Noch vor Wochen wunderten sich internationale Zeitungen wie die französische Le Monde
, dass das Thema Afghanistan im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 überhaupt nicht vorkommt. Jetzt greifen die wichtigsten Zeitungen der USA das Thema auf – auf ungewöhnliche Weise.
Den Aufschlag machte die New York Times
am 1. Oktober mit Spekulationen über eine Bereitschaft der USA zu einem Friedensschluss mit den Taliban. Das Blatt kritisierte, dass Präsident Obama versäumt hat, ernsthafte Gespräche mit den Taliban zu führen, während sein Befehl zur Truppenverstärkung vom Dezember 2009 lediglich zu Geländegewinnen, nicht aber zu einem wirkungsvollen Schlag gegen die Taliban führte. Und in der Washington Post
legte der außenpolitische Kommentator David Ignatius gar eine Road map, einen eigenen Fahrplan für eine Friedenslösung mit den Taliban vor.
Immer deutlicher wird, dass die Militärstrategie der USA und der NATO in Afghanistan gescheitert ist. Das einflussreiche Magazin Time
kündigte bereits für die nächste Woche eine große Story über Insider-Angriffe
an, die derzeit gefürchtetste Taliban-Taktik der Infiltration der afghanischen Armee. Mehr als 50 NATO-Soldaten starben bereits, weil afghanische Soldaten und Polizisten plötzlich die Waffen gegen sie richteten. Ob alle diese Attentate auf planvoller Taliban-Strategie beruhen, mag bezweifelt werden. Dennoch markieren sie auf blutige Weise das militärische Scheitern.
Jetzt erinnert sich die New York Times
, dass die führenden US-Generäle in Afghanistan von Stanley A. McChrystal über David H. Petraeus bis zu dem heutigen Oberkommandierenden John R. Allen immer gesagt hatten, dass der Afghanistan-Krieg wie die meisten Aufstände nur mit einer Verhandlungslösung enden könnte.
Richtig. Zur Amtszeit von McChrystal in Afghanistan begann die NATO Ende 2009 auf der Grundlage eines gemeinsamen Vorschlags aus der deutschen und afghanischen Friedensbewegung, einen Gesprächskontakt zur Taliban-Führung aufzunehmen. Allerdings ging die Initiative dazu nicht von den US-Militärs, sondern von britischen und deutschen Offizieren aus, aber zumindest die US-Generäle McChrystal und Petraeus waren eingeweiht. Im Sommer 2010 kam es dann zu den bisher ernsthaftesten direkten Gesprächen zwischen NATO und Taliban. NATO-Offiziere aus Deutschland, Großbritannien und den USA trafen sich mit drei hochrangigen Taliban-Führern in Camp Warehouse in Kabul. General Petraeus, der darüber informiert war, ließ es sich nicht nehmen, bei der ersten Begegnung persönlich im Camp zu erscheinen und die Taliban-Delegation aus etwa 100 Metern in Augenschein zu nehmen. Den erschrockenen Taliban-Führern ließ er seine Grüße ausrichten und den Wunsch, dieser Gesprächskontakt möge dauerhaft sein.
Die Ergebnisse der beiden Gesprächsrunden im Juli und August 2010 waren erstaunlich! Ich fand die Atmosphaere, in der unser letztes Treffen stattgefunden hat sehr vertrauensvoll und positiv. Nun heist es tatsaechlich, kleine Schritte zu identifizieren, um weiter zu kommen
hieß es in einer eMail eines deutschen Oberleutnants aus dem ISAF-Hauptquartier vom 11.08.2010, 16:31:15 Uhr über das Treffen mit den Talibanführern am Vortag, die aixpaix.de vorliegt.
Zum absoluten Erstaunen aller Beteiligten hatten die Offiziere und der NATO und die Kommandeure der Aufständischen sich auf wichtige Prinzipien für ein Herangehen an eine Friedenslösung geeinigt: In einer von ihnen konkret benannten Provinz Afghanistan sollte eine Übergangsregierung aus Unabhängigen eingerichtet werden, die je zur Hälfte das Vertrauen der Karzai-Regierung und der Aufständischen genießen. Gemeinsam sollten sie Sicherheitsfragen und vor allem auf Wunsch der US-Offiziere auch die Bekämpfung des Drogenanbaus angehen. In diese Provinz sollte dann auch die in Pakistan residierende Talibanführung um Mullah Omar mit ihren Familien umsiedeln und sich so dem Würgegriff des pakistanischen Geheimdienstes entziehen.
Doch, was so positiv begann, endete jäh im Oktober 2010. General Petraeus verkündete der erstaunten Weltpresse, es gäbe Gespräche mit den Taliban, nannte aber statt den realen Gesprächspartnern vom Juli und August einen anderen Mann, der sich später als Hochstapler entpuppte. Der hatte keinerlei Kontakte zu Taliban, sondern war ein einfacher Gemüsehändler aus dem pakistanischen Quetta.
Parallel dazu beschied ein deutscher Oberstleutnant dem realen afghanischen Vermittler, er und seine Kollegen dürften nur noch über Reintegration
sprechen, nicht mehr über Reconciliation
, also darüber dass die Taliban die Waffen niederlegten, nicht aber über eine Friedensregelung. General Petraeus begann kurz darauf seine gnadenlose Jagd auf alle Talibanführer.
Wenn jetzt die New York Times
und die Washington Post
erneut über die Notwendigkeit von Gesprächen mit den Taliban schreiben, haben dann diese Appelle noch Aussicht auf Erfolg oder haben die Taliban nach den schlechten Erfahrungen mit General Petraeus und seinen Militärs die Nase voll von Gesprächen?
Die Taliban wissen heute ebenso wie die New York Times
und die Washington Post
, dass niemand den Krieg in Afghanistan gewinnen kann, weder die eine noch die andere Seite. Es gibt keine andere ernsthafte Alternative als erneute Friedensgespräche. Naqibullah Shorish, der erfolgreiche Vermittler der ersten Gesprächsrunden und heutige wichtigste Stammesführer Afghanistans hat die bisherigen Erfahrungen in seinem Shorish-Friedensplan
berücksichtigt und hat für diesen Plan zu 95 Prozent
die Zustimmung der Taliban. Und der Shorish-Plan liegt auch auf den Schreibtischen wichtiger Player
in den USA, auch auf dem von General Petraeus, dem heutigen CIA-Chef und denen der Generäle McChrystal und Allen.
Und auch Washington Post
-Kommentator David Ignatius kennt den Shorish-Plan. Zum aixpaix.de-Interview mit Naqibullah Shorish schrieb Ignatius dem aixpaix.de-Herausgeber: This is an excellent interview, very clear and helpful on all the main points.
Wenn Ignatius in seiner Road map empfiehlt, sich bei der Suche nach einer Friedenslösung in Afghanistan an dem Friedensprozess in Nordirland zu orientieren, geht das das genau in die Richtung, in der auch Shorish die Lösung sucht. Shorish zieht aus der Nordirland-Erfahrung den Schluss, dass nur eine Übergangsregierung weiterhelfen kann. So weit geht Ignatius nicht. Auch im weiteren Herangehen, vor allem in der Beurteilung Pakistans, sind deutliche Unterschiede zu erkennen. Dennoch: Hier lohnt der Dialog!
Sicherlich ist vor dem 6. November, dem Datum der Präsidentschaftswahl in den USA kein Schritt in Richtung Friedensgespräche zu erwarten. Und auch danach wird es – vor allem bei einer Wahl Romneys – noch zu Verzögerungen kommen. Sollten aber die wichtigsten Zeitungen der USA ein ernsthaftes Interesse über parteipolitische Grenzen hinaus signalisieren, dann sollte nicht zu lange gezögert werden. Mit jedem Tag, an dem nicht gesprochen wird, sinkt das Vertrauen der Afghanen in die Bereitschaft der USA zu Friedensverhandlungen.
Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier
Bombardierte Netanjahu in Syrien die Arabische Friedensinitiative?
Wann der nächste deutsche Soldat in Afghanistan sinnlos stirbt, ist lediglich eine Frage der Zeit
Wer im Nahen Osten Frieden will, muss jetzt Hoffnung säen und Realismus zeigen
Kampfdrohnen setzen die Hemmschwelle zur militärischen Gewaltanwendung deutlich herab
Gedanken zum Tage: Ein ganz normaler Tag im Krieg
Barack Obamas neue Männer: Nur andere Gesichter oder auch eine andere Politik?
Antwort auf eine Frage von Neues Deutschland
Stolpert Deutschland in den nächsten Krieg?
Stimmen Sie gegen die Entsendung von Bundeswehrsoldaten in die Türkei
Was Afghanistan jetzt braucht, ist eine politische Lösung
Bundesregierung legt Rückschrittsbericht zu Afghanistan vor
Waffenstillstand – Wie weiter?
Der Waffenstillstand wird kommen
Deutschland im Gaza-Konflikt – Diplomatischer Bankrott
Waffenstillstand oder Bodenoffensive? Israels Ministerpräsident ist in der Zwickmühle
Geht es Netanyahu wirklich um die Raketenabschüsse?
Petraeus größter Fehler war nicht seine Affäre, sondern seine Afghanistan-Strategie
Die wichtigsten Zeitungen der USA schlagen eine Friedenslösung mit den Taliban vor
Die NATO muss jetzt jetzt die Türkei zügeln!
Plant die Bundeswehr einen Einsatz in Afghanistan über 2020 hinaus?
US-Truppenverstärkung aus Afghanistan abgezogen – So klug als wie zuvor?
Die NATO ist nach Insider-Attacken mit ihrer Strategie in Afghanistan am Ende
Benjamin Netanjahus Säbelrasseln hinterlässt auch bei vielen Israelis blankes Entsetzen
Gibt es noch eine Chance für Gespräche mit den Taliban?
Die Taliban wissen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können
Ist ein Ende der Gewalt in Syrien mit nichtmilitärischen Mitteln denkbar?
NATO-Gipfel zielt auf failed state
Afghanistan
Obama in Kabul: Nach dem Wahlkampf in den Bürgerkrieg?
Eine neue Runde im atomaren Rüstungswettlauf ist eingeläutet
Taliban-Offensive - Wer stoppt jetzt die Logik des Krieges?
Grass nach dem Hype - Was bleibt?
Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben
Hektische Diplomatie um Afghanistanabzug zeigt Konzeptionslosigkeit
Die Zeit drängt, eine diplomatische Lösung im Atomkonflikt zu finden
NATO-Einsatz in Afghanistan: Das Spiel ist aus, wir gehen nach Haus?
Keine politische Lösung für Afghanistan ohne Waffenstillstand!
Israels Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten gefährdet eine Zwei-Staaten-Lösung
Gespräche zwischen USA und Taliban werfen neue Fragen auf
Das Taliban-Büro
in Katar eine NATO-Idee?
Nur eine neutrale Übergangsregierung kann in Afghanistan einen Bürgerkrieg verhindern
Aachener Friedenspreis am Scheideweg
Europa hat für Afghanistan kein Konzept
Shorish-Plan
kann Afghanistan den Frieden bringen
Wie wird sich Afghanistan nach dem Abzug der internationalen Truppen 2014 entwickeln?
Stirbt mit Rabbanis Tod die Hoffnung auf Versöhnung?
Taliban signalisieren Verhandlungsbereitschaft - und die NATO?
Eine Petersberg-Konferenz ohne Taliban ist sinnlos
Debatte über Abzug aus Afghanistan: USA blamieren Deutschland
Nach Osamas Tod muss der Krieg in Afghanistan beendet werden
Bin Ladens Tötung - ein Signal für den Frieden?
Ist weltweiter Frieden möglich in einem kapitalistischen System – Ein Gespräch mit Otmar Steinbicker
Auf dem Weg in den nächsten Krieg? (08.03.2011)
Hat Gaddafi von der NATO abgekupfert? (04.03.2011)
Warum die NATO im 21. Jahrhundert keinen Sinn mehr macht (Aachener Nachrichten, 26.11.2010)
Verwirrende Signale um weiteren Afghanistan-Kurs (Aachener Nachrichten, 16.08.2010
Rede zur Nacht der 100.000 Kerzen
in Würselen, 05.08.2010
Pläne für Großoffensiven in Afghanistan stoßen auf Widerspruch (26.04.2010)
Der Tod der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan hätte verhindert werden können (15.04.2010)
Begründete Hoffnung auf zivile Konfliktbearbeitung in Afghanistan (Shalom-Brief 57, März 2010)
Afghanistan - Verhandeln statt Schießen (pax zeit 1/März 2010)
Der Konflikt in Afghanistan und gesellschaftliches Engagement - erschienen in: BBE-Newsletter 2/2010
Kommentar: Die Kommunikationskanäle zu den Taliban nutzen
(Aachener Nachrichten, 23.12.2009)
Die erste Bresche im Eisernen Vorhang, Reportage vom 19.08.1989 in Ungarn
Kommentar: Warum geht die Bundesregierung nicht auf die afghanische Friedens-Jirga zu?
Die Friedensbewegung ist quicklebendig - nicht nur zu Ostern
Gewalt beim Nato-Gipfel: Der Einsatz der Polizei wirft eine Reihe von Fragen auf
Zur Organisation der Anti-NATO-Proteste
Eine Stunde Zeit (Hörfunksendung v. 03.04.2009) mp3-Datei
Die Bundesregierung muss sich in Afghanistan vom Krieg der USA abnabeln
Iran - Sicherheitsgarantien statt Abschreckungslogik (Aachener Nachrichten, 22.12.2007)