Otmar Steinbicker

Verwirrende Signale um weiteren Afghanistan-Kurs

Aachener Nachrichten, 16.08.2010

Wer gegenwärtig aufmerksam die amerikanische, europäische und deutsche Debatte um Afghanistan verfolgt, erlebt wie zeitgleich die gegensätzlichsten Überlegungen angestellt und auch in die Praxis umgesetzt und damit verwirrende Signale gesendet werden.

Da gibt es trotz des kompletten Scheiterns der vor neun Monaten feierlich verkündeten großen neuen US-Kriegsstrategie die anhaltende Aufstockung des US-Militärs um weitere 30.000 Soldaten und den offen ausgesprochenen Befehl, Taliban-Führer gezielt zu töten. Da gibt es eine Aufstockung der Bewaffnung des Bundeswehr-Kontigents in Afghanistan mit zunehmend schwereren Waffen.

Da gibt es aber auch den Abzug der niederländischen und kanadischen Truppen aus Afghanistan und die deutlichen Worte des britischen Premiers, nach 2014 keine Kampftruppen mehr in Afghanistan stehen zu haben. Auch im US-Kongress wächst die Zahl der Abgeodneten, die auf einen raschen Abzug drängen, beträchtlich.

Darüber hinaus mehren sich die Stimmen, die angesichts der aussichtslosen militärischen Lage die Notwendigkeit von Verhandlungen mit den Aufständischen betonen. Ja, glaubt man gut informierten Quellen, dann soll es bereits auf unterschiedlichen Ebenen Kontakte und Gespräche von westlichen Regierungsvertretern, Diplomaten und Militärs mit den Taliban geben.

Wie auch immer – es wird Zeit, dass der Westen Klarheit über seinen Kurs schafft. Will man ernsthaft weiter den verlorenen Krieg eskalieren oder sucht man ernsthaft eine Verhandlungslösung?

Wenn eine Verhandlungslösung angestrebt wird, dann braucht es vertrauensbildende Maßnahmen auf beiden Seiten, konkrete Schritte zur Deeskalation, um den Verhandlungsprozess zu beflügeln und nicht zu belasten. Sinnvoll wäre es, den bereits vor geraumer Zeit auf Seiten von ISAF und Taliban diskutierten Vorschlag regionaler Waffenstillstände erneut zu bedenken. Hier müssten beide Seiten Verpflichtungen eingehen, die kontrolliert werden können und müssen. Überdies würden bei der Verwirklichung beide Seiten Erfahrungen sammeln müssen, aufkommende Probleme gemeinsam zu lösen. Genau dabei könnte gegenseitiges Vertrauen entstehen.

Gift für solche Gespräche und Verhandlungsperspektiven ist dagegen die kürzlich in den USA aufgeflammte Debatte um eine Teilung Afghanistans in einen paschtunischen Süden, der den Taliban überlassen wird und in einen Norden, in dem die mit der NATO verbündeten Warlords der Nordallianz das Sagen haben. Auch wenn es für manchen Strategen verlockend sein mag, hier mit traditionellen ethnischen Differenzen zu spielen – ein solcher Versuch kann nur in einen blutigen Bürgerkrieg führen. Selbst der britischen Kolonialmacht, die im gesamten Empire eine wahre Meisterschaft entwickelt hatte, ihre Herrschaft auf dem Prinzip „Teile und Herrsche“ aufzubauen, war es in Afghanistan – anders als in ihren anderen Kolonien – nicht gelungen, die traditionellen Rivalitäten zwischen den verschiedenen Stämme in ihrem Sinne zu nutzen. Das afghanische Nationalbewusstsein war angesichts ausländischer Einmischung stärker als ethnische Differenzen.

Auch wenn es schwer ist: Der afghanische Knoten kann nur gelöst werden in gleichzeitigen Verhandlungen erstens zwischen ISAF und Taliban, zweitens zwischen den afghanischen Konfliktparteien und drittens in einer internationalen Konferenz der Großmächte und Nachbarstaaten Afghanistans.

Dass dreißig Jahre Krieg dabei nicht nur menschliches Leid, sondern auch riesige Problemberge angehäuft haben, muss berücksichtigt werden. Genau deshalb gilt es, jetzt nicht mit einer weiteren Eskalation des Krieges eine weitere Eskalation der Probleme zu bewirken, sondern ernsthafte Schritte in Richtung auf eine Friedenslösung zu gehen.

Otmar Steinbicker ist Herausgeber des Aachener Friedensmagazins www.aixpaix.de. Seine Beiträge finden Sie hier


World Wide Web aixpaix.de

Krieg ist die
"ultima irratio"

Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.

Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".

So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.

Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.

Otmar Steinbicker