Wir können den Krieg nicht gewinnen
, so zitieren heute New York Times
, Guardian
und Le Monde
einen hohen Taliban-Funktionär. Das Interview soll zwar erst am morgigen Donnerstag in der britischen Tageszeitung New Statesman
erscheinen, doch der brisante Inhalt wirft schon heute hohe Wellen.
Zwar bleibt der hohe Taliban-Funktionär anonym, doch gibt es kaum Zweifel an der Seriosität des Interviews. Schließlich ist der Fragesteller niemand geringeres als Michael Semple, von 2004 bis 2007 EU-Botschafter in Kabul. Offensichtlich nutzte Semple alte Gesprächskanäle, um seinen Gesprächspartner zu treffen.
Die Konsequenzen der Einschätzung, den Krieg nicht gewinnen zu können, formuliert der hohe Taliban-Funktionär deutlich: Wenn die Taliban militärisch nicht die Macht in Kabul erobern können, dann müssen sie ihren Traum begraben, ihr Islamisches Emirat wieder zu errichten und es bleibt ihnen nur die Rolle einer politischen Partei im Lande. Deutliche Worte verliert der Taliban-Funktionär auch über El Kaida: Die Terrororganisation sei eine Plage
.
Die politische Dimension dieser Aussagen liegt auf der Hand: Dass der Krieg für sie nicht zu gewinnen ist, sagen NATO-Militärs schon seit langem. Wenn es auch die Taliban so sehen, dann gibt es für keine Seite länger ernsthafte Gründe den Krieg weiterzuführen. Dann gilt es schnellstmöglich Gespräche über eine politische Lösung des Konflikts aufzunehmen!
Allerdings: Für Kenner der Gesprächskontakte zwischen NATO und Taliban sind die als sensationell offerierten Aussagen des anonymen hohen Taliban-Funktionärs keinesfalls neu. Auf der Grundlage dieser Einschätzung gab es ab September 2009 intensive Gespräche - teils indirekt über den wichtigen Stammesführer Naqibullah Shorish, teils auch direkt im Sommer 2010 bei Treffen von NATO-Offizieren mit Taliban-Führern in Kabul. Im vergangenen Herbst präsentierte Shorish schließlich einen eigenen Friedensplan, der auf diesen Gesprächen aufbaut und eine ernsthafte und konstruktive Basis für einen Dialog in Richtung einer Friedenslösung bildet.
Die Taliban haben diesen Plan ausgiebig diskutiert und ihre generelle Zustimmung - wenn auch nicht zu allen Details - signalisiert. Ein öffentliches Bekenntnis zu diesem Friedensplan blieb aber bisher aus. Auch der Westen kennt diesen Plan. Er wurde mit Interesse zur Kenntnis genommen, aber sofort in der Kernfrage - der Einrichtung einer Übergangsregierung - zurückgewiesen. Man könne doch den Verbündeten Karzai nicht im Stich lassen, ließen Diplomaten wissen.
Dennoch: Dass ein solches Interview jetzt erscheint und von wichtigen internationalen Medien stark beachtet wird, ist ein positives politisches Signal. Dieses gilt es jetzt aufzugreifen!
Die westlichen Regierungen einschließlich der Bundesregierung kennen die Gesprächskanäle auf denen die Botschaft einer Gesprächsbereitschaft vermittelt werden kann. Und auch die Taliban sind gefordert, ihrerseits eine erneute Gesprächsbereitschaft zu bekunden, auch wenn sie bisher immer wieder die schlechte Erfahrung machten, dass ihre Gesprächsbereitschaft letztlich auf taube Ohren stieß.
Und die Friedensbewegung? Sie sollte die heutigen Signale nutzen, erneut einen sofortigen Waffenstillstand zu fordern, um ernsthafte Gespräche und schließlich konstruktive Verhandlungen über eine politische Friedenslösung für Afghanistan zu ermöglichen.
Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
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