Otmar Steinbicker

Die wichtigsten Zeitungen der USA schlagen eine Friedenslösung mit den Taliban vor

07.10.2012

Noch vor Wochen wunderten sich internationale Zeitungen wie die französische Le Monde, dass das Thema Afghanistan im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 überhaupt nicht vorkommt. Jetzt greifen die wichtigsten Zeitungen der USA das Thema auf – auf ungewöhnliche Weise.

Den Aufschlag machte die New York Times am 1. Oktober mit Spekulationen über eine Bereitschaft der USA zu einem Friedensschluss mit den Taliban. Das Blatt kritisierte, dass Präsident Obama versäumt hat, ernsthafte Gespräche mit den Taliban zu führen, während sein Befehl zur Truppenverstärkung vom Dezember 2009 lediglich zu Geländegewinnen, nicht aber zu einem wirkungsvollen Schlag gegen die Taliban führte. Und in der Washington Post legte der außenpolitische Kommentator David Ignatius gar eine Road map, einen eigenen Fahrplan für eine Friedenslösung mit den Taliban vor.

Immer deutlicher wird, dass die Militärstrategie der USA und der NATO in Afghanistan gescheitert ist. Das einflussreiche Magazin Time kündigte bereits für die nächste Woche eine große Story über Insider-Angriffe an, die derzeit gefürchtetste Taliban-Taktik der Infiltration der afghanischen Armee. Mehr als 50 NATO-Soldaten starben bereits, weil afghanische Soldaten und Polizisten plötzlich die Waffen gegen sie richteten. Ob alle diese Attentate auf planvoller Taliban-Strategie beruhen, mag bezweifelt werden. Dennoch markieren sie auf blutige Weise das militärische Scheitern.

Jetzt erinnert sich die New York Times, dass die führenden US-Generäle in Afghanistan von Stanley A. McChrystal über David H. Petraeus bis zu dem heutigen Oberkommandierenden John R. Allen immer gesagt hatten, dass der Afghanistan-Krieg wie die meisten Aufstände nur mit einer Verhandlungslösung enden könnte.

Richtig. Zur Amtszeit von McChrystal in Afghanistan begann die NATO Ende 2009 auf der Grundlage eines gemeinsamen Vorschlags aus der deutschen und afghanischen Friedensbewegung, einen Gesprächskontakt zur Taliban-Führung aufzunehmen. Allerdings ging die Initiative dazu nicht von den US-Militärs, sondern von britischen und deutschen Offizieren aus, aber zumindest die US-Generäle McChrystal und Petraeus waren eingeweiht. Im Sommer 2010 kam es dann zu den bisher ernsthaftesten direkten Gesprächen zwischen NATO und Taliban. NATO-Offiziere aus Deutschland, Großbritannien und den USA trafen sich mit drei hochrangigen Taliban-Führern in Camp Warehouse in Kabul. General Petraeus, der darüber informiert war, ließ es sich nicht nehmen, bei der ersten Begegnung persönlich im Camp zu erscheinen und die Taliban-Delegation aus etwa 100 Metern in Augenschein zu nehmen. Den erschrockenen Taliban-Führern ließ er seine Grüße ausrichten und den Wunsch, dieser Gesprächskontakt möge dauerhaft sein.

Die Ergebnisse der beiden Gesprächsrunden im Juli und August 2010 waren erstaunlich! Ich fand die Atmosphaere, in der unser letztes Treffen stattgefunden hat sehr vertrauensvoll und positiv. Nun heist es tatsaechlich, kleine Schritte zu identifizieren, um weiter zu kommen hieß es in einer eMail eines deutschen Oberleutnants aus dem ISAF-Hauptquartier vom 11.08.2010, 16:31:15 Uhr über das Treffen mit den Talibanführern am Vortag, die aixpaix.de vorliegt.

Zum absoluten Erstaunen aller Beteiligten hatten die Offiziere und der NATO und die Kommandeure der Aufständischen sich auf wichtige Prinzipien für ein Herangehen an eine Friedenslösung geeinigt: In einer von ihnen konkret benannten Provinz Afghanistan sollte eine Übergangsregierung aus Unabhängigen eingerichtet werden, die je zur Hälfte das Vertrauen der Karzai-Regierung und der Aufständischen genießen. Gemeinsam sollten sie Sicherheitsfragen und vor allem auf Wunsch der US-Offiziere auch die Bekämpfung des Drogenanbaus angehen. In diese Provinz sollte dann auch die in Pakistan residierende Talibanführung um Mullah Omar mit ihren Familien umsiedeln und sich so dem Würgegriff des pakistanischen Geheimdienstes entziehen.

Doch, was so positiv begann, endete jäh im Oktober 2010. General Petraeus verkündete der erstaunten Weltpresse, es gäbe Gespräche mit den Taliban, nannte aber statt den realen Gesprächspartnern vom Juli und August einen anderen Mann, der sich später als Hochstapler entpuppte. Der hatte keinerlei Kontakte zu Taliban, sondern war ein einfacher Gemüsehändler aus dem pakistanischen Quetta.

Parallel dazu beschied ein deutscher Oberstleutnant dem realen afghanischen Vermittler, er und seine Kollegen dürften nur noch über Reintegration sprechen, nicht mehr über Reconciliation, also darüber dass die Taliban die Waffen niederlegten, nicht aber über eine Friedensregelung. General Petraeus begann kurz darauf seine gnadenlose Jagd auf alle Talibanführer.

Wenn jetzt die New York Times und die Washington Post erneut über die Notwendigkeit von Gesprächen mit den Taliban schreiben, haben dann diese Appelle noch Aussicht auf Erfolg oder haben die Taliban nach den schlechten Erfahrungen mit General Petraeus und seinen Militärs die Nase voll von Gesprächen?

Die Taliban wissen heute ebenso wie die New York Times und die Washington Post, dass niemand den Krieg in Afghanistan gewinnen kann, weder die eine noch die andere Seite. Es gibt keine andere ernsthafte Alternative als erneute Friedensgespräche. Naqibullah Shorish, der erfolgreiche Vermittler der ersten Gesprächsrunden und heutige wichtigste Stammesführer Afghanistans hat die bisherigen Erfahrungen in seinem Shorish-Friedensplan berücksichtigt und hat für diesen Plan zu 95 Prozent die Zustimmung der Taliban. Und der Shorish-Plan liegt auch auf den Schreibtischen wichtiger Player in den USA, auch auf dem von General Petraeus, dem heutigen CIA-Chef und denen der Generäle McChrystal und Allen.

Und auch Washington Post-Kommentator David Ignatius kennt den Shorish-Plan. Zum aixpaix.de-Interview mit Naqibullah Shorish schrieb Ignatius dem aixpaix.de-Herausgeber: This is an excellent interview, very clear and helpful on all the main points. Wenn Ignatius in seiner Road map empfiehlt, sich bei der Suche nach einer Friedenslösung in Afghanistan an dem Friedensprozess in Nordirland zu orientieren, geht das das genau in die Richtung, in der auch Shorish die Lösung sucht. Shorish zieht aus der Nordirland-Erfahrung den Schluss, dass nur eine Übergangsregierung weiterhelfen kann. So weit geht Ignatius nicht. Auch im weiteren Herangehen, vor allem in der Beurteilung Pakistans, sind deutliche Unterschiede zu erkennen. Dennoch: Hier lohnt der Dialog!

Sicherlich ist vor dem 6. November, dem Datum der Präsidentschaftswahl in den USA kein Schritt in Richtung Friedensgespräche zu erwarten. Und auch danach wird es – vor allem bei einer Wahl Romneys – noch zu Verzögerungen kommen. Sollten aber die wichtigsten Zeitungen der USA ein ernsthaftes Interesse über parteipolitische Grenzen hinaus signalisieren, dann sollte nicht zu lange gezögert werden. Mit jedem Tag, an dem nicht gesprochen wird, sinkt das Vertrauen der Afghanen in die Bereitschaft der USA zu Friedensverhandlungen.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

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