Otmar Steinbicker

Verhandlungen mit den Taliban: Kommt jetzt Realismus in die Afghanistan-Debatte?

Aachener Nachrichten, 07.10.2010

Wie die New York Times in der vergangenen Woche berichtete, sieht der amerikanische Oberbefehlshaber, General David Petraeus in einem Friedensschluss mit den Taliban die Voraussetzung für den Abzug der internationalen Truppen. Petraeus machte klar, dass ein Sieg gegen die Aufständischen unmöglich und ein Friedensabkommen der einzige Ausweg sei. Wir unterstützen das, so wie wir es im Irak getan haben, so wie Großbritannien es in Nordirland getan hat, sagte der General und fügte hinzu: Auf diese Art beendet man Aufstände.

Ist aus dem hartgesottenen Krieger, der noch vor wenigen Monaten die ISAF-Soldaten aufforderte, ihre Zähne in das Fleisch der Aufständischen zu rammen, über Nacht eine Friedenstaube geworden?

Wohl kaum, es ist eher Realismus, der Petraeus umtreibt. Damit stünde er nicht allein. Das Londoner Institut für Strategische Studien (IISS), der führende Thinktank für Militärthemen, kam Anfang September in einer Studie zu dem Ergebnis, auf der gegenwärtigen Strategie zu beharren, berge die Gefahr, durch überholte Vorstellungen in ein langwieriges Desaster hineingezogen zu werden. Die Zukunft liege eindeutig in Verhandlungen zwischen den Beteiligten des Konflikts. Der IISS-Bericht schlägt sogar vor, die westlichen Truppen sollten sich darauf beschränken, Kabul und das nördliche Afghanistan zu halten, das größtenteils von Tadschiken und Usbeken besiedelt ist. Das südliche Afghanistan sollten sie dagegen den Taliban überlassen, bis die Errichtung eines lose verbundenen, dezentralisierten Bundesstaates möglich sei.

Nach einer jüngsten Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung in Afghanistan, bejahten 74 Prozent der Befragten, dass mit den Taliban verhandelt werden solle und 61 Prozent wollten, dass man die Taliban an einer künftigen Machtstruktur beteiligt.

Wenn Petraeus sein Beispiel Nordirland ernst nimmt, dann schließt dieses die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung der Taliban ein – für die politische Debatte in Deutschland ein Tabubruch! Aber wenn die NATO, wie Petraeus sagt, bereits Gespräche mit den Taliban führt, muss er aus diesen wohl den Eindruck gewonnen haben, dass das möglich ist.

Allerdings ist die Problematik des Afghanistankonfliktes deutlich komplexer. Nötig sind gleich drei unterschiedliche Verhandlungsebenen, die gleichzeitig angegangen werden müssen und die sich durchdringen.

1. Verhandlungen zwischen NATO und Aufständischen über einen umfassenden Waffenstillstand, der die komplizierten innerafghanischen Verhandlungen erleichtert und einen schnellen und reibungslosen Abzug der internationalen Truppen ermöglicht.

2. Verhandlungen zwischen den verschiedenen Spektren der afghanischen Gesellschaft – den politischen Parteien, den unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften, den verschiedenen Stämmen und Nationalitäten. In diese Verhandlungen müssen auch die Taliban eingebunden sein.

3. Verhandlungen schließlich auch zwischen Afghanistan, seinen Nachbarstaaten und den den ständigen Mitgliedern des UNO-Sicherheitsrates. Das Beispiel der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) kann hier als Muster dienen, Friedenslösungen zu finden, die von allen Nachbarstaaten und ausländischen Mächten akzeptiert und garantiert werden.

Dass diese Verhandlungen nicht einfach werden, liegt auf der Hand. Es darf keine Rückkehr zu einer verbrecherischen Herrschaft geben, wie die Taliban sie vor 2001 praktizierten und kein Beibehalten der Korruption, wie die Regierung Karsai gegenwärtig praktiziert.

An erster Stelle muss daher jetzt die Vereinbarung über einen Waffenstillstand stehen. Auf Provinzebene können dann Erfahrungen mit gemeinsamer Verwaltung gewonnen und Probleme gelöst werden, bevor auf nationaler Ebene Lösungen beschlossen werden.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Otmar Steinbicker

Bombardierte Netanjahu in Syrien die Arabische Friedensinitiative?

Wann der nächste deutsche Soldat in Afghanistan sinnlos stirbt, ist lediglich eine Frage der Zeit

Wer im Nahen Osten Frieden will, muss jetzt Hoffnung säen und Realismus zeigen

Kampfdrohnen setzen die Hemmschwelle zur militärischen Gewaltanwendung deutlich herab

Gedanken zum Tage: Ein ganz normaler Tag im Krieg

50 Jahre nach dem Élysée-Vertrag: Herausforderungen für die deutsche und französische Friedensbewegung

Barack Obamas neue Männer: Nur andere Gesichter oder auch eine andere Politik?

Antwort auf eine Frage von Neues Deutschland

Stolpert Deutschland in den nächsten Krieg?

Stimmen Sie gegen die Entsendung von Bundeswehrsoldaten in die Türkei

Was Afghanistan jetzt braucht, ist eine politische Lösung

Bundesregierung legt Rückschrittsbericht zu Afghanistan vor

Waffenstillstand – Wie weiter?

Der Waffenstillstand wird kommen

Deutschland im Gaza-Konflikt – Diplomatischer Bankrott

Waffenstillstand oder Bodenoffensive? Israels Ministerpräsident ist in der Zwickmühle

Geht es Netanyahu wirklich um die Raketenabschüsse?

Petraeus größter Fehler war nicht seine Affäre, sondern seine Afghanistan-Strategie

Die wichtigsten Zeitungen der USA schlagen eine Friedenslösung mit den Taliban vor

Die NATO muss jetzt jetzt die Türkei zügeln!

Plant die Bundeswehr einen Einsatz in Afghanistan über 2020 hinaus?

US-Truppenverstärkung aus Afghanistan abgezogen – So klug als wie zuvor?

Die NATO ist nach Insider-Attacken mit ihrer Strategie in Afghanistan am Ende

Benjamin Netanjahus Säbelrasseln hinterlässt auch bei vielen Israelis blankes Entsetzen

Gibt es noch eine Chance für Gespräche mit den Taliban?

Die Taliban wissen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können

Ist ein Ende der Gewalt in Syrien mit nichtmilitärischen Mitteln denkbar?

NATO-Gipfel zielt auf failed state Afghanistan

Hollandes Tage der Wahrheit

Obama in Kabul: Nach dem Wahlkampf in den Bürgerkrieg?

Eine neue Runde im atomaren Rüstungswettlauf ist eingeläutet

Taliban-Offensive - Wer stoppt jetzt die Logik des Krieges?

Grass nach dem Hype - Was bleibt?

Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben

Hektische Diplomatie um Afghanistanabzug zeigt Konzeptionslosigkeit

Die Zeit drängt, eine diplomatische Lösung im Atomkonflikt zu finden

NATO-Einsatz in Afghanistan: Das Spiel ist aus, wir gehen nach Haus?

Keine politische Lösung für Afghanistan ohne Waffenstillstand!

Israels Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten gefährdet eine Zwei-Staaten-Lösung

Gespräche zwischen USA und Taliban werfen neue Fragen auf

Das Taliban-Büro in Katar eine NATO-Idee?

Nur eine neutrale Übergangsregierung kann in Afghanistan einen Bürgerkrieg verhindern

Aachener Friedenspreis am Scheideweg

Loya Jirga statt Loya Jirga

Europa hat für Afghanistan kein Konzept

Shorish-Plan kann Afghanistan den Frieden bringen

Wie wird sich Afghanistan nach dem Abzug der internationalen Truppen 2014 entwickeln?

Stirbt mit Rabbanis Tod die Hoffnung auf Versöhnung?

Taliban signalisieren Verhandlungsbereitschaft - und die NATO?

Eine Petersberg-Konferenz ohne Taliban ist sinnlos

Debatte über Abzug aus Afghanistan: USA blamieren Deutschland

Nach Osamas Tod muss der Krieg in Afghanistan beendet werden

Bin Ladens Tötung - ein Signal für den Frieden?

Ist weltweiter Frieden möglich in einem kapitalistischen System – Ein Gespräch mit Otmar Steinbicker

Obama tötet seinen Kronzeugen

Obamas Rochade

Ein deutscher Sonderweg für Afghanistan! - Rede auf der Ostermarschkundgebung in Saarbrücken am 23.04.2011

Wenn es der Bundesregierung mit ihrer Kriegsverweigerung ernst ist, muss sie in Afghanistan Konsequenzen ziehen(20.03.2011)

Auf dem Weg in den nächsten Krieg? (08.03.2011)

Brauchen wir noch die Bundeswehr und wenn ja wofür? Darüber muss debattiert werden! (Aachener Nachrichten, 05.03.2011)

Hat Gaddafi von der NATO abgekupfert? (04.03.2011)

Verhandlungen in Afghanistan - Die realistischere Alternative
Informationsblatt (Bund für soziale Verteidigung)

Im zehnten Kriegsjahr ist der Westen von einem militärischen Sieg weiter entfernt als je zuvor (Aachener Nachrichten, 24.01.2011)

Warum die NATO im 21. Jahrhundert keinen Sinn mehr macht (Aachener Nachrichten, 26.11.2010)

Eine Verhandlungslösung für Afghanistan scheint möglich - Ein Beitrag für Friedensforum (Ausgabe 6/2010)

Verhandlungen mit den Taliban: Kommt jetzt Realismus in die Afghanistan-Debatte? (Aachener Nachrichten, 07.10.2010)

Verwirrende Signale um weiteren Afghanistan-Kurs (Aachener Nachrichten, 16.08.2010

Rede zur Nacht der 100.000 Kerzen in Würselen, 05.08.2010

8. Mai - Afghanistan - Rückblick auf einen verlorenen Krieg. Rede bei der Gedenkkundgebung in Würselen am 8. Mai 2010

Pläne für Großoffensiven in Afghanistan stoßen auf Widerspruch (26.04.2010)

Der Tod der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan hätte verhindert werden können (15.04.2010)

Die internationale Gemeinschaft steht in Afghanistan vor einem Scheideweg (Aachener Nachrichten, 20.03.2010)

Begründete Hoffnung auf zivile Konfliktbearbeitung in Afghanistan (Shalom-Brief 57, März 2010)

Afghanistan - Verhandeln statt Schießen (pax zeit 1/März 2010)

Der Konflikt in Afghanistan und gesellschaftliches Engagement - erschienen in: BBE-Newsletter 2/2010

Kommentar: Wozu soll eine Bundeswehr dienen, die nicht der Verteidigung dient? (Aachener Nachrichten, 06.02.2010)

Kommentar: Die 'Kommunikationskanäle zu den Taliban nutzen (Aachener Nachrichten, 23.12.2009)

Kommentar: Neue US-Strategie für Afghanistan: Bundeswehrsoldaten als Zielscheiben? (Aachener Nachrichten, 11.11.2009)

Kommentar: Die Entscheidung für einen Abzug aus Afghanistan muss jetzt schnell fallen (Aachener Nachrichten, 17.09.2009)

Die erste Bresche im Eisernen Vorhang, Reportage vom 19.08.1989 in Ungarn

Kommentar: Warum geht die Bundesregierung nicht auf die afghanische Friedens-Jirga zu?

Die Friedensbewegung ist quicklebendig - nicht nur zu Ostern

Gewalt beim Nato-Gipfel: Der Einsatz der Polizei wirft eine Reihe von Fragen auf

Zur Organisation der Anti-NATO-Proteste

Eine Stunde Zeit (Hörfunksendung v. 03.04.2009) mp3-Datei

Die Bundesregierung muss sich in Afghanistan vom Krieg der USA abnabeln

Iran - Sicherheitsgarantien statt Abschreckungslogik (Aachener Nachrichten, 22.12.2007)