Otmar Steinbicker

Plant die Bundeswehr einen Einsatz in Afghanistan über 2020 hinaus?

Nordirische Politiker bieten Vermittlung bei Friedensgesprächen mit den Taliban an / 24.09.2012

Ein Blick in die internationale Presse vom heutigen Montag bietet widersprüchliche Perspektiven zum Thema Afghanistan.

Trotz 70.000 US-Soldaten im Einsatz und mehr als 2000 Toten ist der Afghanistankrieg kein Thema im US-Wahlkampf, stellt die französische Zeitung Le Monde verwundert fest. Das ist exakt das gegenteilige Bild gegenüber den Wahlkämpfen von 2004 und 2008, in denen der Irakkrieg zu den dominierenden Themen gehörte. Glaubt die Öffentlichkeit in den USA wirklich, dass mit dem gebetsmühlenartig vorgetragenen Abzugsdatum 2014 die Probleme für die USA in Afghanistan gelöst sind?

In der Bundeswehr geht man derweil wohl von einem Kriegseinsatz in Afghanistan über das Jahr 2014 hinaus aus. Konkret geht es für die Bundeswehr zurzeit darum, die Nutzung von Aufklärungsdrohnen in Afghanistan mittelfristig sicherzustellen, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Und nicht nur Aufklärungsdrohnen wünschen die Militärs. Für den neuen Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Karl Müllner, steht außer Frage, dass die Bundeswehr die Fähigkeiten unbemannter Flugzeuge ‚in allen Bereichen‘ einschließlich des Einsatzes von Waffen ‚optimieren‘ müsse, so Müllner in einem kürzlich vorgelegten Papier über die ‚Luftmacht 2030‘. Und weiter: Auch Großbritannien und womöglich Italien und Spanien sollen ins Boot geholt werden. Das Problem dabei ist: Ein solches System wird nach Einschätzung von Fachleuten nicht vor 2020 zur Verfügung stehen. Nach den bisherigen Erfahrungen mit europäischen Großprojekten dürfte es eher später werden. Eine deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan über 2020 hinaus?

Bislang galten im Sprachgebrauch der Bundesregierung und der Bundeswehr die Taliban als hinterhältig und terroristisch, weil sie mit am Straßenrand deponierten Bomben aus sicherer Entfernung Bundeswehrsoldaten per Sprengstoffanschlag töteten. Jetzt will sich offensichtlich die Bundeswehr unter Verteidigungsminister Thomas de Maizière auf gleiches moralisches Niveau begeben. Oder gibt es einen ernsthaften Unterschied, ob Anschläge hinterrücks und aus sicherer Entfernung mit Straßenbomben oder mit Drohnen verübt werden?

Was ist eigentlich aus der Erkenntnis der Bundesregierung geworden, dass der Afghanistankrieg militärisch nicht zu gewinnen ist? Der Weg zu einem stabilen und sicheren Staat erfordert letztlich eine politische Lösung, einen Prozess der Verständigung und des politischen Ausgleichs mit der Insurgenz. hieß es im Fortschrittsbericht Afghanistan zur Unterrichtung des Deutschen Bundestags im Dezember 2010 auf Seite 62. Alles schon vergessen? Schnee von gestern?

Einen interessanten Vorstoß in Richtung eines solchen politischen Ausgleichs meldet der britische Guardian. Zwei nordirische Politiker, einer von den katholischen Nationalisten, der andere von den protestantischen Unionisten sind nach Kabul geflogen, um der Regierung Karzai zu helfen, Friedensgespräche mit den Taliban aufzunehmen! Wenn jemand ernsthafte Hilfe bei einem so schwierigen Prozess leisten kann, dann sind es sicherlich die Nordiren, die es in schwierigen Verhandlungen geschafft haben, einen jahrzehntelangen, blutigen Bürgerkrieg mit einer tragfähigen politischen Lösung zu beenden.

Ob die Nordiren in ihren Bemühungen Erfolg haben werden, lässt sich derzeit natürlich noch nicht abschätzen. Da ist erst einmal davon die Rede, dass sie mit der Regierung Karzai reden und das ist nicht der wichtigste Adressat bei der Suche nach einer Friedenslösung. Hauptkontrahenten sind die USA mit ihren Verbündeten auf der einen und die aufständischen Taliban auf der anderen Seite. Vor allem zwischen ihnen muss eine Lösung gefunden werden, die den Afghanen eine ernsthafte Friedensperspektive und nationale Selbstbestimmung ermöglicht. Dass es dabei auch Gespräche zwischen den afghanischen Konfliktparteien geführt werden müssen, zu denen die Karzai-Regierung und die sie tragenden Kräfte gehört, versteht sich.

Vieles wird jetzt davon abhängen, wie schnell die nordirischen Vermittler Kontakte auch zu den Taliban aufnehmen, um dem möglichen Eindruck einer Parteinahme für die Karzai-Regierung zuvorzukommen. Die Nordiren wissen, dass die Taliban nicht mit der Karzai-Regierung reden wollen. In einer solchen Situation ist diplomatisches Fingerspitzengefühl nötig! Und sie kennen den Backchannel, den Gesprächskanal zu den Taliban, über den sie schnell Kontakt aufnehmen und Zweifel an ihrer Neutralität als Vermittler zerstreuen können.

Bleibt zu hoffen, dass eine so wichtige Initiative von allen Seiten mit der gebotenen Ernsthaftigkeit gesehen und unterstützt wird.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Beiträge von Otmar Steinbicker

Bombardierte Netanjahu in Syrien die Arabische Friedensinitiative?

Wann der nächste deutsche Soldat in Afghanistan sinnlos stirbt, ist lediglich eine Frage der Zeit

Wer im Nahen Osten Frieden will, muss jetzt Hoffnung säen und Realismus zeigen

Kampfdrohnen setzen die Hemmschwelle zur militärischen Gewaltanwendung deutlich herab

Gedanken zum Tage: Ein ganz normaler Tag im Krieg

50 Jahre nach dem Élysée-Vertrag: Herausforderungen für die deutsche und französische Friedensbewegung

Barack Obamas neue Männer: Nur andere Gesichter oder auch eine andere Politik?

Antwort auf eine Frage von Neues Deutschland

Stolpert Deutschland in den nächsten Krieg?

Stimmen Sie gegen die Entsendung von Bundeswehrsoldaten in die Türkei

Was Afghanistan jetzt braucht, ist eine politische Lösung

Bundesregierung legt Rückschrittsbericht zu Afghanistan vor

Waffenstillstand – Wie weiter?

Der Waffenstillstand wird kommen

Deutschland im Gaza-Konflikt – Diplomatischer Bankrott

Waffenstillstand oder Bodenoffensive? Israels Ministerpräsident ist in der Zwickmühle

Geht es Netanyahu wirklich um die Raketenabschüsse?

Petraeus größter Fehler war nicht seine Affäre, sondern seine Afghanistan-Strategie

Die wichtigsten Zeitungen der USA schlagen eine Friedenslösung mit den Taliban vor

Die NATO muss jetzt jetzt die Türkei zügeln!

Plant die Bundeswehr einen Einsatz in Afghanistan über 2020 hinaus?

US-Truppenverstärkung aus Afghanistan abgezogen – So klug als wie zuvor?

Die NATO ist nach Insider-Attacken mit ihrer Strategie in Afghanistan am Ende

Benjamin Netanjahus Säbelrasseln hinterlässt auch bei vielen Israelis blankes Entsetzen

Gibt es noch eine Chance für Gespräche mit den Taliban?

Die Taliban wissen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können

Ist ein Ende der Gewalt in Syrien mit nichtmilitärischen Mitteln denkbar?

NATO-Gipfel zielt auf failed state Afghanistan

Hollandes Tage der Wahrheit

Obama in Kabul: Nach dem Wahlkampf in den Bürgerkrieg?

Eine neue Runde im atomaren Rüstungswettlauf ist eingeläutet

Taliban-Offensive - Wer stoppt jetzt die Logik des Krieges?

Grass nach dem Hype - Was bleibt?

Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben

Hektische Diplomatie um Afghanistanabzug zeigt Konzeptionslosigkeit

Die Zeit drängt, eine diplomatische Lösung im Atomkonflikt zu finden

NATO-Einsatz in Afghanistan: Das Spiel ist aus, wir gehen nach Haus?

Keine politische Lösung für Afghanistan ohne Waffenstillstand!

Israels Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten gefährdet eine Zwei-Staaten-Lösung

Gespräche zwischen USA und Taliban werfen neue Fragen auf

Das Taliban-Büro in Katar eine NATO-Idee?

Nur eine neutrale Übergangsregierung kann in Afghanistan einen Bürgerkrieg verhindern

Aachener Friedenspreis am Scheideweg

Loya Jirga statt Loya Jirga

Europa hat für Afghanistan kein Konzept

Shorish-Plan kann Afghanistan den Frieden bringen

Wie wird sich Afghanistan nach dem Abzug der internationalen Truppen 2014 entwickeln?

Stirbt mit Rabbanis Tod die Hoffnung auf Versöhnung?

Taliban signalisieren Verhandlungsbereitschaft - und die NATO?

Eine Petersberg-Konferenz ohne Taliban ist sinnlos

Debatte über Abzug aus Afghanistan: USA blamieren Deutschland

Nach Osamas Tod muss der Krieg in Afghanistan beendet werden

Bin Ladens Tötung - ein Signal für den Frieden?

Ist weltweiter Frieden möglich in einem kapitalistischen System – Ein Gespräch mit Otmar Steinbicker

Obama tötet seinen Kronzeugen

Obamas Rochade

Ein deutscher Sonderweg für Afghanistan! - Rede auf der Ostermarschkundgebung in Saarbrücken am 23.04.2011

Wenn es der Bundesregierung mit ihrer Kriegsverweigerung ernst ist, muss sie in Afghanistan Konsequenzen ziehen(20.03.2011)

Auf dem Weg in den nächsten Krieg? (08.03.2011)

Brauchen wir noch die Bundeswehr und wenn ja wofür? Darüber muss debattiert werden! (Aachener Nachrichten, 05.03.2011)

Hat Gaddafi von der NATO abgekupfert? (04.03.2011)

Verhandlungen in Afghanistan - Die realistischere Alternative
Informationsblatt (Bund für soziale Verteidigung)

Im zehnten Kriegsjahr ist der Westen von einem militärischen Sieg weiter entfernt als je zuvor (Aachener Nachrichten, 24.01.2011)

Warum die NATO im 21. Jahrhundert keinen Sinn mehr macht (Aachener Nachrichten, 26.11.2010)

Eine Verhandlungslösung für Afghanistan scheint möglich - Ein Beitrag für Friedensforum (Ausgabe 6/2010)

Verhandlungen mit den Taliban: Kommt jetzt Realismus in die Afghanistan-Debatte? (Aachener Nachrichten, 07.10.2010)

Verwirrende Signale um weiteren Afghanistan-Kurs (Aachener Nachrichten, 16.08.2010

Rede zur Nacht der 100.000 Kerzen in Würselen, 05.08.2010

8. Mai - Afghanistan - Rückblick auf einen verlorenen Krieg. Rede bei der Gedenkkundgebung in Würselen am 8. Mai 2010

Pläne für Großoffensiven in Afghanistan stoßen auf Widerspruch (26.04.2010)

Der Tod der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan hätte verhindert werden können (15.04.2010)

Die internationale Gemeinschaft steht in Afghanistan vor einem Scheideweg (Aachener Nachrichten, 20.03.2010)

Begründete Hoffnung auf zivile Konfliktbearbeitung in Afghanistan (Shalom-Brief 57, März 2010)

Afghanistan - Verhandeln statt Schießen (pax zeit 1/März 2010)

Der Konflikt in Afghanistan und gesellschaftliches Engagement - erschienen in: BBE-Newsletter 2/2010

Kommentar: Wozu soll eine Bundeswehr dienen, die nicht der Verteidigung dient? (Aachener Nachrichten, 06.02.2010)

Kommentar: Die Kommunikationskanäle zu den Taliban nutzen (Aachener Nachrichten, 23.12.2009)

Kommentar: Neue US-Strategie für Afghanistan: Bundeswehrsoldaten als Zielscheiben? (Aachener Nachrichten, 11.11.2009)

Kommentar: Die Entscheidung für einen Abzug aus Afghanistan muss jetzt schnell fallen (Aachener Nachrichten, 17.09.2009)

Die erste Bresche im Eisernen Vorhang, Reportage vom 19.08.1989 in Ungarn

Kommentar: Warum geht die Bundesregierung nicht auf die afghanische Friedens-Jirga zu?

Die Friedensbewegung ist quicklebendig - nicht nur zu Ostern

Gewalt beim Nato-Gipfel: Der Einsatz der Polizei wirft eine Reihe von Fragen auf

Zur Organisation der Anti-NATO-Proteste

Eine Stunde Zeit (Hörfunksendung v. 03.04.2009) mp3-Datei

Die Bundesregierung muss sich in Afghanistan vom Krieg der USA abnabeln

Iran - Sicherheitsgarantien statt Abschreckungslogik (Aachener Nachrichten, 22.12.2007)