Themen

Aachener Projekt "Bina Mira" - Friedensbühne

Die Streumunition bleibt in den Köpfen und Herzen vorhanden

Mit ihrer Inszenierung „Warte auf Godot“ nach Samuel Becketts Klassiker von 1952 eröffneten die 21 Darsteller der Theatergruppe der Mies - von - der -Rohe – Schule rohestheater aus Aachen im September 2008 das Friedensttheaterfestival in Tuzla.

Im Rahmen des Projektes “Bina Mira“, was „Bühne des Friedens“ bedeutet, soll das Festival als Zeichen gegen die Zerbrechlichkeit des Friedens stehen. Mit vier weiteren internationalen Jugendgruppen, die sich alle dem Thema Frieden widmeten, stellten die jungen Schauspieler ihre Produktionen vor.

Die Initiative Bina Mira, die als Projektgruppe im „Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit e.V.“ eingegliedert ist, machte dieses Konzept möglich. Schüler und Jugendtheatergruppen, die an dem Projekt Bina Mira teilnehmen wollen, üben Bühnenstücke ein, mit Orientierung auf die Pflege und Schaffung von Begegnungen junger Menschen in Europa zum Austausch ähnlicher wie auch unterschiedlicher kultureller Bedingungen, Erfahrungen und Lebensgewohnheiten. In der Woche um den Weltfriedenstag, besteht dann die Möglichkeit, die Stücke bei dem Friedenstheaterfestival vorzustellen.

„Die Friedensthemen beziehen sich auf Probleme des Individuums, auf soziale, kulturelle, religiöse und politische Konflikte. Bei den Aufführungen sollen Gedanken der Versöhnungs-und Gütekraft, die Aufdeckung und Veränderung von Unfriedensstrukturen sowie das kritische Hinterfragen einer auf Gewalt basierenden Kultur zum Ausdruck gebracht werden.

Hierzu gehört auch eine ideologiefreie Reflexion historischer Begebenheiten unter Berücksichtigung einer neutralen Betrachtungsweise von Handlungen der eigenen Bevölkerungsgruppe, sowie das Aufzeigen von Gewaltstrukturen in zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Bereichen und in der Staatenwelt. Mögliche Lösungsansätze sollen gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien sowie den Abbau von Vorurteilen zum Ziel haben“.
„Es wird schnell von Frieden gesprochen, sobald der offizielle Kriegszustand als beendet gilt. Doch auch wenn die Truppen sich zurück ziehen und die Waffen schweigen, kann Krieg weiter bestehen. Manchmal über Jahre hinweg, ganz leise und unauffällig im Geist der verfeindeten Menschen. Die Streumunition bleibt in den Köpfen und Herzen vorhanden.“

So erläutert Heinz Jussen, Vorstandsmitglied des Aachener Netzwerkes für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit seine nachhaltigen Erfahrungen und seine Arbeit, die ihn viele Male mit tonnenschweren Hilfsgütertransporten in die Kriegsgebiete führte.

Warum Tuzla?

Tuzla hat seinen Namen in der osmanischen Besatzungszeit bekommen. „TUZ“ bedeutet auch im heutigen Türkischen „SALZ“. Salz hat eine symbolische Bedeutung für Reinigung. Daher soll die Reinigung vom Hass und Gewalt in dieser nordostbosnischen Stadt ihren Anfang nehmen.

„Eine bosnische Stadt wurde als Ausgangsort dieser Friedenstheaterbewegung ausgewählt, weil sie stellvertretend für den gesamten Balkan stehen soll.

Auf dem Balkan fanden die letzten Kriege auf europäischem Territorium statt; von hier aus soll sich deshalb auch eine besondere Form der europäischen Friedensbewegung entwickeln.

Es ist an der Zeit, dass hier mitten in Europa

• mit dem Bau einer Friedensbühne im Herzen Bosniens ein deutliches Zeichen gegen den Irrsinn des Krieges gesetzt wird;

• die ehemals verfeindeten Gruppen in Form des Bühnenspiels zu einer Versöhnungsarbeit zueinander finden;

• sich junge Menschen in ihrem Engagement für den Frieden solidarisieren;

• Werte wie Kunst, Kultur und Humanismus eine Gegenkraft gegen Nationalfaschismus und Gewalt bilden.

Seit Beginn des Krieges in Bosnien, 1992, ist Heinz Jussen in humanitären und kulturellen Bereichen engagiert. Gemeinsam mit Menschen, die sich von den grausamen Ereignissen, die sich sozusagen vor der Haustür abspielten, betroffen fühlten, gründeten Heinz Jussen und Josef Steinbusch damals das „ Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe in Bosnien-Herzegowina und Kroatien e.V.“, das sie 1997 in den jetzigen Namen umbenannten.

In den Kriegsjahren halfen sie vor allem Kindern in Waisen- und Krankenhäusern mit Babynahrung, Medikamenten und medizinischen Geräten. Sie kümmerten sich um Schulen, indem sie Partnerschaften initiierten, Unterrichtsmaterialien sowie Lehrbücher kauften und von Aachener Schulen gespendetes Mobiliar wie auch Computer nach Bosnien transportierten. In den letzten Jahren unterstützten sie einen integrativen Kindergarten und eine Schule für geistig behinderte Kinder. Diese Programme liefen über die Projektgruppe „ Aktionsgemeinschaft Den Krieg überleben“, die auch weiterhin mit speziellen Hilfsprogrammen Unterstützung für die Bevölkerung organisierten.

Das Projekt „Kohle für Kohle“, mit dem besonders hilfsbedürftige Personen unterstützt werden, und nicht zuletzt der Kinderzirkus Pinocchio, der den Clown Juppino alias Jupp Steinbusch, Aachener Friedenspreisträger 2007, immer wieder zu den Kindern, die in den Flüchtlingslagern auf ihn und seinen Zirkus warteten führte, sind beispielhaft für das vielseitige friedliche Engagement dieser Organisation.

Die Finanzierung des Projektes:

Das Projekt Bina Mira ist entsprechend der Satzung des „Aachener Netzwerkes für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit e.V.“ eine gemeinnützige, nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtete europäische Friedenstheater- und Jugendbewegung. Dementsprechend werden alle eingehenden Gelder der Umsetzung der Projektidee zugeleitet und dienen

• der Vorbereitung des Friedenstheaterfestivals

• der Unterstützung bei anfallenden Reisekosten für anreisende Gruppen,

• dem verbessern, Erhalten und evtl. Schaffen der baulichen Voraussetzungen,

• der Anmietung von Aufführungsstätten

• der Unterstützung bei der Unterbringung von auswärtigen Teilnehmern,

• der Bezahlung von Kräften, deren Arbeitsaufwand den Bereich des ideellen Helfens bei weitem übersteigt.

Die Gelder für die Finanzierung des Projektes werden von Privatpersonen, Firmen, Stiftungen, öffentliche

Einrichtungen (z.B. Schulen), sowie auch von europäischen, staatlichen und örtlichen Gemeinden aufgebracht.

Spendenkonto:

Aachener Netzwerk für humanitäre Hilfe und interkulturelle Friedensarbeit e.V.,

Stichwort: „Bina Mira“, Konto 317008 Sparkasse Aachen, BLZ: 390 500 00 (Spenden können steuerlich abgesetzt werden)

Ansprechpartner:

Heinz Jussen, Grünthal 9, B - 4728 Hergenrath,
FON: 241-5310662 ,
E-mail: heinz-jussen@web.de

Krieg ist die
"ultima irratio"

Das Afghanistan-Desaster der NATO zeigt ebenso wie andere Militäraktionen, dass Kriege heute kaum noch gewinnbar sind. Zu glauben, man könne damit Probleme lösen, erweist sich immer häufiger als tödliche Illusion.

Zivile Konfliktbearbeitung dagegen kann Bürgerkriege beenden. Der Aachener Karlspreisträger Andrea Riccardi hat das in Moçambique eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Krieg hat aufgehört, "ultima ratio" zu sein, Krieg wird immer deutlicher zur "ultima irratio".

So ist es ein wenig still geworden um die vor wenigen Jahren noch hochgepriesenen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ihre Perspektive steckt in der Sackgasse Afghanistan. Längst sind die Generale kleinlaut geworden, geben offen zu, dass ihre Fähigkeiten begrenzt sind, dass Militär keinen Frieden schaffen kann. Allenfalls Zeit gewinnen, damit Politik Frieden schaffen kann, lautet jetzt ihre Devise.

Die offenkundige Krise militärischer Möglichkeiten stärkt die Chancen für eine neue Sicherheitsdebatte, mit dem Ziel, ernsthaft den Krieg zu ächten. Der Schlüssel liegt in der von einem der Obama-Vorgänger, Woodrow Wilson, während des Ersten Weltkrieges entwickelten Konzeption der kollektiven Sicherheit. Dabei geht es darum, nicht die Sicherheit einzelner Staaten auf Kosten anderer Staaten, sondern die Sicherheit aller Staaten gemeinsam zu gewährleisten. Der Krieg muss als gemeinsame Gefahr für alle aufgefasst werden, der die Interessen der gesamten Gemeinschaft berührt". Sicherheit wird damit als unteilbar betrachtet.

Otmar Steinbicker