13.01.2012 - Theresa Cusimano, eine Aktivistin der US-Friedensorganisation SOA Watch, wurde am Freitag in Columbus im US-Bundesstaat Georgia zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt.
Die 43 jährige Theresa Cusimano war am 20. November 2011 in einer Aktion des gewaltfreien zivilen Ungehorsams auf das Gelände der Militärbasis Fort Benning in Georgia eingedrungen, um gegen die fortgesetzte Ausbildung lateinamerikanischer Militärs unter anderem in Foltertechniken zu protestieren. Theresa Cusimanos demonstrativer Akt, über den Zaun des Militärgeländes zu klettern, war Höhepunkt einer großen Protestaktion von mehreren tausend Teilnehmern vor der Militärbasis, die als „School of the Americas“ berüchtigt war und später umbenannt wurde. An der Demonstration nahmen auch der prominente US-Schauspieler Martin Sheen sowie Menschenrechtsaktivisten aus Honduras, Kolumbien, Haiti und Costa Rica teil.
„Unsere Botschaft wird im Kongress nicht gehört, weil unsere Abgeordneten mit anderen Prioritäten gekauft worden sind“, begründete Theresa Cusimano ihre spektakuläre Aktion. „Ich habe den zivilen Ungehorsam gewählt, weil die gesetzlosen Taten der „School of the Americas“ Verbrechen gegen die Menschenrechte sind, ungeeignet für eine so genannte Weltsupermacht.“
Theresa Cusimano, die für ihr „Vergehen“ die höchste mögliche Strafe erhielt, wurde im Anschluss an die Urteilsverkündung noch im Gerichtssaal verhaftet, weil Richter Stephen Hyles ihr nicht gestattete, selbst die Haft anzutreten. Richter Hyles ist bekannt dafür, dass er Proestaktionen in Fort Benning immer mit maximalen Gefängnisstrafen belegt. Theresa Cusimano war bereits 2008 wegen der gleichen Protestaktion zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Insgesamt sind bisher wegen Aktionen zivilen Ungehorsams gegen die Folterschule in Fort Benning 300 Menschen zu mehr als 100 Jahren Haft verurteilt worden.
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Roy Bourgeois im Gespräch mit aixpaix.de-Herausgeber Otmar Steinbicker. Foto: Michael Klarmann |
In ihrer Verteidigungsrede erinnerte Theresa Cusimano das Gericht an die erste Aktion zivilen Ungehorsams auf dem Militärgelände von Fort Benning vor 22 Jahren. Damals war der katholische Priester Roy Bourgeois, mit zwei Freunden in Militäruniform in Fort Benning eingedrungen und hatten von einem Baum gegenüber einem Kasernengebäude, in dem junge Soldaten aus El Salvador untergebracht waren, die letzte Predigt des salvadorianischen Bischofs Oscar Romero vor seiner Ermordung mit einem Casettenrecorder abgespielt. Roy Bourgeois war für diese Aktion zu zwei Jahren Haft verurteilt worden.
Theresa Cusimano erklärte vor Gericht, der Zaun, der Fort Benning umgibt und über den sie kletterte, sei nicht gebaut worden, um die USA vor der Verantwortung für die durch die Militärschule geförderten Verbrechen gegen die Menschenrechte zu schützen. Die Verfassung der USA gebiete Transparenz, von militärischer Ethik ganz zu schweigen. „Doch Sie lassen mir Handschellen anlegen und mich erkennungsdienstlich behandeln wie eine Kriminelle“, sagte sie Richter Hyles ins Gesicht.
Die Gefängnisse in den USA seien überfüllt, die Gerichte unterfinanziert. „Doch Sie, Stephen Hyles, erlauben sich, uns das Eindringen auf Militärgelände vorzuwerfen, vergeuden dafür Steuergelder und ignorieren Talent und Idealismus, die besser benutzt werden könnten.“ Die Richter verhinderten Bemühungen der Verteidigung, die Praktiken in Fort Benning ans Licht zu bringen. So seien Experten für internationales Recht, die die Verteidigung als Zeugen benennt, nicht angehört worden.
Theresa Cusimano erinnerte an die berühmte Abschiedsrede von US-Präsident Eisenhower. In dieser Rede hatte der frühere General davor gewarnt, dass der Militärische Komplex alle Mittel des Land aussaugen würde. Sie erinnerte an den Friedensnobelpreisträger und südafrikanischen Bischof Desmond Tutu, der die Amerikaner aufforderte: "Hören Sie auf, amerikanischen Krieg zu exportieren."
„Ich mache Sie, Richter Hyles, verantwortlich für die Schulen, die dieses Jahr schließen müssen, für die Kürzungen der Ausgaben für die Kriegsveteranen, weil solche Ausgaben zu teuer geworden sind“, erklärte Theresa Cusimano. „Sie waren still, als Steuergelder von der inzwischen umbenannten „School of the Americas“ in den jüngsten honduranischen Staatsstreich flossen.“ Weiter las sie dem Richter die Leviten: „Ihre Mitschuld geht heute in die Akten ein als Obstruktion internationaler Justiz und amerikanischer Rechtsstaatlichkeit. Sie hätten eine andere Wahl. Ich wünschte, Sie hätten den Mut und die Ehre eines Roy Bourgeois.“
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Roy Bourgeois vor der Verleihung des Aachener Friedenspreises 2005. Foto: Michael Klarmann |
Roy Bourgeois, war der Begründer der Proteste gegen die Folterschule in Fort Benning. Der ehemalige Berufsoffizier der US-Armee wurde nach dem Erlebnis des Vietnamkrieges katholischer Priester und ging nach Südamerika, um den Armen zu helfen. Seine Teilnahme an gewaltfreien Protestaktionen gegen die Militärschule von Fort Benning brachte ihm vier Jahre Haft in USA-Gefängnissen ein. 2005 wurde Roy Bourgeois für seine langjährige Arbeit mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet. Die US-amerikanischen Qäker nominierten Bourgeois 2010 für den Friedensnobelpreis.
Otmar Steinbicker,Graswurzelrevolution , Nr. 366, Februar 2012
Eine Leseprobe aus der Biografie von Roy Bourgeois
Homepage SOA Watch: Close the School of the Americas
Der untenstehende Film zeigt ein Interview mit Theresa Cusimano vor ihrem Prozess.
Fort Benning, Georgia, 9. August 1983. Endlich war die Sonne untergegangen. Jetzt mußte gehandelt werden. Jetzt galt es, die für El Salvador bestimmten Mannschaften herauszulocken.
Roy Bourgeois war bereit. Er war sich nicht sicher, ob es Larry Rosebaugh schaffen würde, durch die Sicherheitskontrollen der Militärbasis zu gelangen. Rosebaugh, ein freundlicher Oblaten-Priester, war als Straßenarbeiter in Brasilien gewesen. Sogar in der Militäruniform, die Bourgeois ihm im örtlichen Laden für Armeeausrüstung gekauft hatte, war Rosebaugh keine wirklich militärische Erscheinung.
Linda Ventimiglia, Reserveoffizierin in der Armee, würde keine Schwierigkeiten haben. Sie und Bourgeois, ein ehemaliger Marineleutnant, hatten Rosebaugh einen Schnellkurs in militärischem Auftreten und Grüßen verpaßt.
Als es dunkel war, brachen die drei auf, gekleidet in die Uniformen hochrangiger Offiziere, mit Auszeichnungen, die sie ebenfalls im Armeeladen gekauft hatten. Sie luden ihre Ausrüstung in den Geländewagen eines Freundes, der sich bereit erklärt hatte, sie auf die Basis zu fahren.
Bourgeois nahm Haltung an, als sie sich dem Eingang näherten. Der Wagen hatte einen Aufkleber „Fort Benning“. Ein Militärpolizist schien sie am Kontrollpunkt besonders kritisch zu beäugen. Dann staunten sie: Er nahm Haltung an, grüßte, und sie grüßten zurück, selber etwas unsicher. Der Fahrer steuerte sachte auf die Basis, vorbei an mehreren Warnschildern: „Sie befinden sich auf verbotenem Gebiet. Personen ohne Genehmigung werden bestraft.“ Der Wagen hielt in der Nähe einer Panzerstraße in den Wäldern. Dort griffen die drei schnell ihre Sachen und gingen die Straße weiter in Richtung auf die Quartiere, wo einige hundert salvadorische Soldaten untergebracht waren.
Bald erschienen die Lichter der Baracken. Die drei schlichen sich näher heran und hielten Ausschau nach einem passenden Baum. ...
Ventimiglia und Rosebaugh stiegen langsam auf und ließen dann die Strickleiter hinab. Bourgeois befestigte den Kassettenspieler hoch oben im Baum in Richtung auf die Baracken. Seufzer der Erleichterung, sie waren im Bauch des Biests angelangt. Bourgeois, ein Maryknoll-Priester, betete leise, daß niemand erschossen werde, und machte sich nochmal die Gründe klar, warum sie sich so in Gefahr begaben.
Es war nicht schwer zu verstehen: Das US-Militär trainierte eine brutale ausländische Truppe auf dem Boden der USA. Die Truppe diente in El Salvador einer kleinen Oberschicht, welche in Reichtum schwelgte, während die Armen im Elend lebten. Es war eine Truppe, die unschuldige Menschen zu Tausenden hingeschlachtet hatte, Frauen und Kinder, Priester und Nonnen, eine Truppe, die auch zwei gute Bekannte von ihm vergewaltigt und ermordet hatte.
Bourgeois wußte aus erster Hand, was diese Ausbildung bedeutete. Als Marineoffizier hatte er gelernt, mit einer M-16 zu schießen, und hatte später Hunderte von vietnamesischen Kindern angetroffen, die durch US-Waffen verstümmelt worden waren. Auch als Missionar in Bolivien hatte er die Verbrechen einer von den USA ausgebildeten Truppe gesehen.
Wochenlang hatten Bourgeois und seine Freunde protestiert gegen die Ausbildung der salvadorischen Truppe, ohne Erfolg. Nun aber, wenn sie genug Mut faßten, würden sie mit ihrer Botschaft unmittelbar die Salvadorianer erreichen.
Das Warten im Baum schien endlos. Die Drei veränderten ihre Körperhaltung, um sich etwas Erleichterung zu verschaffen. Plötzlich erloschen die Lichter in den Baracken. Jetzt war es soweit. Die Drei waren auf alles gefaßt, als Bourgeois hinlangte und den Knopf am Kassettenspieler drückte. „Oscar,“ sagte er, „das tu ich für dich.“
Unmittelbar danach erscholl aus den Baumwipfeln auf Spanisch die Stimme des toten Erzbischofs von El Salvador, Oscar Romero, und brach das Schweigen da unten:
„Ich möchte gerne einen besonderen Aufruf an die Armee richten und an die Mitglieder der Nationalgarde, der Polizei und des Militärs: Brüder, jeder von euch ist auch einer von uns. Wir sind ein Volk. Die Bauern, die ihr tötet, sind unsere Brüder und Schwestern. Wenn euch jemand befiehlt zu töten, dann denkt daran, daß Gott spricht: Du sollst nicht töten!“