unter Beteiligung des Auswärtigen Amtes ein ebensolcher Fake? Wohl nicht, denn als Gesprächspartner wird Tayyeb Agha, ein ehemaliger Sprecher von Mullah Omar, der in Pakistan lebt, genannt. Doch ob dieser noch enge Kontakte zu der aktuellen Taliban-Führung hat, ist nicht bekannt und wird von einigen Kennern der Szene bezweifelt.

Ein Interview in der taz vom 8. Juli 2011 ließ allerdings aufhorchen. Das Gespräch zwischen dem früheren Taliban-Botschafter Mullah Abdul Salam Zaeef und Karsai-Berater Mohammad Masoom Stanekzai machte überraschend deutlich, wie sehr zumindest diese beiden in Fragen eines Versöhnungsprozesses einander nahe kommen.

Doch hat Mullah Zaeef, der unter dem Schutz der Karsai-Regierung in Kabul lebt, ein Verhandlungsmandat der Taliban oder spricht er nur für sich selbst? Wollen die Taliban überhaupt ernsthaft verhandeln? Noch dementieren sie offiziell alle Gespräche. Und der Westen? Will er wirklich mit den Taliban verhandeln oder nur mit Überläufern? Alle entscheidenden Frage bleiben bisher leider offen.

Wie lässt sich Licht ins Dunkle bringen?

Wenn beide Seiten ernsthafte Gespräche mit dem Ziel aufnehmen wollen, Verhandlungen über eine Friedenslösung zu führen, dann sollten beide Seiten auch keine Zweifel an ihrer Verhandlungsbereitschaft aufkommen lassen. Ein Lackmustest für eine solche Bereitschaft und zugleich für die Seriösität der Gesprächspartner wäre ein von beiden Seiten zu vereinbarender und einzuhaltender Waffenstillstand, wenn nicht gleich für ganz Afghanistan, dann zumindest für eine definierte Region.

Einen solchen Versuch hatte es bereits 2009 gegeben. Damals kam es auf Initiative von Vermittlern aus der afghanischen und deutschen Friedensbewegung zu einem Waffenstillstandsangebot der Taliban für die Region Kundus und in Zusammenhang mit Gesprächen auf hoher NATO-Ebene zu einem zeitweisen einseitigen Waffenstillstand der Taliban in dieser Region. Diese Bemühungen scheiterten leider an fehlender Bereitschaft der NATO und auch der Bundesregierung.

Wenn es irgendwann ernsthafte Verhandlungen über eine Friedenslösung für Afghanistan geben soll, dann braucht es mit Sicherheit auch eine internationale Verhandlungsebene und eine Neuauflage der Petersberg-Konferenz. Ob die aktuellen Vorbereitungen auf eine solche Konferenz schon im Dezember ohne einen Waffenstillstand und ohne autorisierte Verhandlungsführer auf Seiten der Taliban hilfreich sind, darf bezweifelt werden.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Otmar Steinbicker

Bombardierte Netanjahu in Syrien die Arabische Friedensinitiative?

Wann der nächste deutsche Soldat in Afghanistan sinnlos stirbt, ist lediglich eine Frage der Zeit

Wer im Nahen Osten Frieden will, muss jetzt Hoffnung säen und Realismus zeigen

Kampfdrohnen setzen die Hemmschwelle zur militärischen Gewaltanwendung deutlich herab

Gedanken zum Tage: Ein ganz normaler Tag im Krieg

50 Jahre nach dem Élysée-Vertrag: Herausforderungen für die deutsche und französische Friedensbewegung

Barack Obamas neue Männer: Nur andere Gesichter oder auch eine andere Politik?

Antwort auf eine Frage von Neues Deutschland

Stolpert Deutschland in den nächsten Krieg?

Stimmen Sie gegen die Entsendung von Bundeswehrsoldaten in die Türkei

Was Afghanistan jetzt braucht, ist eine politische Lösung

Bundesregierung legt Rückschrittsbericht zu Afghanistan vor

Waffenstillstand – Wie weiter?

Der Waffenstillstand wird kommen

Deutschland im Gaza-Konflikt – Diplomatischer Bankrott

Waffenstillstand oder Bodenoffensive? Israels Ministerpräsident ist in der Zwickmühle

Geht es Netanyahu wirklich um die Raketenabschüsse?

Petraeus größter Fehler war nicht seine Affäre, sondern seine Afghanistan-Strategie

Die wichtigsten Zeitungen der USA schlagen eine Friedenslösung mit den Taliban vor

Die NATO muss jetzt jetzt die Türkei zügeln!

Plant die Bundeswehr einen Einsatz in Afghanistan über 2020 hinaus?

US-Truppenverstärkung aus Afghanistan abgezogen – So klug als wie zuvor?

Die NATO ist nach Insider-Attacken mit ihrer Strategie in Afghanistan am Ende

Benjamin Netanjahus Säbelrasseln hinterlässt auch bei vielen Israelis blankes Entsetzen

Gibt es noch eine Chance für Gespräche mit den Taliban?

Die Taliban wissen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können

Ist ein Ende der Gewalt in Syrien mit nichtmilitärischen Mitteln denkbar?

NATO-Gipfel zielt auf failed state Afghanistan

Hollandes Tage der Wahrheit

Obama in Kabul: Nach dem Wahlkampf in den Bürgerkrieg?

Eine neue Runde im atomaren Rüstungswettlauf ist eingeläutet

Taliban-Offensive - Wer stoppt jetzt die Logik des Krieges?

Grass nach dem Hype - Was bleibt?

Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben

Hektische Diplomatie um Afghanistanabzug zeigt Konzeptionslosigkeit

Die Zeit drängt, eine diplomatische Lösung im Atomkonflikt zu finden

NATO-Einsatz in Afghanistan: Das Spiel ist aus, wir gehen nach Haus?

Keine politische Lösung für Afghanistan ohne Waffenstillstand!

Israels Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten gefährdet eine Zwei-Staaten-Lösung

Gespräche zwischen USA und Taliban werfen neue Fragen auf

Das Taliban-Büro in Katar eine NATO-Idee?

Nur eine neutrale Übergangsregierung kann in Afghanistan einen Bürgerkrieg verhindern

Aachener Friedenspreis am Scheideweg

Loya Jirga statt Loya Jirga

Europa hat für Afghanistan kein Konzept

Shorish-Plan kann Afghanistan den Frieden bringen

Wie wird sich Afghanistan nach dem Abzug der internationalen Truppen 2014 entwickeln?

Stirbt mit Rabbanis Tod die Hoffnung auf Versöhnung?

Taliban signalisieren Verhandlungsbereitschaft - und die NATO?

Eine Petersberg-Konferenz ohne Taliban ist sinnlos

Debatte über Abzug aus Afghanistan: USA blamieren Deutschland

Nach Osamas Tod muss der Krieg in Afghanistan beendet werden

Bin Ladens Tötung - ein Signal für den Frieden?

Ist weltweiter Frieden möglich in einem kapitalistischen System – Ein Gespräch mit Otmar Steinbicker

Obama tötet seinen Kronzeugen

Obamas Rochade

Ein deutscher Sonderweg für Afghanistan! - Rede auf der Ostermarschkundgebung in Saarbrücken am 23.04.2011

Wenn es der Bundesregierung mit ihrer Kriegsverweigerung ernst ist, muss sie in Afghanistan Konsequenzen ziehen(20.03.2011)

Auf dem Weg in den nächsten Krieg? (08.03.2011)

Brauchen wir noch die Bundeswehr und wenn ja wofür? Darüber muss debattiert werden! (Aachener Nachrichten, 05.03.2011)

Hat Gaddafi von der NATO abgekupfert? (04.03.2011)

Verhandlungen in Afghanistan - Die realistischere Alternative
Informationsblatt (Bund für soziale Verteidigung)

Im zehnten Kriegsjahr ist der Westen von einem militärischen Sieg weiter entfernt als je zuvor (Aachener Nachrichten, 24.01.2011)

Warum die NATO im 21. Jahrhundert keinen Sinn mehr macht (Aachener Nachrichten, 26.11.2010)

Eine Verhandlungslösung für Afghanistan scheint möglich - Ein Beitrag für Friedensforum (Ausgabe 6/2010)

Verhandlungen mit den Taliban: Kommt jetzt Realismus in die Afghanistan-Debatte? (Aachener Nachrichten, 07.10.2010)

Verwirrende Signale um weiteren Afghanistan-Kurs (Aachener Nachrichten, 16.08.2010

Rede zur Nacht der 100.000 Kerzen in Würselen, 05.08.2010

8. Mai - Afghanistan - Rückblick auf einen verlorenen Krieg. Rede bei der Gedenkkundgebung in Würselen am 8. Mai 2010

Pläne für Großoffensiven in Afghanistan stoßen auf Widerspruch (26.04.2010)

Der Tod der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan hätte verhindert werden können (15.04.2010)

Die internationale Gemeinschaft steht in Afghanistan vor einem Scheideweg (Aachener Nachrichten, 20.03.2010)

Begründete Hoffnung auf zivile Konfliktbearbeitung in Afghanistan (Shalom-Brief 57, März 2010)

Afghanistan - Verhandeln statt Schießen (pax zeit 1/März 2010)

Der Konflikt in Afghanistan und gesellschaftliches Engagement - erschienen in: BBE-Newsletter 2/2010

Kommentar: Wozu soll eine Bundeswehr dienen, die nicht der Verteidigung dient? (Aachener Nachrichten, 06.02.2010)

Kommentar: Die 'Kommunikationskanäle zu den Taliban nutzen (Aachener Nachrichten, 23.12.2009)

Kommentar: Neue US-Strategie für Afghanistan: Bundeswehrsoldaten als Zielscheiben? (Aachener Nachrichten, 11.11.2009)

Kommentar: Die Entscheidung für einen Abzug aus Afghanistan muss jetzt schnell fallen (Aachener Nachrichten, 17.09.2009)

Die erste Bresche im Eisernen Vorhang, Reportage vom 19.08.1989 in Ungarn

Kommentar: Warum geht die Bundesregierung nicht auf die afghanische Friedens-Jirga zu?

Die Friedensbewegung ist quicklebendig - nicht nur zu Ostern

Gewalt beim Nato-Gipfel: Der Einsatz der Polizei wirft eine Reihe von Fragen auf

Zur Organisation der Anti-NATO-Proteste

Eine Stunde Zeit (Hörfunksendung v. 03.04.2009) mp3-Datei

Die Bundesregierung muss sich in Afghanistan vom Krieg der USA abnabeln

Iran - Sicherheitsgarantien statt Abschreckungslogik (Aachener Nachrichten, 22.12.2007)